Krawatten-Mode

Der Binder – für viele Männer ein notwendiges Übel

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Dorothea Hülsmeier

Jeden Morgen stehen Millionen Männer vor dem Spiegel und kämpfen – manche mehr, manche weniger – mit der Krawatte. Sie zerren und ziehen, wickeln und knoten die oftmals als lästig empfundene Stoffbahn. Eine Ausstellung gewährt nun Einblicke in die lange Geschichte des Binders.

Es gibt 85 Möglichkeiten, eine Krawatte zu binden – das haben Physiker errechnet. Der normale Mann kennt in der Regel gerade mal einen Knoten, mit dem er sich häufig auch noch ziemlich abmüht. Mal sitzt er zu eng am Hals, dann ist er wieder zu klein oder sitzt schief. Letzter Ausweg: Den einmal perfekt gebundenen Knoten einfach so lassen, den Kopf abends aus der Schlinge ziehen und die Krawatte mit dem fertigen Knoten morgens wieder über den Kopf streifen.

Eine Ausstellung im rheinischen Zons mit dem bezeichnenden Titel „ Kulturstrick “ gewährt jetzt Einblicke in die Geschichte der Krawatte und der Krawattennadel, in die Kunst des Knotens und in aktuelle Designs. Ursprung der Schau ist ein Krawatten-Wettbewerb des Handwerksmuseums im niederbayerischen Deggendorf: 174 witzige, schräge, aber auch zeitlose und elegante Krawatten und 151 Krawattennadeln wurden ausgewählt.

Wer kennt noch den Onassis-Knoten?

Es muss dabei längst nicht immer nur Seide sein. Rosafarbene Schweine auf Filz, grüner Kunstrasen, Dollarscheine und Erdnüsse (in Anlehnung an Josef Ackermanns berühmte „Peanuts“) für die Banker-Krawatte, Papier, Plastik, gehäkelter Draht, Mode-Etiketten, mit Reißverschluss, aus Wollfäden oder Granit – die Fantasie der Wettbewerbsteilnehmer beim Lang- oder Querbinder kennt kaum Grenzen. Manche Designs sind fast nicht als Krawatte zu erkennen, etwa ein rot-orangefarbener Halsreifen aus Acryl oder ein verbogener dünner Metallkleiderbügel. Ob der Mann von heute sich diese Seltsamkeiten um den Hals legen würde, ist eine andere Frage.

Ganz im Gegensatz zu den Exponaten der Ausstellung in Zons scheint heute die Devise bei der Krawattenwahl zu lauten: „Bloß nicht auffallen". Dabei könnten Männer ihrem Äußeren doch zumindest mit der Wahl ihres Krawattenknotens noch eine persönliche Note verleihen. Aber wer kennt heute schon noch den Onassis, den Merowinger oder den Windsor? Stattdessen hat sich in der Welt der Krawattenmänner der „Four in Hand" durchgesetzt, benannt nach einem Knoten, der die Zügel beim Pferde-Vierspänner verbindet.

Die Geschichte der Krawatte selbst verweist ins Reich der Legenden. Schon die chinesischen Tonkrieger des 3. Jahrhunderts v. Chr. trugen einen geknoteten Schal um den Hals. Im Dreißigjährigen Krieg gehörte ein Halstuch zur Uniform der kroatischen Kavallerie, die auf Seiten des französischen Königs kämpfte. Angeblich war dies der Auslöser für den Siegeszug der Krawatte. Umstritten ist, ob das französische Wort „cravate“ von „croate“ abzuleiten ist.

In den 1940er-Jahren kamen Krawatten mit vorgefertigten Knoten für feinmotorisch weniger begabte Männer auf den Markt. In den 50er-Jahren trugen die sogenannten "Halbstarken" die schmale Westernkrawatte. Ein Blick auf die Mode der DDR zeigt, dass man im sozialistischen Einheitsregime in den 60er-Jahren ebenso wenig grelle Farben scheute wie im Westen. Allerdings war die Krawatte bei der 68er-Generation als „Zivilisationsleine“ und Symbol des Spießertums verpönt.

„Der Mann ist so viel wert wie seine Krawatte, denn die Krawatte – das ist er selbst“, resümiert der französische Schriftsteller Honoré de Balzac 1928 unter Pseudonym in dem Bestseller „Die Kunst des Krawattenbindens“. Um einen Mann zu beurteilen, genüge ein Blick auf seinen Binder. Das Traktat endet für viele Männer ernüchternd: „Die Kunst des Krawattenbindens erlernt sich nicht, sie erfordert Instinkt und Inspiration.“

Die Ausstellung "Der Kulturstrick" ist noch bis zum 5. Juli 2009 im Kreismuseum Zons zu sehen.

( dpa )