Er ist wieder da! Jahrzehntelang haben wir ihn ignoriert, negiert, vergessen. Derweil entstaubte er sich und bereitete ein fulminantes Comeback vor: der Teppich. Ob gewebt, geknüpft oder getuftet, ob traditionell, avantgardistisch oder einfach zeitlos, der Teppich ist das neue Must-have im Salon. Dabei hatten wir keine guten Erinnerungen – da waren die dunklen Brücken und Läufer in den Fluren unserer Kindheit, auch furchtbar flusende Flokatis, die in den 70er-Jahren die schönsten Breitcordhosen ruinierten. Oder die Auslegware samt Reinigungsutensilien unserer Großmütter, die noch Teppichstangen im Hof hatten und die dafür vorgesehenen Klopfer mitunter zur Strafe zweckentfremdeten.

Vergessen und vergeben!

Einen Teppich zu haben ist jetzt todschick. Er ist die Insel in klar und kühl gestalteten Räumen, er kann Objekt sein oder ein horizontales Gemälde. Es wird mit den unterschiedlichsten Materialien experimentiert, von handgesponnener Hochlandwolle bis hin zu neuen Kunststofffasern. Oder, so realisiert von Designerin Elisa Strozyk für die Möbelfirma Boewer, mit Holz. Die exzeptionellen „Wooden Carpets“ gibt es aus Ahorn, Eiche, Nussbaum Mahagoni, Buche oder Teak. Der Teppich ist mal grafisch, mal romantisch, gerne orientalisch. Das Enfant-terrible-Duo, die französischen Stardesigner und Brüder Bouroullec, hat gerade einen Perserteppich in Kelim-Technik entworfen, der die Besucher der Pariser Messe „Maison & Object“ begeisterte. Oder der Teppich als Fashion-Statement: Modeschöpfer wie Vivienne Westwood, Matthew Williamson oder Sir Paul Smith entwerfen Teppiche.

Smith beispielsweise hat zu dem Thema buchstäblich märchenhafte Kindheitserinnerungen. Er schreibt zu seinen Entwürfen für die britische Firma Rug Company: „Mein Vater war Amateurfotograf und liebte es, mit Tricks zu experimentieren. Eines Tages, als ich aus der Schule nach Hause kam, sagte er: ,Setz dich einfach auf diesen Teppich, und tu so, als würdest du fliegen‘. Ich antwortete: ,Dad, ich muss meine Hausaufgaben machen.‘ Doch er erwiderte: ,Es dauert nicht einmal eine Minute.‘ Er hatte einen gemusterten Teppich auf einigen Boxen arrangiert und die Eckkanten so verdrahtet, dass es aussah, als würde er fliegen. Ich setzte mich im Schneidersitz, die Arme nach vorn, hin. Später kopierte er diese Fotografie auf eine andere, die er einmal von dem Regency Oriental Brighton Pavillon aufgenommen hatte.“

Bruce Willis steht auf den Bodenbelag

Einer, der an dem Teppich-Hype großen Anteil hat, ist der Bochumer Jan Kath. Kaths liegen inzwischen bei Pariser Couturiers, bei Rupert Murdoch in New York, Bruce Willis hat kürzlich auch einen erstanden. Aus der Ferne sehen sie aus, als hätte man sie aus einem wirklich alten Schloss geraubt. Kommt man ihnen näher, erkennt man einen echten Schatz. Was wie rasiert oder abgenutzt und abgewetzt wirkt, ist von dem Designer Jan Kath detailliert geplant und wird von nepalesischen Handwerkern mit entsprechenden Fadenlängen umgesetzt, und zwar in monatelanger, diffiziler Arbeit. Denn so innovativ seine Entwürfe sind, so traditionell ist Kahn bezüglich Qualität. „Da bin ich konsequent konservativ.“

60 und 300 Knoten kommen, je nach Kundenwunsch, auf 6,45 Quadratzentimeter, das Knüpfen eines 2,5 mal 3 Meter großen Teppichs aus Seide, Wolle und/oder Brennnesseln dauert drei bis vier Monate. Gefärbt wird ausschließlich mit ökologisch getesteten Spezialfarben aus der Schweiz. Das Ergebnis ist eine Symbiose aus „old school“ und „new look“. Zu Letzterem inspirieren den Sohn eines Teppichhändlers (mit inzwischen rund 1500 Mitarbeitern) verfallene Zechen, verwitterte Lagerhallen und die Natur, die sich dort ihren Raum zurückerobert. „Mich reizt die Spannung, die zwischen Alt und Neu entsteht“, sagt Kahn, dessen neueste Kreationen sich an Mustern indischer Saris anlehnen, die partiell „mit Säure übergossen zu sein scheinen“.

Als Shootingstar gilt Michaela Schleypen aus Köln. „Floor to Heaven“ taufte sie 2006 ihre Firma, die zu Beginn mit dreidimensionalen Teppichen, beispielsweise mit wellenförmigen Reliefs, für Furore sorgten. Das MTV-Headquarter in Amsterdam und die Showrooms, unter anderen von Hugo Boss und Escada, sind mit ihren Designs aufgepolstert.

Naturfasern, Acryl oder Baumwolle – alles ist erlaubt

Schleypen, als Allround-Talent in Design, Herstellung, Vertrieb und Presse-Arbeit aktiv, lässt all ihre Entwürfe in China tuften. Teppiche, in die man sich wünscht schlüpfen zu können, man muss sie berühren, weil man nicht glaubt, dass sie so weich sind, wie sie aussehen. Ihre neue Kollektion, die sie im April auf der Mailänder Möbelmesse vorstellen wird, entführt in die Welt von „1001 Nacht“. Ihr Motto: „Naturgöttin trifft Kunstteufel“ und das ganz „kitschless“.

Berauschende Farben, glänzende Seide auf reiner Baumwolle, Naturfasern mit Acryl und Polypropylen – Michaela Schleypen liebt das Spiel mit neuen Materialkombinationen. Zuletzt hat sie sich „die erste Jeans zum Drauflaufen“ ausgedacht. Für den Sommer 2011 hat sie eine Outdoor-Kollektion entwickelt. Jawohl, jetzt tragen wir unsere Teppiche ins Freie.

Ein wenig gewagt wäre es, „Hesperis“ des noblen Hongkonger Traditionshauses Tai Ping (Großer Frieden) in den Garten zu legen. Dabei sind seine tiefen Farben eine Hommage an den Sonnenuntergang. Designer Patrick Norguet stieg dafür in die Tiefen des Archivs einer französischen Seidenweberei und wurde im 17. Jahrhundert fündig. Das ovale Kunststück, drei Meter lang, ist aus Schurwolle handgetuftet und von Hand skulpturiert. Er sähe auch vertikal fantastisch aus.

Erlaubt ist alles. Längst ruht der Teppich nicht mehr nur unter dem Couchtisch. „Gelayert“ beispielsweise, in mehreren Schichten übereinanderliegend, taucht er Wohnräume in eine moderne Beduinen-Zelt-Atmosphäre. Er verwandelt gewohnte Umgebungen, erobert, dank neuer Materialien, ehemalige Tabuzonen wie Küchen (so z. B. die poppigen Plastikläufer von House Doctor) und eben Terrassen und Veranden. Oder den kuscheligen Kaminplatz. Für diesen hat Jung-Designer Sebastian Herkner eine Alternative ersonnen.

Seine Rind-, Schaf- oder Fuchsfelle sind "Teppiche für Vegetarier“, sagt er. Sie tragen klassische Muster, sind in Form von Tierfellen zurechtgeschnitten und aus reinem Polyester gefertigt. Das Material „so eingesetzt, für scheinbar gegensätzliche Dinge, kann Achtung und Respekt erzeugen“. Das zieht uns die Schuhe aus!