Andreas Gebeners Hände scheinen mit der grauen Masse verwachsen. Behutsam lässt der Mann mit dem Pferdeschwanz auf der Drehscheibe die Konturen einer Obstschale wachsen, wie sie Gerhard Gollwitzer in den 30er-Jahren entworfen hat. 20 Minuten arbeitet der gelernte Industriekeramiker allein an dem einen Stück Porzellan. Danach brennen Öfen bei bis zu 1400 Grad das glänzende Gefäß zweimal glashart. Im Laden der Königlichen Porzellan Manufaktur zu Berlin (KPM) kostet die Urania-Schale in Weiß dann 338 Euro.
Handgemachtes Porzellan der KPM ist teuer. Und so setzt der neue Eigentümer Jörg Woltmann konsequent darauf, die Marke im Luxussegment zu positionieren. Nur dort findet man Kunden, die dafür zu zahlen bereit sind, dass Mitarbeiterinnen mit einem skalpellartigen Messerchen an einer noch feuchten Schale 3000 Schnitte setzen, um die Randfläche in ein Korbdekor zu verwandeln.
Werbung bei Millionärsmessen
So traditionell die Herstellung auch ist, mit Woltmann ist die KPM in eine neue Ära eingetreten. Seit 1763 Preußenkönig Friedrich der Große die Manufaktur mit dem Zusatz "königlich" adelte, befand sich der inzwischen älteste Gewerbebetrieb Berlins in Staatsbesitz. Zuletzt stand die KPM unter der desinteressierten Regie des Berliner Senats und einer landeseigenen Bank kurz vor der Pleite. Bei neun Millionen Euro Umsatz pro Jahr machte die KPM 2005 drei Millionen Verlust. Die öffentlichen Eigentümer setzten auf einen ruinösen Sparkurs. So waren Vertriebsleuten Auslandsreisen verboten, obwohl es doch überlebensnotwendig für die Marke mit dem blauen Zepter ist, die Reichen dieser Welt für Preußens weißes Gold zu begeistern. Nur mit Rabattaktionen und Notverkäufen der teuren Preziosen aus den Lagern konnte sich die Manufaktur über Wasser halten.
Dann erwarb Anfang 2006 der Berliner Bankier Woltmann im zweiten Privatisierungsanlauf den Traditionsbetrieb am Tiergarten. Mittlerweile hat der Eigentümer sich sein Engagement zur Rettung eines Kulturgutes, das die KPM bis heute mit Entwürfen von Schadow, Schinkel oder Trude Petri pflegt, schon fast 20 Millionen Euro kosten lassen. Er investierte in Exportförderung, in Werbung bei Golfturnieren in Marbella oder auf Millionärsmessen in Moskau. Er eröffnete ein KPM-Café und neue Läden auf dem Werksgelände, in Potsdam und am Kurfürstendamm.
"Wenn Sie KPM machen, dann dürfen Sie nicht auf den Euro schauen", benennt der Banker seine Strategie. Woltmann ist stolz darauf, jetzt völlig ohne staatliche Hilfe auszukommen – anders als die anderen deutschen Porzellanmanufakturen. Wenn alles gut geht, will er Ende 2009 aus den roten Zahlen herauswachsen. Mit einem Umsatz von 15 Millionen Euro, hat er kalkuliert, kann die KPM Gewinn machen, vermutlich das erste Mal in ihrer 264-jährigen Geschichte. Mehr als 18 Millionen Euro, glaubt Woltmann, kann die KPM in ihren jetzigen Kapazitäten nicht erlösen. Soll sie aber auch nicht. Schließlich ist Exklusivität ein wesentliches Kaufargument der Manufaktur.
KPM-Porzellan beim G8-Gipfel
Zu Woltmanns Glück verfügt die Manufaktur über modernste Produktionsanlagen und sanierte Räume. Wie so oft in Berlin hatte der Senat zwar mit Millionen aus öffentlichen Kassen die Immobilie aufgemöbelt, aber das operative Geschäft darüber komplett vernachlässigt. Üppig besoldete Geschäftsführer gaben sich in den vergangenen Jahren die Klinke des Staatsbetriebes in die Hand.
"Wir machen das beste Porzellan der Welt", ist Woltmann trotz aller Schwierigkeiten von der Qualität der KPM und ihrer noch 180 Personen umfassenden, hoch spezialisierten Belegschaft überzeugt. Einen wichtigen PR-Coup feierten die Berliner im Sommer, als das Protokoll der Bundesregierung für die Weltenlenker beim G-8-Gipfel in Heiligendamm die Banketttafel unbedingt mit einem KPM-Service decken wollte. Ein Wagen des Auswärtigen Amtes holte 200 Teller, Tassen und Schalen des Dekors Kurland ab. Als Leihgabe für den Gipfel. 110 000 Euro hätte das Service gekostet. Zu viel für den Staat.
Sonderwünsche von Milliadären
Inzwischen finden Woltmanns Vertriebsleute aber immer wieder wohlhabende Privatleute, die sich ein großes Service gönnen. Der US-Milliardär Paul Allen ließ sich eigens für seine Jacht "Octopus" ein Service mit der Prägung dieses Meerestieres herstellen. Nur er und seine Kinder haben das Recht, Stücke nachzubestellen.
Die Handarbeit in der KPM beginnt schon mit den ersten Arbeitsschritten. Im Untergeschoss der Fabrik lagern derbe Säcke mit den Grundbestandteilen Kaolin, Feldspat und Quarz. Die werden gemahlen, gemischt, eingeweicht, über Magneten gezogen und so von Metallen gereinigt. Sechs Wochen müssen die vorportionierten Massestücke dann "mauken", bei hoher Luftfeuchtigkeit lagern. Industrielle Hersteller mischen gar keine Masse mehr, sondern pressen die Bestandteile einfach zusammen und brennen ihre Ware. KPM-Porzellan dagegen wird nach dem Mauken auf der Drehscheibe per Hand geformt oder mit Sodawasser verdünnt in Formen gegossen. Sämtliche Schablonen werden auch per Hand hergestellt. So halten sie 30 bis 35 Produktionen durch.
Strenge Qualitätskontrollen für feines Porzellan
Die berühmte Prinzessinnen-Gruppe, die Johann Gottfried Schadow 1795 schuf, besteht aus 88 Einzelteilen. Rund zehn dieser Klassiker produziert die KPM pro Jahr, sagt Geschäftsführer Winfried Vogler. Verkauft werden aber nur drei bis vier. Die anderen scheitern an der strengen Qualitätskontrolle.
Ein Arbeiter schwenkt jedes Stück nach dem ersten Brennen in blauer Spezialfarbe. Auf diese Weise sind feine Risse im Porzellan leichter zu erkennen. Nur makellose Ware hat die Chance, die letzte Politur oder die feinen Pinselstriche der Blumenmalerinnen zu erhalten. Natürlich ist auch die Malerei bei der KPM pure Handarbeit. "Jede Blume ist anders, Schablonen benutzen wir hier nicht", sagt Geschäftsführer Vogler stolz.
Und so bleibt das weiße Gold aus Berlin für den schmaleren Geldbeutel unerschwinglich. Für den hat Banker Woltmann allerdings ein paar günstigere Stücke ins Sortiment genommen: Die Weihnachtskugel Akanthus (Weiß) für den stilvollen Christbaum ist schon für 98 Euro zu haben.


