Heiratstrend

Geheiratet wird jetzt immer exotischer

Türkei oder Toskana, Schloss oder Luxushotel. Heiratswillige feiern sich und ihre Liebe nicht nur als Großspektakel an möglichst verrückten Orten, sondern gern auch noch als Mottoparty. Doch nicht für jeden Hochzeitsgast ist es die reine Freude sich als J.R. Ewing zu verkleiden oder baden zu gehen.

Foto: picture-alliance / dpa

Es muss im vorigen Sommer gewesen sein, als mir ernste Zweifel an der Ehe kamen. An meiner eigenen und der Eheschließung im Allgemeinen. Es war der Moment, als mein Mann mit einem weißen Stetson auf dem Kopf und in einem hellblauen Anzug im Türrahmen stand. Ich versuchte gerade in einer Pensionstoilette, irgendwo in Ostdeutschland, mich mithilfe zweier goldener Haarkämmchen in die frühreife Lucy zu verwandeln. Weil es mir misslang, fuhren wir leicht verspannt zu dem versteckten Gutshof in Mecklenburg, auf dem die Dallas-Hochzeit stattfand. Die Einladung unserer Freunde war mit „Sue Ellen und J.R.“ unterschrieben gewesen.

Eine Mottohochzeit, wie lustig, dachten wir da noch und kauften den Cowboyhut und ein fransenbesetztes Kleid. Leider goss es an dem großen Tag wie aus Eimern, und die Frauen trugen Jeans unter ihren Flatterkleidern, während die Männer schon zum Empfang Whiskey tranken. Der Bräutigam sah blendend aus in seinem zitronengelben Anzug, die Braut war unter ihrer 80er-Jahre-Haarpracht nicht auf Anhieb auszumachen. Es wurde ein stilechtes Fest. Unser Kind gab mit seiner Spielzeugpistole noch ein paar Warnschüsse ab, bevor es auf einem Strohballen einnickte. Irgendwie lag der Geruch von Karneval in der Luft.

Kurz danach gab es die Sache mit den geheimnisvollen Prinzeninseln. Meine Freundin Ines hatte sich in einen Türken verliebt, und ein paar Monate später trat ich die fünftägige Reise zu der Inselgruppe vor Istanbul an, von deren Existenz ich bis zum Zeitpunkt der Eheanbahnung nichts geahnt hatte. Das internationale Paar schrieb in der Einladung, dass es nur einen Wunsch hätte: Die Gäste mögen doch alle ihren Jahresurlaub nehmen, anreisen und sich mit ihnen freuen. Man ließ sich nicht lange bitten, und so lag die Festgesellschaft wenig später am Hotelpool in der Spätsommersonne und aß reife Feigen in der Größe von Kindsköpfen. Die bilinguale Trauung fand am Abend mithilfe einer Mikrofonanlage am illuminierten Pool statt, wir saßen an runden Tischen, mein Sitznachbar langweilte sich und mich, und eine etwas anorektische Bauchtänzerin tanzte barfuß auf dem Tisch der Jungvermählten. Meine Freundin trug blutrote Lippen und lächelte, als habe man ihre Mundwinkel geliftet. Während der Rest der Festgesellschaft trank, als gäbe es kein Morgen, und das verdutzte Brautpaar ausgelassen in das Nichtschwimmerbecken schubste, beschlich mich zum ersten Mal das ungute Gefühl: Was läuft hier eigentlich? Warum nur fühlt sich alles eine Nummer zu groß an?

Hochzeiten sind die neuen Megaevents

Nein, ich habe nichts gegen den Brauch des Heiratens. Von all den Anlässen, Champagner in großen Schlucken zu trinken, ist die Liebe immer noch der Schönste. Was an Hochzeitsfesten neuerdings erstaunt, ist auch nicht die Tatsache, dass Mann und Frau den Abschied der Freiheit vergnügt betrinken, sondern dass sie es so exaltiert tun. Eine Hochzeit gleicht immer mehr einem Großevent, als sei man Gast bei einem Mitmachtheater und habe doch nur die Aufgabe, an den richtigen Stellen ordentlich Beifall zu klatschen. Meist ist ja das Argument für überdimensional inszenierte Feste der Liebe, man möchte nun mal alle Welt an seinem unglaublichen Glück teilhaben lassen.

Gern, nur: Langsam wächst mir das Ausmaß der überbordenden Liebe ein wenig über den Kopf. Das neue Hochzeitsmotto scheint zu lauten: It’s show time! Man feiert im ganz großen Stil, mit viel Buhei und vor allem ganz viel Kondition. Früher war das irgendwie anders: Die Liebenden gingen ins nächste Bezirksstandesamt, ließen sich sang- und klanglos trauen, danach gab es Kaffeetrinken mit der Familie und abends Tanz. Dann kam der Donnerstag, und das Leben als Mann und Frau begann.

Heiraten an exklusiven Orten

Heute scheint Eheschließung ein Großprojekt zu sein, etwas, das generalstabsmäßig geplant, organisiert und durchgeführt werden will. Als sei das Gelingen einer Ehe von handgeschriebenen Tischkärtchen abhängig und die Liebe nicht schon vornehm genug. Was ist nur los? Maria Angerer vom Trendbüro aus Hamburg erklärt: "Die Menschen haben eben sehr romantische Erwartungen an die Ehe. Das ist kein neues Phänomen, sie können sich das heute nur finanziell leisten, und es gibt ein größeres Angebot der Industrie." Wenn die Hochzeit Ausdruck des großen Verliebtseins sei, könne das auch zu einem mehrtägiges Fest ausarten.

Jedes Fest muss das vorherige in Entfernung, Länge, Größe und Originalität übertreffen. "Das entfernte Reiseziel drückt ja immer auch die eigene Exklusivität aus", sagt Maria Angerer. Wenn die Toskana also schon weiträumig abgefeiert ist, muss man die Gäste eben an weniger gewöhnliche Orte laden. Melanie Schmitz, seit vier Jahren Betreiberin der Hochzeitsagentur Marry Me in Hamburg: "Es gibt immer mehr binationale Ehen. Der Bräutigam ist beispielsweise Schwede, wir suchen dann ein Sommerhaus, das dem seiner Kindheit ähnelt." Das Motto von Marry Me, ein Name wie ein Flehen: "Wir organisieren Ihnen die perfekte Hochzeit – Sie müssen sich nur trauen!"

Hochzeitsfeiern als Statussymbol

Wer sich traut, muss mit circa 120 Euro pro Person rechnen. "Man will den Gästen eben etwas bieten und fliegt sie nicht vom anderen Ende der Welt für ein Fest ein, das dann nur von 15 bis 18 Uhr dauert." Das habe auch was mit Status zu tun, sagt Trendforscherin Angerer, "Das Alter der Brautpaare ist angestiegen, man hat schon was im Leben erreicht, meistens sind beide berufstätig und können sich so ein gigantisches Fest selbst leisten, ohne, wie früher üblich, auf die Brauteltern angewiesen zu sein." Brautpaare stehen offenbar unter Druck, eine wahnsinnig romantische, symbolbeladene Party zu schmeißen.

Welche Frau da just keinen spanischen Verlobten zur Hand hat, der dazu berechtigt, auf einer Finca unter gleißender Sonne Flamenco zu tanzen, muss zu anderen Mitteln greifen. Zum Beispiel zur immer beliebter werdenden Mottoparty. Da gibt es die Prinzessinnenhochzeit, die Mittelalterhochzeit, die Schiffshochzeit, die Barfuß-im-Sand-Hochzeit... Und so werden Schlösser und Gutshöfe als Location gemietet, Profifotografen und -DJs gebucht, Fünfgangmenüs und mehrere verschiedene Büfetts bestellt, um am schönsten Tag im Leben "rich for one day" zu spielen.

Geschenke für die Gäste sind der neueste Trend

Von der Einladung bis zum Andenken für die Gäste muss alles durchdacht sein. Neuester Trend sind in diesem Zusammenhang Pralinen oder Schnapsflaschen mit dem Foto des jungen Glücks. Oder gar ein iPod Shuffle mit der Musik des Abends, zur Erinnerung.

Nachdem ich bei mehreren Spektakelhochzeiten zu Gast sein durfte, kam mir folgende Erkenntnis: Vielleicht sollte man in dem ganzen Trubel trotzdem immer im Hinterkopf behalten, dass es um die Liebe zwischen zwei Menschen geht und nicht um eine olympische Disziplin. Um etwas zutiefst Persönliches und nicht um eine perfekte Show.

Deshalb hier ein paar Dinge, die noch wichtiger sind als die Sitzordnung: in Gottes Namen nichts tun, was einem selbst und den Gästen Übermenschliches abverlangt. Dazu gehören Reisen von über fünf Stunden Länge oder Kostüme, für die man mehr als 50 Euro ausgeben müsste. Lieber feiert man in seinem Lieblingslokal um die Ecke, als dass man sich in einer beeindruckenden Location fremd fühlt, lieber steckt man sich selbst gepflückte Gänseblümchen ins Haar, als dass man sich mit einer betonierten Hochsteckfrisur verkleidet fühlt. Und weder die Trauungszeremonie noch das Menü dürfen sich stundenlang zäh hinziehen und die Gäste erschöpft zurücklassen.

Auf das Gelingen einer Ehe hat das Fest ohnehin nicht die geringste Auswirkung. Ich habe morgens um 8.20 Uhr auf dem Standesamt Hamburg-Stellingen Ja gesagt, in einem nachtblauen Lurexkleid, das sich über einen sehr dicken Bauch spannte. Das ist jetzt elf Jahre her, und bis auf den Moment, als mein Mann den Stetson trug, hatte ich nicht den geringsten Zweifel an dieser Entscheidung.