Typisch Jäger! Wenn Prinz Harry, wie kürzlich gemeldet, zwei artengeschützte Kornweihen vom Himmel holt, US-Vizepräsident Dick Cheney statt der anvisierten Wachtel fast einen Nachbarn zur Strecke bringt, oder der spanische König Juan Carlos in Russland bei einer Jagd mit Abschussgarantie einen zahmen Bären erlegt, hat das zwar herzlich wenig mit Jägern hierzulande zu tun, gut tut es ihnen dennoch nicht.
Doch was lange Jahre als Altmännerbetätigung verrufen war, findet heute immer mehr junge – und weibliche – Anhänger. Diese "neuen" Jäger suchen vor allem die Nähe zur Natur.
Eingangs beschriebene Ereignisse fügen sich scheinbar nahtlos mit solchen zusammen, die auch bei uns in den vergangenen Jahren immer wieder Schlagzeilen machten. So wie der Tod des einzigen in Niedersachsen frei lebenden Wolfes, den ein jagender Greis nach eigenem Bekunden irrtümlich für einen streunenden Schäferhund hielt. Das Ergebnis: ein verheerender Imageschaden. Jagd erschien den meisten Menschen als kostspieliges Hobby von in dunklen Loden gewandeten erzkonservativen Männern, bei denen sich offenbar Ignoranz, Trophäenversessenheit und gelegentlich auch eine Portion Herrenmenschen-Attitüde zu einer unangenehmen Mischung verbanden.
Jäger ist keine Aussterbende Gattung
Anders als die Kornweihe sind Jäger keineswegs vom Aussterben bedroht: Im vergangenen Jahr waren exakt 286 811 Jäger im Deutschen Jagdschutzverband (DJV) organisiert, 1970 waren es noch 100 000 weniger, und nach einem leichten Knick um die Jahrtausendwende steigt ihre Zahl seit 2003 wieder kontinuierlich. Allein 2006 wurden in Deutschland 9201 neue Jagdscheine ausgegeben, wobei die ihm vorausgehende Prüfung "schwieriger als das Abitur" sei, wie Jäger gerne betonen. Doch was treibt die Jäger an?
"Kürzlich hatte ich einen wunderschönen 20-Ender vor mir", erzählt Birgit Hünemörder. "Aber warum sollte ich den erschießen, wenn meine Gefriertruhe gerade voll ist?" Die 45-jährige Biologin und Ethnologin hat vor zwei Jahren ihre Jägerprüfung abgelegt, weil sie möglichst viel Zeit in der Natur verbringen und künftig nur noch gesundes Fleisch essen wollte. Sie hat klare Meinungen und Prinzipien. "Ich ersetze das Großraubwild. Wölfe und Bären kommen in unseren Wäldern nicht mehr vor, ihre Stelle muss der Jäger einnehmen." Was für sie aber auch bedeutet, nicht auf Niederwild zu schießen, weil Hase & Co noch ausreichend natürliche Feinde haben, und nicht mehr zu erlegen, als sie verbrauchen kann. Das rettete besagtem Hirsch das Leben.
Wildschweine sind cleverer, als man denkt
Manch Jäger vom klassischen Typus hätte bei dem allein wegen der Trophäe abgedrückt, doch Birgit Hünemörder reizt nicht das Geweih an der Wand. Viel lieber hätte sie zum Winter noch ein schönes Stück Sau im Gefrierschrank gehabt. "Seit einem Jahr versuche ich, so ein dusseliges Wildschwein zu schießen. Aber die Biester sind viel cleverer, als man denkt."
Ihre Ansichten zur Jagd vertritt sie auch in der Arbeitsgruppe Junge Jäger Lokstedt, wo sie sich engagiert. "Kürzlich meinte beim Übungsschießen einer zu mir: 'Man müsste mal einen Biber schießen.' Den habe ich dann schon gefragt, ob er wirklich glaubt, bei uns richtig zu sein." Gruppen wie in dem Hamburger Stadtteil haben sich in den vergangenen fünf Jahren bundesweit in den Landesjagdverbänden gegründet mit dem Hauptziel, Jungjägern Kontakt zu Seniorjägern zu verschaffen und damit Jagdmöglichkeiten zu eröffnen.
Junge Jäger und ihre Reviere
Denn selbst wer nach drei Jahren Jagdpraxis das Recht erworben hat, ein eigenes Revier zu pachten, denkt über diesen Schritt zweimal nach. Nicht nur wegen der Kosten, die bei etwa 10.000 Euro pro Jahr beginnen und für ein Toprevier auch leicht 30.000 erreichen können. Sondern auch wegen der Verpflichtungen. Der Revierpächter ist nicht nur für die Erfüllung der Abschusspläne verantwortlich, die von den lokalen Jagdbehörden alle vier Jahre anhand von Bestandsschätzungen festgelegt werden. Er haftet auch für Wildschäden an landwirtschaftlichen Nutzflächen in seinem Revier.
Doch um das zu leisten, müsste man jede zweite Nacht im Wald verbringen. Die jungen Jäger helfen stattdessen Pächtern im Umland bei der Arbeit in deren Revieren - und dürfen als Gegenleistung dort jagen. Daneben sieht die Hamburger Gruppe Aufklärungsarbeit in Sachen Naturschutz, Wald und Jagd als eine ihrer zentralen Aufgaben.
Das Image vom blutrünstigen Trophäenjäger
Matz Petersen brauchte derlei Aufklärung nicht. Der 25-jährige Landwirtschaftsstudent stammt aus Angeln, einem Landstrich zwischen Flensburg und Kappeln an der Schlei. Dort ist die Natur noch sehr nah. Petersen begleitete schon als Kind seinen Vater im eigenen Revier, begann mit 15 die Ausbildung zum Jugendjagdschein, schoss mit 16 seinen ersten Rehbock.
Aber auch wenn auf dem flachen Land die Jagd keineswegs als anachronistisches Brauchtum verpönt ist, stieß er gelegentlich auf Unverständnis. "Manchmal wurde man schon komisch angeguckt. Leute, die nicht damit aufgewachsen sind, sehen automatisch den blutrünstigen Trophäenjäger." Von dem Klischee sieht sich Petersen weit entfernt, für ihn ist Jagen einfach selbstverständlicher Bestandteil seines Lebens. "Ich interessiere mich für Umwelt und Wild, möchte möglichst viel draußen sein und mit der Natur zu tun haben." Doch so etwas wie ein Jagdtrieb spielt da auch eine Rolle. "Den gibt es sicherlich. Man ist aufgeregt dabei, und es macht Spaß, diese Aufregung mit Freunden zu teilen."
Jäger werden jünger und weiblicher
Mit seinem jungen Einstiegsalter zählt Matz Petersen zwar nicht zu den radikalen Ausnahmen unter den Nachwuchsjägern, Familientraditionen wie die seine sind auf dem Land kein Einzelfall. Noch weniger aber ist er die Regel, denn: Jungjäger sind nur selten ganz jung. Eine offizielle Zahl gibt es nicht, nach internen Schätzungen des DJV liegt das Durchschnittsalter der Absolventen von Jägerprüfungen aktuell bei 35. Tendenz: sinkend. "Wir werden jünger, und wir werden weiblicher", sagt DJV-Sprecherin Anke Nuy. Der Frauenanteil im Verband, in dem fast 90 Prozent der deutschen Jäger organisiert sind, liegt zwar erst bei zehn Prozent. Aber neuerdings sitzen in den Jägerkursen der einzelnen Landesverbände zu 30 Prozent Frauen.
Mechthild Simmer ist eine von ihnen. Die 36-jährige Rechtsanwältin will 2008 ihren Jagdschein machen, ob allerdings jemals ein Reh vor ihr zittern muss, ist ungewiss. "Keine Ahnung, ob ich wirklich ein Tier töten könnte. Aber ich muss ja auch nicht selbst schießen." Für sie ist die aufwendige Prüfung zum einen eine neue Herausforderung, zum anderen geht es ihr um die Vertiefung ihres Fachwissens. Denn die Jagd nimmt längst einen zentralen Platz in ihrem Leben ein, seit sie vor dreieinhalb Jahren den promovierten Wildbiologen Daniel Hoffmann kennenlernte.
Die Jägerschaft als Naturschutzorganisation
Der stammt zwar nicht aus einer Jägerfamilie, bestand dennoch schon kurz nach dem Abitur die Jägerprüfung. Infiziert hatte ihn "so mit 13 oder 14" ein engagierter Jäger, der an seiner Schule eine Projektgruppe zum Thema "Naturschutz im Wald" leitete. Heute forscht Hoffmann an der Universität Kiel im Fachbereich Landschaftsökologie, erstellt Grünordnungspläne für Bauprojekte - und prüft Jagdscheinkandidaten im Saarland.
Sein Anliegen: die Sensibilisierung der Jägerschaft, sich als Naturschutzorganisation zu verstehen. Da gibt es sicher Fortschritte, aber eben auch entscheidende Defizite. Was nicht zwingend eine Frage des Alters ist: "Ich lerne Jäger von 16 bis 80 kennen, die in Naturschutzfragen sehr engagiert sind. Andere empfinden das Thema eher als lästig oder gar als Gängelung. Aber wenn ich bei einer Jagdprüfung Leute vor mir habe, die ein Rotkehlchen nicht erkennen, sind das für mich keine Jäger!"
Erlebnis Gamsjagd in Bayern
Engagement für den Naturschutz und Leidenschaft für die Jagd sind für Daniel Hoffmann dabei durchaus vereinbar. Eines seiner faszinierendsten Jagderlebnisse war eine Gamsjagd in Bayern. "Zu Fuß in die Berge zu steigen und anschließend die Beute auch zu Fuß nach Hause zu tragen ist etwas ganz Spezielles." Und die Hochzeitsreise führte zur Elchjagd nach Schweden.
"Für uns ist das kein Hobby, sondern eine Lebensform", erklärt Mechthild Simmer. Nicht allein, weil der große Freundeskreis des Paares zu 90 Prozent aus Jägern besteht, sondern weil die Jagd auch eine zentrale Rolle bei der Versorgung spielt. Hinter ihrem Haus im nördlichen Saarland gibt es eine Kühlkammer für frische Jagdbeute, die Wildsalami stammt aus eigener Produktion. Hasen, Hühner und natürlich Gemüse aus dem eigenen Garten ergänzen den Speiseplan. "Gammelfleischskandale machen uns keine Angst. Was bei uns auf den Tisch kommt, hat garantiert kein dubioses Futter gefressen und wurde auch nicht mit Pharmazeutika aufgezogen. Bio, aber ohne esoterisches Gedöns."
Typisch Jäger? Vielleicht noch nicht typisch für alle. Aber allemal ein Beweis, dass Jäger nicht von gestern sind. Auch wenn die Ewiggestrigen immer mal wieder Schlagzeilen machen.





