Beziehungskisten

Frauen zwischen Romantik und Liebesblödheit

Was ist bloß aus der Romantik geworden? Sich fallen lassen, taumeln, lodern, liebesblöd sein – das bedeutet für eine Gesellschaft, die es gerne hübsch nüchtern und geordnet hat, nichts mehr. Romantische Gefühle mögen unzeitgemäß sein und sind im Supermarkt nicht zu kaufen. Aber sie bleiben dennoch: unersetzlich.

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Es beginnt mit einem Blick. Es beginnt immer mit einem Blick. Du schaust hin, er schaut zurück. Dann schaust du weg. Und versuchst, irgendwie ein drittes Auge zu entwickeln, damit das dann sehen kann, ob er dich immer noch anguckt, ohne dass du dich preisgeben musst. Aber du hast ja nur die zwei Augen und deswegen keine andere Wahl, als wieder hinzuschauen, wenn du wissen willst, was da gerade passiert. Und du kannst ohnehin nichts anderes tun. Aber wenn du ihn jetzt wieder anschaust, dann ist es zu spät. Dann ist es längst passiert. Dann hat es dich getroffen.

Das Konzept der Liebe durch einen Blick wie einen Blitzschlag hat die Menschheit so sehr fasziniert, dass es sich in jeder Populärkultur, jeder Epoche findet. Es ist ein altes Lied. Strauss' Rosenkavalier singt davon genauso wie Kylie Minogue.

Die Liebe ist ein Pfeil, der mitten durch das Herz geht. Es ist ein Klischee, mag sein. Und das Bild kann nur nachvollziehen, wer liebt, oder wenigstens einmal geliebt hat. Aber dann verlässt es einen nicht mehr. Diese Idee von einer Spitze, die einen durchbohrt, der stechende Schmerz, auf den sich alles konzentriert und der dazu führt, dass man sich unglaublich sterblich fühlt und unglaublich lebendig. Man kann durch ihn verbluten, völlig leer fließen, sich total entgrenzen.

Peinlich, oder? Genau. Ein Paradox: Auf der einen Seite einer der am weitesten verbreiteten Topoi, und doch, wenn es einen selbst erwischt, hält man sich und seine Liebe für absolut unverwechselbar. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, was die wild romantische Liebe so unwiderstehlich macht. Man wird durch sie einzigartig.

Seltsamerweise scheinen aber gerade mit dieser Einzigartigkeit die wenigsten noch etwas zu tun haben zu wollen. Sich haltlos verlieben? Mal sehen, es könnte noch was Besseres kommen, einer, der ein bisschen größer ist, einer mit einem schnelleren Auto, mit einem cooleren Job. Liebe auf den ersten Blick? Das ist eine schöne Idee, aber das heißt ja nicht, dass man sofort am selben Abend noch anrufen müsste.

Romantik ist längst nicht mehr etwas, was man so ohne Weiteres zulassen will. Sie ist verlernt worden. Die Liebe funktioniert beleidigend oft nach konsumierbaren Mustern. Romantik wird verkauft als das Candle-Light Dinner der „Ristorante Pizza“-Werbung: Ein Abendessen mit Lüstern auf rotem Samt.

Oder ein Wochenende in Paris. Ein Hubschrauberflug mit Heiratsantrag, so wie ihn Kai Pflaume in „Nur die Liebe zählt“ möglich macht, damit der Rest der Welt zu Hause vor dem Fernseher sitzen und mitheulen kann. Romantik gilt als das, was die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch „Konsum der Romantik“ kritisiert: Standardisierte Gefühle. Sie sind leicht zu erzeugen durch billige Komponenten wie brennende Kerzen, helle Geigen und schweren Rotwein.

Romantik folgt nicht den Gesetzen des Marktes

„Ich bin total romantisch“, sagt meine Freundin. Sie will, dass der Mann sie zum Essen einlädt, sie will, dass er als Erster anruft nach der ersten Nacht und dass er ihr Blumen schenkt. Sie hält sich an einen allgemeingültigen Codex. Romantik aber ist ihrem Wesen nach gerade nicht konventionell, sondern subversiv. Sie folgt nicht den Gesetzen des Marktes. Im 19. Jahrhundert nicht denen des Heiratsmarktes, und im 21. Jahrhundert nicht denen des Supermarktes.

Mit dem Pfeil ist es wie mit dem Blick. Man sieht, man trifft, und doch vernebelt sich im Wahn der Liebe alles. Deswegen sind Liebende letztendlich auch asozial. Sie sind für die Gemeinschaft nicht zu ertragen mit ihrer Exklusivität, dem nur aufeinander bezogen sein.

Deswegen machst du das auch nicht. Einfach zugreifen und loslieben ist ein Wagnis geworden. Du könntest jetzt deine Hand nach ihm ausstrecken. Auch wenn das unpassend ist, schön wäre es. Sich fallen lassen, taumeln, lodern, liebesblöd sein. Aber du hältst dich zurück. Er könnte dieses denken oder jenes. Wie sähe das denn aus? Doch wenn du anfängst zu denken, dann ist es schon zu spät.

Die Gegenwart sieht den Furor der Leidenschaft lieber gezähmt. Mit der Liebe verhält es sich ein bisschen so, wie es Sandra Gilbert in „Deaths's Door“ für die Trauer feststellt: Was auch für Emotionen einen befallen mögen, die Umwelt findet den Exzess des Gefühls unangenehm, unangebracht und gönnt dem Getroffenen kaum mehr als ein paar Tage Wahn. Danach hat man wieder zu funktionieren. Sich abzuregen, einzufügen.

Beobachten kann man das in der Öffentlichkeit vor allem bei der Gegenseite des Verliebens. Der Trennung. Madeleine von Schweden hat in dieser Woche ihre Verlobung gelöst. Sie und der schmucke Jonas Bergström gehen in Zukunft getrennte Wege, teilte der königliche Hof mit. Die Klatschpresse vermutet, dass eventuell die Affäre des Anwalts mit einer 21-jährigen Norwegerin beim Après-Ski etwas damit zu tun haben könnte. Aber wie Prinzessin Di einst heulend vor der Kamera zu sitzen, das passt nicht zu einer patenten Schönheit wie Madeleine. Sie schweigt und taucht in New York unter.

Vor ein paar Wochen hat Sandra Bullock Jesse James verlassen. Trennungsgrund: Mrs McGee, deren Pornoname Michelle Bombshell ist. Auch hier gab es keine versteinerte Sandra Bullock in den Magazinen, keinen Abgrund, keine Verzweiflung. Der Fall wurde pathologisiert – Jesse James ging in eine Klinik für Sexentzug – und nach dem Vorbild von Politikern zur Ermüdung inszeniert: James entschuldigte sich bei denjenigen, denen er Leid zugefügt hatte und erklärte, dass er allein die Verantwortung für sein Tun trüge. Sandra Bullock hat die Scheidung eingereicht und einen dreieinhalb Monate alten Jungen adoptiert. Also alles geregelt.

Selbst Menschen, von denen man ein bisschen mehr Tiefe erwartet hätte, trennen sich sang- und klanglos. Kate Winselt und Sam Mendes. Sie verabschiedeten sich laut Anwälten „absolut freundschaftlich und einvernehmlich“ voneinander. Anscheinend kamen noch nicht mal Après-Ski oder andere weibliche Kampfmittel zum Einsatz. Dem Boulevard fiel nicht mehr zur Trennung vom x-ten Hollywood Traumpaar ein als reflexhafte Verdächtigungen: Hat er eine andere oder sie? Wie prosaisch.

Dieses Nichts zwischen Winslet und Mendes ist fast erschütternder als die Geschichten von Leinwandkönigin und Schwedenprinzessin. Die Liebe ging ohne großen Umstand in eine sachliche Romanze über und fand dann ihr Ende. Ganz natürlich. Natürlich?

Was ist bloß los? Was ist aus der Romantik geworden? Irgendwie, so scheint es, hat der Mainstream daran kein Interesse mehr. Fallen, Schwärmen, Sehnsucht – das ist für eine Gesellschaft, die es gerne hübsch nüchtern und geordnet hat, eben nichts. Vielleicht zerreißt es den Menschen immer noch das Herz. Aber zeigen tun sie es nicht mehr. Das große Zurschaustellen des unstillbaren Leidens war mal ein ganzer Aspekt des edlen Lebens, wer liebte und darüber sprach, wie sehr er litt, der zeigte seine Empfindsamkeit und damit seinen Geist. Wer seine Verletzlichkeit zugab, der bewies damit seine Größe. Ein Spiel mit den Inszenierungen des Leidens.

Liebesleid ist heute nur noch Nebensache

Heute ist das Nebensache geworden. Man ist cool, umworben, begehrt. Aber selber begehren bedeutet nichts mehr. An die Stelle der großen Wunde tritt die Verhandlung darüber, wer die Espressomaschine behalten darf.

Es ist nicht seltsam, dass keine Wunde nach einer Trennung bleibt, wenn schon beim Verlieben keine gerissen wurde. Seit die Menschen schreiben können, haben sie sich damit beschäftigt, anderen Vorschriften darüber zu machen, wie sie zu lieben haben. Für Männer gab es die Gedichte der großen Romantiker, die dürfen sich verzehren, vergehen, brennen. Für Frauen, von denen man ausgeht, dass sie einfacher gestrickt seien, die Benimmbücher. Triff dich nie alleine mit einem Mann, wenn du nicht aufs Ganze gehen willst, verliebe dich in keinen, den deine Freunde nicht mögen, mach dich rar, bis er so rast, dass er dich sofort heiraten will.

Die Ratschläge sind dieselben geblieben, ob sich die Literatur nun an die Ladys des 16. oder die Damen die 19. Jahrhunderts richtet, und der amerikanische Klassiker „The Rules“ mit dem schönen deutschen Titel „Die Kunst, den Mann fürs Leben zu finden“ ist eines der meistverkauften Taschenbücher weltweit. Der Dating-Coach zeigt, wie man einen Mann so weit manipulieren kann, dass er sich in dich verliebt. Die Hauptregel: „Behalte deine Gefühle für dich“.

Längst gilt die „gelten=selten“-Formel nicht mehr nur für Frauen. „Auf keinen Fall darf sie denken, dass ich nicht mehr ohne sie leben kann“, sagt mein frisch verliebter Freund. Aber genau das ist es ja. Eine Liebe an der Grenze zur Geisteskrankheit – wer sich das noch nie gewünscht hat, der hat es auch nicht verdient.

Exzesse der Liebe sind auf die Leinwand verlagert worden. Gerade läuft ein wunderbarer Film über bedingungslose Liebe im Kino, der zeigt, wie es gehen könnte. „A Single Man“ – die Geschichte eines Mannes, der ohne den leben muss, in dem er sich verloren und gefunden hatte. So groß war die Liebe, dass George seit dem Tod seines Geliebten Probleme hat, er selbst zu sein. „Morgens“, so beginnt seine Erzählung, „brauche ich immer ein wenig Zeit, um zu George zu werden. Zeit, um dem zu entsprechen, was von George erwartet wird.“

Der, der eigentlich George ist, ging verloren, als Jim starb. George verweigert seitdem das Leben. Die Kubakrise interessiert ihn nicht, genauso wenig wie die sexuellen Angebote, von denen er nicht zu wenig bekommt. Aber George hat sich einem verschrieben und als es den einen nicht mehr gibt, da wünscht er sich den Tod. Verloren haben sich die beiden aneinander von Anfang an. Bei ihrem ersten Abend, den wir in einer Rückblende sehen, haben sich Jim und George gerade erst getroffen. Sie drängeln sich durch eine volle Bar gemeinsam durch das Gerangel, als sich eine Frau an Jim ranschmiegt und ihn auffordert, ihr einen Drink zu kaufen. „Ich bin vergeben“, sagt Jim da und verkriecht sich in Georges Augen. Kompromisslos.

Romantik ist immer noch ein bisschen Anarchie

Romantische Liebe verbindet man leicht mit Jugend. Mit Geschichten wie der von Romeo und Julia, zwei, die im Grunde gerade noch Kinder waren und auf der Suche zu sich selbst über den anderen stolpern. Unschuldig, leichtsinnig, leidenschaftlich. Aber so etwas geht nur gut in einer Zeit, in der die Widerstände gegen die die Liebe zu kämpfen hatte, noch verfeindete Eltern oder gar Völker waren. Heute sind die Widerstände andere geworden. Aber die Romantik hat das Element der Anarchie nicht verloren.

Man kann es in dem großartigen Roman von Iris Hanika „Treffen sich zwei“ von 2008 nachlesen. Hier verwühlen sich zwei ineinander, die die Liebe unvorbereitet trifft. Sie sind über vierzig und damit fehlt ihnen die Grundlage für die klassische Romantic Comedy, die ja im Haus mit Garten, Hund und Kindern endet. Und genau das ist auch ihre Klippe. Das Schicksalhafte ihrer Begegnung mag sich nicht so recht mit dem Alltag vertragen. In dem nämlich hat Senta ein Problem mit den durchgescheuerten Hemden, die Thomas trägt, und fragt sich schon am ersten Morgen, ob sie jemanden heiraten kann, der solche Schuhe trägt. Er hingegen versteht nicht so recht, warum sie sofort so kompliziert sein muss.

Hanikas Helden sind schon viel zu alt. Sich den Rest des Lebens zu versprechen, wenn der Rest gar nicht mehr so lange ist, hat auf den ersten Blick eben keine Dramatik. Sie sind zu alt, als dass sie sich nicht schon jeder längst in ihrer eigenen Welt eingerichtet hätten, wo der eine andere, the significant other, längst als Fantasiebild lebt. Trifft man ihn in der Realität, weiß man erst mal nicht so recht, mit ihm umzugehen. Hanikas Liebende sind peinlich und rührend und unpassend und damit auf eine viel tiefere Art romantisch als ein Film vom Stile „Pretty Woman“, wo am Ende die Prostituierte dann doch noch ein Studium beginnt und alles, was daneben war, sich als ohnehin immer schon perfekt herausstellt.

Doch warum verschlingen wir Filme über die Romantik und lassen davon so wenig in unserem Alltag zu? Vielleicht, weil die Romantik das Ende der Selbstironie ist und deswegen so schwer zu vermitteln in einer Zeit, in der die lustige Inszenierung des eigenen Ichs alles ist. Man muss sich selbst ernst nehmen. Das muss man sich aber erst mal trauen.

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