Naturkosmetik

Cremen Sie schon fürs gute Karma?

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Susanne Opalka

Foto: Snowberry

Nicht nur bei Stars wie Madonna heißt es: Schmieren für das gute Gewissen. Immer mehr natürliche Kosmetiklinien erobern den Markt. Sie setzen dabei auf Natur pur – und Luxus. Schluss mit Kernseifen-Ästhetik, die neuen Bio-Beauty-Produkte wirken edler, exotischer und sollen sogar besser wirken.

Die Beautybranche hat es nun auch voll erwischt – das grüne Fieber grassiert in ungeahnter Heftigkeit, rasant breitet es sich aus, ohne den verkaufsfördernden Zusatz "organic" geht momentan offenbar gar nichts mehr. Wer hätte das gedacht! "Bio" ist auch im Reich der Schönheit zu einem Must-have geworden.

Ihren Anfang nahm die Epidemie natürlich in den USA. Die Lohas-Welle – meint: "Lifestyle of Health and Substainability" –, wo also jeglicher Luxus erlaubt bleibt, solange dabei Ethik, Natur, Gesundheit und Umweltschutz berücksichtigt werden, gebietet bei Kosmetik unbedingten Organic Chic. Shoppend die Welt verbessern – na sauber! Mit Cremes das Karma striegeln – wenn's geht, warum nicht?


Die missionarische Leistung, das Image der Biokosmetik überhaupt salonfähig hinzukriegen, muss man Madonna zuschreiben, natürlich, wem denn auch sonst. Als die Ikone aller Ewigjungen vor Jahren verkündete, ein Fan von Dr. Hauschka zu sein, sah sich das kleine Unternehmen in Eckwälden bei Stuttgart plötzlich explodierender Nachfrage gegenüber. Naturkosmetik war schlagartig hip geworden; Beinlotionen mit anthroposophischem Hintergrund galten fortan als cool. Und die Rufnamen des indischen Laufentenpaares, das bei der Wala-Heilmittel GmbH (sozusagen der Mutterboden von Hauschka) ökologisch-korrekt die Nacktschnecken vom biologisch kontrolliert wachsenden Wundklee fernhielt, sprachen sich sogar nach Los Angeles herum. Inzwischen erfreuen sich nicht nur die zahlreich watschelnden Nachkommen von Frieder und Erna an ihrer schleimigen Beute auf der schwäbischen Alp – auch die Naturklassiker, wie Weleda, Tautropfen, Alva, Logona und Lavera, werden etwas ungehemmter im Designerbad aufgestellt.

Doch hedonistische Lohas verlangen immer mehr – Bio, ja freilich, aber bitte mit Luxus, Glamour, Exotik und besten Resultaten, beim Anti-Aging zum Beispiel. Mindestens. Mit Kernseifenästhetik hat die angesagte Biokosmetik deshalb so viel zu tun wie Haute Couture mit dem Grabbeltisch. In den recycelbaren Flaschen und biologisch abbaubaren Tiegeln stecken die wertvollsten, reinsten, aktivsten botanischen Stoffe, oft mit hochmoderner Technik gewonnen, oftmals durch Handarbeit fertiggestellt.

Organische Substanzen sind effektiver

Margo Marrone, Pionierin der Bio-Beautywelle in England, die vor zehn Jahren ihre erste eigene organische Creme herstellte und in der Londoner Kings Road The Organic Pharmacy eröffnete, erklärt: "Als Pharmazeutin und Homöopathin weiß ich um die Wirkung von Pflanzen; organische Extrakte sind viel effektiver als künstliche. Pflanzen stellen ihre Wirkstoffe her, um zu überleben. Was heilen kann, muss doch erst recht pflegen können."

Vor allem sind es die ätherischen Öle der Pflanzen, die für die effektive Wirkung der Biokosmetik zuständig sind (und für deren sehr intensiven Duft, der lustigerweise von vielen beim Erstkontakt als zu stark und parfümiert empfunden wird. Dabei steigt einem hier tatsächlich die pure, unverfälschte Natur in die Nase!). Ätherische Öle bestehen aus einer Vielzahl von Einzelsubstanzen, die jeweils bestimmte Einzelwirkungen haben. Erst durch die Komposition jedoch ergibt sich eine differenzierte Wirkung. Außerdem haben sie eine kleinmolekulare Struktur, sind fettlöslich und dringen sehr leicht in die Haut ein. Allerdings: Ätherische Öle sind nicht gleich ätherische Öle. So setzt die französische Firma Sanoflore (bereits 1986 gegründet) ausschließlich auf sogenannte genuine Öle. Das sind authentische, naturreine Öle, denen im Gegensatz zu "natürlichen Ölen" keine Substanzen entzogen wurden oder die mit fremden Stoffen angereichert wurden. Selbstverständlich aus rein organisch angebauten Pflanzen. Denn eine Pflanze, die Zeit hat, sich naturgemäß zu entwickeln, hat einen anderen Stoffwechsel, mehr wertvolle Inhaltsstoffe, mehr Tocopherole, mehr Flavonoide. Kurz: mehr Kraft! Haben Sie mal eine Tomate oder Erdbeere aus organischem Anbau gegessen, dann wissen Sie, was gemeint ist ... Genauso wichtig ist allerdings, was nicht drin ist.

Biokosmetik verzichtet naturgemäß auf:

- Parabene (synthetische Konservierungsmittel, die als Allergieauslöser, manchmal sogar als krebserregend verdächtigt werden),

- synthetische Farb- und Duftstoffe (Allergieauslöser),

- PEG (Emulgatoren oder Tenside, die Defekte an der Lipidbarriere verursachen können),

- Paraffine oder Mineralöle und deren Bestandteile (können die Poren verschließen).

"Für mich ist es das richtige Prinzip, auf Synthetisches zu verzichten", sagt Margo Marrone. "Nicht okay ist, wenn man als Verbraucher falsch informiert wird! Man sollte immer eine Wahl haben."

Die Auswahl ist inzwischen das geringste Problem. Fast täglich werden aus allen Teilen der Welt, von Kauai bis Neuseeland, neue Serien lanciert. Mal mondän verpackt (Jo Wood Organics), mal eher verspielt (Snowberry), mal puristisch (Neom by Natural Magic), mal exotisch (malie), mal mit pharmazeutischem Hintergrund (Autrepart nature), und auch mal ohne, mal mit Bonos Unterstützung – der Sänger der Band U2 initiierte tatsächlich eine Serie namens Nude. Nur die Branchenriesen scheinen den Bioboom verschlafen zu haben. Allmählich wachen sie auf: So unterstützt L'Oréal seit 2006 Sanoflore, um sich einen womöglich weltweiten Erfolg der Marke zu sichern. Clarins hingegen verleibte sich die Biomarke Kibio ein, die 2005 von Pierre Cabane and Laurent Potier gegründet wurde, in Frankreich sehr erfolgreich ist und ab Herbst auch bei uns erhältlich sein wird. Und selbst die gute alte Schauma-Shampoo-Flasche aus dem Hause Schwarzkopf schmückt neuerdings ein "Bio". Die Großoffensive steht noch aus.

Wo ist wirklich Bio drin?

Der Begriff Bio ist nach wie vor nicht geschützt. Verlässlichster Hinweis momentan: die Zertifizierung von ECOCERT, einer herstellerunabhängigen internationalen Institution, die alle Aspekte des Herstellungsprozesses mit einbezieht. Wer das Label ECOCERT auf seiner recycelbaren, mit Pflanzenfarbe bedruckten Verpackung trägt, garantiert, dass mindestens 95 Prozent der Inhaltsstoffe natürlich sind und mindestens 10 Prozent aus organischem Anbau stammen. Viele Firmen gehen freiwillig weiter und geben zu jedem Produkt genau an, wie viel Prozent (bis zu 99 Prozent) organische Bestandteile enthalten sind. Es lohnt sich, das Kleingedruckte zu lesen. Übrigens: Organische Kosmetik heißt nicht automatisch, dass keine allergischen Reaktionen auftauchen können. Prinzipiell kann jeder Inhaltsstoff ein potenzieller Auslöser sein.

Der Text erschien zuerst in ICON, dem Stilmagazin der Welt am Sonntag