"Braun ist eine ausgesprochene Trendfarbe – das erlebe ich sehr stark derzeit", sagt Axel Venn, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Noch vor kurzem sei das rosa Hemd für den neuen, modernen Mann der Ausweis modischen Bewusstseins gewesen. Weich und neuen Farben und Richtungen gegenüber aufgeschlossen – das sei der Ausdruck dieses Trends gewesen. "Braun steht für ein Wiedererstarken alter männlicher Tugenden", fügt Venn hinzu, der ein Designbüro in Berlin betreibt. "Die Farbe erinnert mich an die Havanna Lounge, die Rückkehr des Herrenzimmers, das gewesene Patriarchat."

Blasse, glatte Gesichter zeigten die Modemacher in den zurückliegenden Saisons auf dem Laufsteg und in Anzeigenkampagnen. Der Rock'n'Roll- und Punk-Chic diente den Designern als Inspiration. Seit kurzem ist dazu ein Trend zum Natürlichen und Naturverbundenen getreten – und mit ihm Models mit gepflegtem Drei-Tage- oder Wochenbart. Viele Männer hätten sich in Rosa und Lindgrün nicht wohlgefühlt, sagt Venn.

Viel wohler fühlen sie sich im neuen Mercedes S 400 Hybrid – das nimmt wohl zumindest der Stuttgarter Autohersteller an und zeigt sein Oberklasse-Limousine derzeit in ganzseitigen Zeitungsanzeigen in sattem Braun. Auch andere Autohersteller haben Braun als neuen Lacktrend entdeckt: BMW zeigt den X1 in einem neuen Metallic-Ton zwischen Schoko und Kaffee, Audi hat ein "Teak-Braun" in seine Farbpalette aufgenommen. Laut Flensburger Kraftfahrtbundesamt hat sich die Zahl der Neuzulassungen brauner Autos im ersten Halbjahr 2009 annähernd verdreifacht, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Die zunehmende Beliebtheit von Brauntönen führt Lackexperte Michael Golek von BASF Coatings in Münster auf den Umwelttrend und ökologisches Bewusstsein zurück. Das müsse heute nicht zwangsläufig Verzicht bedeuten – die neuen Brauntöne mit markanten Effekten seien eher tief, warm, elegant, gar luxuriös. Darauf zielen auch die Kosmetikhersteller ab, die seit langem die Palette von Brauntönen ausdifferenziert haben. Brauntöne sind also nicht nur Männersache.

Erdige, natürliche Töne und Beerenfarben sind im Herbst zwar immer ein Thema beim Make-up. Im vergangenen Herbst wurde die Farbpalette aber durch neue Töne erweitert, deren Namen sich an Schokolade- und Kaffee-Bezeichnungen anlehnen, hieß es damals beim Kosmetikverband VKE: Cappuccino, Karamell, Toffee. Der persönliche Luxus und das Wohlfühlen im grauen Herbst schwingen hier mit, ebenso wie beim neuen Kuschel-Strick in "Erd- und Waldtönen", den die Initiative Handarbeit jetzt zum neuen Herbsttrend erklärt hat.

Ausschließlich im Luxus-Segment beobachtet Ursula Geismann vom Verband deutscher Möbelhersteller diesen Trend. Weiß bleibe die dominante Trendfarbe. Vor allem italienische Hersteller böten in dieser Saison viel Nussbaum, dunkle Eiche oder exotisches Wenge-Holz.

Auch hier gebe der Trend zur Natürlichkeit, verbunden mit hochwertiger Verarbeitung, die Ideen: "Er passt zum Thema Massivholz in Naturfarben, wirkt edel und elegant", sagt Ursula Geismann. "Hellere Hölzer wirken immer leichter, dunkles Braun strahlt Hochwertigkeit aus." Es gebe sogar einzelne Hersteller, vor allem aus dem oberen Preissegment, die Weiß schon wieder aus ihrer Kollektion verbannen würden und stattdessen dunkles Braun verarbeiteten. Bei den Gartenmöbeln für den kommenden Sommer 2010 seien gedeckte Naturtöne wie "Cappuccino" und "Mocca" keine Ausnahme mehr, teilte die Fachmesse "Spoga" in Köln jüngst mit – sie seien vielmehr "die Basis", die dann beispielsweise mit leuchtend orangefarbenen Accessoires aufgepeppt wird.

Eine "Wendung hin zum Ruralen und zu grob gehauenen Hölzern" hat Farbforscher Axel Venn beim Interior-Design beobachtet. "Astlöcher werden wieder natürlich in den Hölzern belassen und nicht zugeschmiert." Für Venn äußert sich darin derselbe Trend wie bei den hinter Glas verborgenen Wohnzimmer-Kaminen, die auf der jüngsten Möbelmesse zu sehen waren. "Stattdessen kann man natürlich auch einen Bildschirm an die Wand hängen und das Kaminfeuer dort flackern lassen – von DVD."

dpa