Jane Birkin

"In Frauenkleidern sehe ich aus wie ein Transvestit"

Auf ihrem Begräbnis soll ihr Lied "Je t'aime... moi non plus" gespielt werden: Jane Birkin, Sexsymbol der 60er-Jahre, Sängerin, Schauspielerin und Regisseurin, über ihre Töchter, ihre Eltern und die berühmte Handtasche, die ihren Namen trägt.

Drückende Schwüle ballt sich im Interviewzelt an der Croisette. Doch Jane Birkin lässt sich davon nicht beeindrucken. Munter wie ein Kind plaudert die 60-Jährige drauflos. Gerade hat sie hier in Cannes mit "Boxes" ihr Debüt als Regisseurin gefeiert, und ihre Presse-Betreuerin hatte vorgewarnt: "Sie gibt lange Antworten." Das bewahrheitet sich zwar, ist aber eher erfrischend. Die Schauspielerin und Sängerin zeigt dabei eine bei Stars eher unbekannte Bescheidenheit. Auch ihr legendäres Stilbewusstsein, dem die Modewelt die Birkin Bag zu verdanken hat, spielt sie herunter. Ihre Kombination aus Ripp-Unterhemd und Nadelstreifenhose kommentiert sie so: "Ich sehe besser in Männerkleidung aus. Wenn ich mich als Frau anziehe, erinnere ich eher an einen Transvestiten."

Morgenpost Online: In Ihrem Film "Boxes" spielen Sie eine Mutter, die allen wichtigen Personen ihres Lebens wieder begegnet. Wollten Sie Ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten?


Jane Birkin: Der Film ist sicherlich keine psychiatrische Therapie-Einheit. Aber alles, was ich schreibe, hat mit mir zu tun. Und "Boxes" entstand aus einem persönlichen Angstgefühl heraus. Denn im Lauf der Jahre musste ich begreifen, dass ich keine Kinder mehr haben würde. Und was machst du als Frau dann? Du kannst nichts mehr geben. Du schleppst nur noch deine Vergangenheit mit dir herum.


Morgenpost Online: Glauben Sie, dass alle Frauen so empfinden?

Birkin: Nein, keineswegs. Das galt einfach für mich. Meine Mutter dagegen dachte: "Gott sei Dank ist es vorbei. Hamlet zu lesen ist viel spannender." Sie fand zwar Babys sehr süß, aber beim Windelwechseln hörte die Begeisterung auf.

Morgenpost Online: Wie eng ist das Verhältnis zu Ihren drei Töchtern?

Birkin: Wir sehen uns, so häufig es geht. Auch wenn sie von drei verschiedenen Vätern stammen, haben sie untereinander ein richtiges Netzwerk geknüpft. Vielleicht haben sie ein so festes Verhältnis zueinander, weil alles andere um sie herum in Bewegung war. Ich erinnere mich noch, wie ich an meinem 40. Geburtstag in Ägypten war, und ich glaubte, die Welt würde enden. Da bekam ich einen Anruf von meinen Kindern, und ich hatte den Eindruck, dass sie in meiner Abwesenheit eine Party feierten. Und ich dachte, das ist ja wunderbar. Selbst wenn ich eines Tages sterbe, werden sie füreinander da sein. Diesen Wall aus Töchtern hinter mir zu haben, ist ein wunderbares Gefühl.

Morgenpost Online: Ihre Tochter Charlotte Gainsbourg erzählt gern, wie Sie und Serge Gainsbourg nach durchfeierten Nächten häufig erst morgens nach Hause kamen. Bedauern Sie, dass Ihre Kinder nicht in geregelten Verhältnissen aufwuchsen?

Birkin: Na ja, ich kann ja nichts mehr daran ändern. Ich gebe schon zu, dass mein Leben mit Serge sehr seltsam war. Nachdem wir um sechs Uhr morgens nach Hause kamen, weckten wir die Kinder auf und machten ihnen Frühstück. Dann gingen wir ins Bett. Um 16.30 Uhr holten wir sie von der Schule ab. Und nach dem Abendessen zogen wir wieder um die Häuser. So war unser Leben. War es das beste Leben? Ich weiß es nicht. Waren wir die besten Eltern? Keine Ahnung. Serge war auf jeden Fall ein spektakulärer Vater. Er war sehr exzentrisch und hatte wahrscheinlich mehr Humor als die meisten Väter. Aber er war zugegebenermaßen auch schwierig. Er trank viel, und Kinder werden bei so etwas ziemlich unruhig. Natürlich wünschen sich Kinder perfekte Eltern, aber sie sind auch großzügig und vergeben dir. Vielleicht waren wir nicht immer für Charlotte da, wenn sie Nasenbluten hatte. Aber durch diese Kindheit wurde sie zu der großartigen Schauspielerin, die sie nun mal ist. Und Ähnliches galt auch für Kate und Lou, die ebenfalls künstlerisch auf eigenen Beinen stehen.

Morgenpost Online: Ihr eigener Vater war ein legendärer Kriegsheld und Spion. Waren Sie sich dessen bewusst?

Birkin: Überhaupt nicht. Denn seine Spionagetätigkeit musste er bis 1967 geheim halten. Aber er war auch so eine göttliche Figur für mich. Er hatte einen Kopf wie eine Michelangelo-Statue. Gleichzeitig war er sehr zerbrechlich und verbrachte viel Zeit im Krankenhaus. Zusammen lasen wir PG Wodehouse, Charles Dickens. Wir hatten viel Spaß zusammen. Mein Vater sagte auch, dass er mich über alles liebte, dass er mich attraktiv fand und er mit mir zusammen wäre, wenn ich nicht seine Tochter wäre.

Morgenpost Online: Wie hat Ihre Mutter darauf reagiert?

Birkin: Für die war es wahrscheinlich ein wenig schwierig. Zumal er ihr noch vorschwärmte, wie toll es bei meinen Dreharbeiten war. Denn sie war ja ursprünglich auch Schauspielerin. Aber sie war gütig genug, sich damit abzufinden. Und ich vermisse sie schrecklich. Mehr als meinen Vater. Jetzt erst weiß ich, wie grandios exzentrisch sie war. Sie holte uns in ihrem Sportwagen-Cabrio von der Schule ab, ich sehe noch ihre langen schwarzen Haare und ihre schwarzen Hosen - sie sah aus wie ein Filmstar. Damals versanken wir vor Scham im Boden. Aber sie war eine großartige Mutter und Großmutter. Wenn meine Kinder eine Schwäche fürs Theater haben, dann nur ihretwegen.

Morgenpost Online: Gibt es denn Gestalten der Vergangenheit, denen Sie nicht so gern begegnen?

Birkin: Nein. Ich würde alle Personen gern wiedersehen. Fast alle. Denn ich glaube, ich habe viele Menschen nicht richtig verstanden. Und ich würde gern sagen: "Es tut mir leid."

Morgenpost Online: Wie in den 70er-Jahren, als Sie nach einem Streit mit Serge Gainsbourg in die Seine sprangen?

Birkin: Das war so ein Fall. Es war die beste Möglichkeit, mich zu entschuldigen. Serge hatte mich zuvor gereizt, weil er meine Handtasche ausgeleert hatte. Und als ich mit ihm im Restaurant saß, juckte es mich, es ihm heimzuzahlen. Und da sah ich eine Sahnetorte, die warf ich ihm vor den Augen aller ins Gesicht. Aber er stand ganz würdevoll auf und ging nach draußen, während die Tortenstücke von ihm herunterbröckelten. Ich erkannte, dass ich zu weit gegangen war, und folgte ihm. Er ging den Boulevard Saint Germain hinunter, immer noch voller Torte, und ich hinterher, dann bog er ab Richtung Seine, und ich dachte: "Um diesen Mann wiederzugewinnen, sind verzweifelte Maßnahmen nötig." Also lief ich an ihm vorbei und wartete hinter einem Baum. Als er zum Fluss hinunterging, sprang ich, und er verzieh mir. Aber vorher vergewisserte ich mich, dass er mich auch sah. Umsonst hätte ich mich nicht hineingeworfen.

Morgenpost Online: Singen Sie für sich noch "Je t'aime... moi non plus"?

Birkin: Nein, nie.

Morgenpost Online: Können Sie diesen Song überhaupt noch hören?

Birkin: Natürlich. Er läuft ja längst in allen Boutiquen. Für die Franzosen ist Serge wahrscheinlich der größte Songwriter aller Zeiten - und einer ihrer größten Poeten nach Baudelaire und Rimbaud. Ich schätze mich heute noch glücklich, dass ich viele seiner Texte singen durfte. Lieder wie "Fuir le bonheur" - Catherine Deneuve hat es bei seinem Begräbnis rezitiert. Und wenn ich sterbe, dann weiß ich schon, was man dann spielen wird. Meine Schlussmusik sozusagen. "Je t'aime... moi non plus."

Morgenpost Online: Aber Sie sind ja erst 60. Was haben Sie noch alles vor?

Birkin: Ich würde gern wieder als Regisseurin einen Film drehen. Und ich selbst werde wohl Ende des Jahres zweimal vor der Kamera stehen. Außerdem möchte ich Kurzgeschichten über die Menschen in meinem Dorf schreiben. Ihre Anekdoten sind einfach zu wunderbar und drollig, um vergessen zu werden.

Morgenpost Online: Sie sind ja auch noch die Schöpferin der Birkin Bag. Sind Sie eigentlich stolz darauf?

Birkin: Das bin ich. Aber ich hatte sie nur für mich erfunden, ich wollte nicht, dass auch der Rest der Welt damit herumläuft.

Morgenpost Online: Wie viele Modelle dieser Hermès-Tasche haben Sie selbst?

Birkin: Ich hatte zwei oder drei. Die letzte gab ich für eine Wohltätigkeitsauktion weg. Es ist schon lustig, aber als ich in die USA reiste, fragte man mich: "Birkin - wie die Tasche?" Und als meine Tochter Lou in die Staaten kam, hieß es: "Sind Sie die Tochter des Taschenmachers?" Ganz offensichtlich ist die Tasche berühmter als ich selbst.