Schon bevor man das Haus sieht, ist es nicht zu übersehen. "Falkenhorst" steht, silber auf schwarzem Hintergrund neben dem elektrisch gesteuerten Toreingang. Nebenan tragen die Häuser Namen wie "Northwoods" und "Park View". Hier, im südenglischen Surrey, zwischen schwergewichtigen Villen, deren neo-gregorianische Fassaden sandfarbene Säulen zieren, versteckt sich ein solider, schlichter Holz- und Glasbau. Monica und John Langston waren nach einem Aufenthalt in Deutschland so beeindruckt von deutscher Bauweise, dass sie sich im heimischen Surrey ein Haus der Firma Huf Haus hinstellen ließen. Bis zum Namensschild ist das Fertighaus "made in Germany".
Wie ein UFO steht es in der Esher Park Avenue: Weiße Balken ragen in den Himmel, getoppt von einem asymmetrisch-gestuften Dach. Glaswände lassen das Haus in der Wintersonne funkeln als ob es Spaziergängern geheime Signale zusenden wollte. Eine Botschaft hat es tatsächlich: Mit der deutschen Firma Huf Haus ist Qualität in die britische Baulandschaft angekommen. "Zuerst wollten wir unser altes Haus renovieren, aber die Substanz war einfach so schlecht. Für einen Neubau gibt es hier in England nicht die nötigen Fachkräfte", erzählt Monica Langston. Über Huf Haus, eine Firma, die schon seit 90 Jahren auf dem deutschen Fertighausmarkt äußerst erfolgreich ist, hatte sie in einem Zeitungsartikel gelesen. "Wir waren uns sicher, dass wir auf ein Haus aus Deutschland vertrauen könnten."
Wenn Monica Langston die Haustür hinter sich schließt, verschwindet der Straßenlärm als ob jemand den Radiosender gewechselt hätte. Von ihrer Küche gleich am Eingang schaut sie quer durch das Haus auf einen großen Garten, in dem ein nackter Kirschbaum in einem Meer von leuchtend-grünem Rasen steht. Im Huf Haus gibt es keine tragenden und damit trennenden Wände. Stattdessen gehen Räume in Räume über, alles ist offen, lichtdurchflutet. Selbst am späten Nachmittag, als die sich ankündende Dämmerung Garten, Baum, Terrasse in das gleiche, weiche, Grau-Violett taucht, schaltet Langston noch kein Licht an.
Schluss mit dem Durchzug
Trotz der Offenheit: Kalt oder zügig ist es nicht. Die Wärme des Sonnenlichts wird von dem besonders isolierten Glas gespeichert und durch ein ausgeklügeltes Belüftungssystem im Haus verteilt. "Wir hatten genug von den typisch englischen Häusern mit ihren kleinen Kastenräumen und Fenstern, durch die es ständig zieht", sagt Langston. Und nicht nur sie: Bis zu 50 Häuser baut Huf Haus in Großbritannien im Jahr; an bis zu acht Baustellen wird im Land täglich gearbeitet. Das mag zunächst recht überschaubar klingen, doch bei einem Limit von jährlich 200 Häusern für den weltweiten Markt gehört Großbritannien zu ihrem erfolgreichsten Markt derzeit. Seitdem Huf Haus 2005 bei der renommierten Architektur-Sendung "Grand Designs" vorgestellt wurde, boomt das Geschäft im englischsprachigen Ausland. Bis zu 200 Anfragen bekommt die Filiale in Surrey am Tag.
"Invasion der Deutschen" nennt die "Times" den Einzug der deutschen Hausbauer in Großbritannien. Huf Haus sei deren neueste, hochentwickelte Geheimwaffe. Schnell, effizient und leise sind sie wirklich, die Mitarbeiter der 450-Mann starken Firma aus dem Westerwald. In nur fünf Tagen wurde das Haus der Langstons aufgestellt: Zehn Zentimeter dicke Stahl-Haustür, 2,65 Meter hohe Holzbalken, Glasschiebetüren, von denen eine zwei mal drei Meter Scheibe 800 Kilo wiegt und dennoch mit zwei Fingern aufgeschoben werden kann. Dafür reisten vier Huf Haus Mitarbeiter aus Deutschland an.
300 Fußbodenbeläge in drei Tagen
Effizienz und Service ist alles bei Huf Haus. In sechs Monaten entsteht ein durchschnittliches Einfamilienhaus. Von der Finanzierung bis zur Innenaustattung und Gartengestaltung wird mit dem Kunden jeder Schritt akribisch durchgeplant. Dafür wird ein künftiger Huf-Haus-Besitzer zur Zentrale nach Hartenfels eingeflogen. Dort muss er in zwei Tagen aus 300 Fußbodenbelägen einen auswählen, über Wandfarben und Badezimmerarmaturen entscheiden. "Austattungsprotokoll" nennen die Deutschen das Procedere: "Es ist ein striktes Programm, das stimmt", sagt Nick Esser, Verkaufsmanager bei Huf Haus UK. "Aber genau das wollen die Briten ja auch."
Tatsächlich interessieren sich die Engländer sehr fürs Wohnen. Zur Prime Time laufen dort täglich Sendungen wie "Location, Location" und "Changing Rooms". "Der Stolz auf ihr Haus, den es seit dem 19. Jahrhundert gibt, definiert die Briten", heißt es bei Deborah Cohen in ihrem Buch "Household Gods: The British and Their Posessions". Schon die Viktorianer waren von allem besessen, was mit Hausgestaltung zu tun hatte. Ironischerweise sind es gerade die morschen, viktorianischen Häuser, an denen nicht mehr viel zu gestalten ist. In einem Land mit 70 Prozent Hausbesitzern – in Deutschland sind es rund 40 Prozent – heißt es da inzwischen immer öfter: neu bauen.
Der Markt für das bei den Briten so verpönte "self-build" wächst. Und das Huf Haus bietet endlich eine Alternative zum bröckelnden, britischen Backsteinbau. Man sieht, dass die Erfinder sich vom Bauhaus und japanischem Zen inspirieren lassen haben. Die Linien sind stark und schlicht, die Zimmer geräumig. Bei den Langstons bleiben Spaziergänger immer wieder stehen; manchmal klingelt auch einer und fragt nach Details. "Ich gebe es schon zu", sagt Monica Langston: "Wir wollten auch gerne etwas bauen, was die Nachbarn nicht haben.".
Angeben mit Wärmeisolierung
Vor allem der aktuelle Wunsch bei Großbritanniens wohlhabenderen Klassen nach "ethical living", dem "ethisch bewussten" Leben, kommt dem Huf Haus zugute: Seit diesem Jahr muss sich jedes verkaufte Haus einer strengen Energie-Effizienzprüfung unterziehen. Das kann den Wert eines Millionenhauses schon drücken. Oder steigern. Von Essers britischen Kunden ist inzwischen jeder zweite ein Bauträger. "Früher waren es griechische Säulen, mit denen die Briten gerne die Nachbarn beeindruckten. Und den Wert eines Hauses konnte man mit Badezimmern neben den Schlafzimmern steigern", sagt Esser. "Heute dreht sich alles um Wärmeisolierung und energieeffiziente Fenster."
Nicht nur in Großbritannien erobern die deutschen Fertighausbauer mit Kippfenstern und Kellern Hausherrenherzen: 9000 Huf Häuser stehen in der ganzen Welt, die Mehrheit in Deutschland, aber einige sogar in China. In den letzten Jahren kamen Russland, Slowenien und Irland hinzu. Die Firma verzeichnet schon seit Jahren stetige zehn Prozent Wachstum.
Und das reicht. "Trotz des Zuspruches: Mehr als 200 Häuser im Jahr werden wir nicht für den Weltmarkt herstellen" versichert Esser. "Sollten wir mehr produzieren, würden wir zum Massenprodukt werden und damit unseren Markt nur selbst zerstören.".
Und was macht die Konkurrenz?
Inzwischen hat Huf Haus in England reichlich Konkurrenz bekommen. Die muss sich allerdings immerzu an der Firma messen. "Sind Huf Häuser gut genug, um die jüngeren, günstigeren Rivalen abzuwehren?", fragte etwa jüngst die "Sunday Times". Ausführlich zählte sie die Vorteile anderer Unternehmen wie Scandia-Hus, TrueBuild oder Baufritz auf. Um dann das Fazit zu ziehen: Zumindest für Huf-Haus-Freunde können die Häuser der Mitbewerber nicht mithalten. So begeistert sind die Huf-Haus-Besitzer, dass sie eine vom Unternehmen angeblich unabhängige Online-Community eingerichtet haben. Viele Kommentare lesen sich wie Werbung pur. So schreibt eine gewisse Lucy: "Ich habe gerade die Webseite gefunden und wollte sagen, was das für eine tolle Idee ist. Ich bin ein großer Fan von Huf Haus, aber ich bin noch ein Küken (21) und muss noch lange warten, bis ich mir meines leisten kann." Nachwuchssorgen muss die Firma sich wohl nicht machen.
Bei den Langstons geht es inzwischen ziemlich Deutsch zu: Wie selbstverständlich ziehen die Huf-Haus-Bewohner den unter der Spüle versteckten Recycling-Mülleimer samt seperater Fächer für Plastik und Papier auf – eine Rarität in englischen Küchen. Im Waschkeller liegen die Rugby-Shirts auf der Miele-Waschmaschine, neben der Waschküche brummt ein Elho-Klöcker-Heizungskessel. Der Wasserstrahl aus der Dusche ist so stark, dass man regelrecht darauf wartet, bis er in gewohnt-britischer Manier wieder zum kläglichen Tropfen wird.
Ganze Schwimmbäder haben die Huf-Haus-Mitarbeiter vom Westerwald nach England transportiert. In Irland bauten sie sogar schon mal ein Kloster samt Kapelle. Sonderwünsche werden gerne erfüllt, aber nur wenn sie ins Konzept passen. So wollten die Langstons den bei den Briten so geliebten Zeitungs-Schlitz in ihrer Haustür haben. Den gab es nicht – zu viel Wärmeverlust. Dafür entwarfen und bauten ihnen die Ingenieure aus dem Westerwald eigens einen echten englischen Türklopfer.




