Morgenpost Online: Herr Floc'hlay, warum geht Champagner zur Neige?
Frank Floc'hlay: Die ertragsfähige Anbaufläche der Appellation Champagne umfasst derzeit 32.000 Hektar Rebfläche, die für 320 Millionen Flaschen gut sind. Voriges Jahr wurden 327 Millionen Flaschen verkauft. Es wurde also mehr verkauft, als die Region produziert. So müssen wir uns auf eine Knappheit einstellen.
Morgenpost Online ONINE: Wenn Sie also Anfang des Jahres viel verkaufen, ist ab November Urlaub?
Floc'hlay: Nein, die Kontingentierung ermöglicht uns sogar, in der Distribution selektiver zu werden. Wir entscheiden, auf welchen Märkten wir verstärkt präsent sein wollen.
Morgenpost Online: Und wie viele Flaschen verkaufen Sie?
Floc'hlay: Sie wissen, dass wir hinsichtlich unserer Zahlen nicht sehr transparent sind. Prinzipiell lässt sich sagen, dass Moët Hennessy global gesehen im Champagnerbereich einen Marktanteil zwischen 15 bis 20 Prozent hat. Wir könnten aber, hätten wir die Trauben, viel mehr verkaufen. Freilich wollen wir auch keine Kompromisse hinsichtlich unserer Qualität eingehen.
Morgenpost Online: In Deutschland sind Sie mit Moët & Chandon und Veuve Clicquot Ponsardin Marktführer?
Floc'hlay: Ja, Moët Hennessy führt das Premiumsegment der Wein- und Spirituosen an, also dort, wo der Endverbraucherpreis über 20 Euro liegt.
Morgenpost Online: Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater Franzose - wie unterscheiden sich eigentlich diese beiden großen Weintrinkerländer?
Floc'hlay: Jeder Franzose trinkt im Schnitt sechs Flaschen Champagner pro Jahr, in Deutschland ist es ein Drittel einer Flasche. In Frankreich hat jede Familie eine Flasche Champagner im Kühlschrank. Franzosen zelebrieren schöne Momente des Lebens mit einer Flasche Champagner, es muss nicht nur der Geburtstag sein.
Morgenpost Online: Hat die Mehrzahl der Deutschen ein schlechtes Gewissen, etwas zu feiern?
Floc'hlay: Vor fünf Jahren schon. Und Champagner wurde kannibalisiert. Von Prosecco. Freilich haben die attraktivsten Marken weniger gelitten, weil die Konsumenten stets zu diesen Marken greifen. Schockierend fand ich als Franzose diese "Geiz ist geil"-Werbung. Es spricht nichts dagegen, wenn das beste Preis-Leistungs-Verhältnis angeboten wird. Aber dies als eine generelle Stimmung zu verbreiten ist wirklich nicht förderlich. Inzwischen hat sich die Situation entspannt. Heute ist es selbstverständlich, in einem Restaurant Moët oder Clicquot auf den Tisch zu stellen.
Morgenpost Online: Wobei es regionale Unterschiede gibt. In München lässt sich jeder gerne mit einem Glas in der Hand ablichten, während in Hamburg eine Flasche eher diskret in den eigenen vier Wänden geöffnet wird.
Floc'hlay:
In Deutschland ist eine bemerkenswerte Entwicklung zu beobachten. In den 80er-Jahren wurde Luxus konsumiert, um zu zeigen, dass man sich den Luxus leisten kann. Es ging um Status, darum, sich zur Schau stellen. Inzwischen wird der Luxus weniger gezeigt, dafür haben Konsumenten Spaß an diesen Produkten. Sie schätzen Champagner, weil sie beispielsweise sein Herstellungsverfahren kennen.
Morgenpost Online:
Und dieses Herstellungsverfahren ist kompliziert?
Floc'hlay: Ja. Moët & Chandon hat seit 1743 eine lange, kohärente Geschichte, die wir zu vermitteln versuchen. Jahrelang wurde Moët & Chandon als Formel-1-Rennfahrer-Champagner aus Magnumflaschen versprüht. Inzwischen hat Mumm diese zweifelhafte Ehre übernommen, was für mich okay ist. Moët hat 30 Jahre lang als Partner den Aufbau der Formel 1 begleitet. So konnten wir kommunizieren, dass Moët, vereinfacht ausgedrückt, der Champagner der Gewinner ist. Ende der 90er-Jahre haben wir gesagt, dass Moët auch einen Lebensstil verkörpert, zu dem Eleganz und Geschmack gehören.
Morgenpost Online: Und ihr Kellermeister hat sich gefreut, dass sein Produkt nicht mehr sinnlos versprüht wurde?
Floc'hlay: Dieses Versprühen sollte eine generöse Geste darstellen. Der Gewinner teilt mit seinem Team den Champagner.
Morgenpost Online: Wie und wann trinken Sie Champagner?
Floc'hlay: Es gibt keine Regel, jeder Moment ist anders. Eine Feier, ein langer Abend, ich würde Moët favorisieren, ein sehr guter Wein zum Trinken. Für einen intimeren Moment öffne ich einen Veuve Clicquot, vielleicht einen Rosé. Zum Zelebrieren eines sehr speziellen Moments steige ich auf einen Dom Pérignon um. Mit Kennern wie Ihnen würde ich gerne einen Krug anvisieren.
Morgenpost Online: Gerne. Vielleicht dann einen Krug Clos d'Ambonnay 1995. Haben Sie ihn schon degustiert?
Floc'hlay: Nein, leider nicht. Ein junges Projekt.
Morgenpost Online: Die Flasche soll um die 3000 Dollar kosten?
Floc'hlay: So ungefähr.
Morgenpost Online: Dann schmeckt er auch 30-mal besser als ein Dom Pérignon?
Floc'hlay: Es gibt alte Jahrgänge aus der Dom Pérignon Oenothèque, die genauso viel kosten. Von jedem Jahrgang belässt der Kellermeister einige Flaschen auf der Hefe und wartete mit dem Degorgieren. Dann haben wir noch den aktuellen Jahrgang 1999 sowie den Rosé 1996, sehr exklusiv.
Morgenpost Online: Ich werde Sie nicht fragen ...
Floc'hlay: Danke!
Morgenpost Online: ... wie viele Flaschen Dom Pérignon pro Jahrgang hergestellt werden. Aber die Strategie, dass man darüber spekulieren darf, ohne dass es kommentiert wird, ist sehr gelungen.
Floc'hlay: Es muss etwas Mysteriöses existieren. Sie dürfen aber jederzeit schreiben, dass es nicht genügend Flaschen Dom Pérignon gibt. Karl Lagerfeld hat die Welt des Dom Pérignon mit seinen Fotos interpretiert. Moët & Chandon verheißt Feier und Glamour im Kontext der Welt der Mode, und Dom Pérignon verkörpert das 17. und 18 Jahrhundert, den Sonnenkönig, Versailles und gleichzeitig eine zeitgenössische Lebensart.
Morgenpost Online: Was war der bisher älteste Champagner, den Sie getrunken haben?
Floc'hlay: Es war eine dieser Oenothèque-Flaschen mit dem schwarzen Etikett, ein Dom Pérignon 1959. Ein sehr komplexer, reifer Wein, aber gleichzeitig, da so lange im Keller auf der Hefe belassen, noch äußerst frisch. Ein unglaubliches Erlebnis.
Das Gespräch führte Christian Göldenboog
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