Mieder-Mode

So wird der untrainierteste Po zum Super-Hintern

Sie sind die Dessous des 21. Jahrhunderts: Mit figurformenden Strumpf- und Unterhosen wurde die amerikanische Marke "Spanx" zum Kultlabel der Stars. Promis von London über New York bis Hollywood pressen sich in die hautfarbenen, schlank machenden Körperschläuche. Auch immer mehr Männer machen mit.

Es sieht aus wie ein misslungenes Sado Maso-Kleidungsstück: Statt in Lack und Leder erscheint es in hautfarbenem Stretchstoff; obwohl es die Pobacken frei lässt, reicht der Slip bis zum Bauchnabel. Das neueste Modell des amerikanischen Stützunterwäsche-Herstellers Spanx könnte auch Großmutters im Schrank vergessene Unterhose sein. Würde es nicht den viel versprechenden Namen "Double-O-Thong“ (doppelter O-Tanga) tragen. Und gehörte die Marke Spanx nicht zu den beliebtesten Unterwäscheherstellern bei Hollywoods Reichen und Schönen.

Vor acht Jahren gegründet, steht Spanx-Chefin Laurie Ann Goldman heute an der Spitze eines Unternehmens, das auf einen Wert von 150 Millionen Dollar geschätzt wird. Die ersten Spanx-Modelle hat allerdings Gründerin Sarah Blakely erfunden: Sie schnitt einer Strumpfhose die Füße ab und trug sie unter einer weißen Hose, um so die "visible panty line", die sichtbaren Ränder ihrer Unterhose – Horror jeder prüden Amerikanerin – zu vermeiden. Von den ersten Entwürfen, vor allem Strumpfhosen, die am Bauch, Po und an den Hüften verstärkt waren und dem Verpacken und Verstecken von störenden Fettpölsterchen dienen, umfasst die Spanx-Produktpalette mittlerweile über 60 Produkte. Darunter Modelle mit so klangvollen Namen wie "Bra-llelujah", "Two Timin’ Tights", "Power Panties", "Slim-Cognito" und "Topless Trouser Socks".

Besonders in den USA, wo Nylonstrumpfhosen bislang als unverzeihliche Modesünde galten, sind Spanx aus dem gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken. "Strumpfhosen-Crack“ seien Spanx, schrieb Suze Yalof Schwartz vom amerikanischen Magazin "Glamour"; bei New Yorks gefürchteten Stylisten gehören die blickdichten Radler- und Strumpfhosen, die Unterwäsche-Ränder und Speckröllchen wie von Zauberhand verschwinden lassen, inzwischen zur Standardausstattung. Tatsächlich werden Spanx heute von Stars wie Beyonce Knowles, Tori Spelling, Eva Longoria, Girls Aloud, Tyra Banks, Madonna, Katie Holmes und Jessica Alba getragen. TV-Moderatorin Oprah Winfrey ernannte Spanx zum "Produkt des Jahres“; Schauspielerin Gwyneth Paltrow gab zu, sich nach der Geburt ihrer Tochter Apple gleich in zwei Paar auf einmal gezwängt zu haben.

Heute gehört die Miederwäsche von Spanx zu den erfolgreichsten Produkten in Luxuskaufhäusern wie Saks Fifth Avenue in New York. Und auch andere Marken haben sich dem Erfolg angeschlossen. Mit Slogans wie "Magisches Schlankmachen!“, "Mach Dir einen J-Lo Hintern!“ und "Der ultimative, schlank machende Körperschlauch“ reichen die Versprechungen der Hersteller, die sich "The Body Wrap“, "Plie Brazilian Shapewear oder "Fashion First Aid“ nennen.

Sie produzieren körperformende Wäsche aus Latex, Gummi und Baumwolle; mit Silikoneinlagen für einen perfekten Po, mit oder ohne Tanga, als Ganzkörperanzug oder winzige Auflage für die Brustwarze, mit der die Brust magisch angehoben werden soll. Dabei geht es weniger darum, überflüssige Pfunde verschwinden zu lassen, als vielmehr darum, die Pölsterchen geschickter zu verpacken. Genau das scheint die Konsumentinnen zu begeistern: Das britische Kaufhaus Marks & Spencer verkaufte zwischen April und Juni dieses Jahres fünf Paar "control pants“ pro Minute – 7 670 Stück täglich. Im Londoner Kaufhaus John Lewis stiegen in den letzten zwei Jahren die Shapewear“-Verkäufe um 75 Prozent, weshalb John Lewis inzwischen eine eigene Funktionswäsche-Kollektion auf den Markt gebracht hat.

Kurvig ist das neue Dünn

Vorbei sind die Zeiten, als es allein als schön galt, schlanker als schlank zu sein: "Kurvig ist das neue Dünn“ – diesem Slogan eifern zurzeit Models wie die Engländerin Daisy Lowe nach, die mit ihrem wohl gerundeten Körper für die Dessousmarke "Agent Provocateur“ wirbt. Und auch Fußballergattin Victoria Beckham soll angeblich mehr als zwei Kilo zugenommen haben, nachdem Gatte David seine Vorliebe für Frauen mit üppigen Hintern zum Ausdruck brachte. Auch auf den Laufstegen der Herbst-Modenschauen wurde der Begriff "Size Zero“ zum Unwort erklärt. Während für einige Frauen der Schritt zu mehr Kurven nur eine Tafel Schokolade entfernt liegt, müssen andere nachhelfen: Warum aber im Fitnessstudio schwitzen, wenn mit dem Griff zur Zauber-Unterhose selbst der untrainierteste Po zum knackigen Hintern wird?

Schon vor Jahrhunderten gehörte das Korsett bei Frauen zum Alltagsoutfit; auch für Männer war es nicht ungewöhnlich, Korsett zu tragen. Schon 1899 warb der Londoner Korsetthersteller Madame Dowding für seine Männerkorsetts, darunter das erfolgreiche Modell "The Marlboro." Modebewusste Dandys trugen es im 19. Jahrhundert wie selbstverständlich. Der Pariser Korsettdesigner Mark Pullin, der die Sängerin Kylie Minogue mit Korsetts für ihre Bühnenshows versorgt, soll dank seines Korsetts noch immer einen Taillenumfang von 45 cm haben.

Auch Männer tragen Stützunterwäsche

Dazu passt, dass mit dem Erfolg der figurformenden Wäsche für Frauen nun auch immer mehr Labels Stützunterwäsche für Männer anbieten. So hat der amerikanische Hersteller Go Softwear gerade seinen "Waist Eliminator" (Taillen-Beseitiger) für Männer auf den Markt gebracht, mit einem Bund, der bis zur Brust reicht, und damit den Bauch verschwinden lässt. Von der Unterwäschemarke Andrew Christian gibt es die neue „Flashback Butt Lifting Technology Boxer“ – eine Unterhose aus Stretchmaterial mit integrierten elastischen Stützriemen, mit denen Männerpos angeblich um mehr als 2,5 cm angehoben und gleichzeitig gestrafft werden können.

Und trotzdem sorgt Stützwäsche, auch wenn sie mittlerweile zum unverzichtbaren Bestandteil jedes Promi-Unterwäscheschranks gehört, bei Normalsterblichen noch immer für Stirnrunzeln. Das Gerücht, dass der nicht gerade groß gewachsene – und damals auch nicht besonders schlanke – Tom Cruise auf seiner Hochzeit mit Katie Holmes neben Absatzschuhen auch einen Figurformer trug, um besser in seinem Armani-Smoking zu passen, führte weltweit zu spöttischen Kommentaren. Und auch wenn die Promis mit ihrem inzwischen recht öffentlichen Hang zu Stützunterwäsche zeigen wollen, wie normal ihre Körper doch sind: Das Sichten von einem Paar Spanx unter der Abendrobe eines Stars gehört heutzutage zu den bevorzugten Paparazzi-Motiven. Als eine verdächtig aussehende, schwarze Radlerhose unter dem Kleid von Jennifer Lopez den Star kürzlich als Stützwäsche-Trägerin verriet, waren die Bilder am nächsten Tag überall. Auch Sängerin Lily Allen wurde vor kurzem mit einer leeren Packung Spanx auf dem Rücksitz ihres Autos erwischt – ein Paparazzi-Ansturm folgte, den ein Star früher nur mit dem öffentlichen Rauchen eines Joints hervorgerufen hätte.

"Ungefähr so sexy wie Herpes"

So ganz ist Funktionsunterwäsche ihr Oma-Image eben noch nicht los geworden: Ein kompliziertes, bis zu den Oberschenkeln reichendes Modell erinnerte Kathryn Flett, Kolumnistin des britischen "Observer" an "eine Mischung aus Lance Armstrong und Vierzigerjahre-Star Ethel Merman“. Frauen in schwarzer Stützunterwäsche wirkten wie eine schräge Oma in einem ebenso schrägen Oma-Pornofilm, in hautfarbenen Funktionsunterhosen sähe sie dagegen aus, als trügen sie einen chirugischen Verband, so Zoe Williams von der Tageszeitung "Guardian“: Stützunterwäsche sei "ungefähr so sexy wie Herpes“. Sie sei nicht das einzige Opfer der neuen Stützwäsche-Manie, sagte Erin Kelly von der Londoner "Daily Mail“: "Eine Bekannte musste die Stützunterhose, die sie bei Marks & Spencer anprobiert hatte, kaufen, weil sie das Ding einfach nicht mehr runter bekam. Eine Freundin von mir musste nach einem Ball sogar aus ihrer Unterhose herausgeschnitten werden.“

Auf der amerikanischen Webseite "Head Butler" schreibt Produkt-Rezensent Jesse Kornbluth über seine Erfahrungen mit Spanx: Als er den Hintern seiner Spanx-tragenden Frau einen liebevollen Klaps geben wollte, sei er von ihrem Allerwertesten abgeprallt wie von einem großen Gummiball. „Es fühlte sich an wie bei einer Wurst, die gegen ihre Haut kämpfte." Dagegen schreibt eine treue amerikanische Spanx-Kundin, dass man sich geradezu "kugelsicher" fühle in den engen Unterhosen.

Wie die Zauberwäsche in Deutschland ankommt, bleibt abzuwarten. Auf die Frage, ob Spanx-Produkte zum Sortiment gehörten, gibt es beim Berliner Kaufhaus KaDeWe ein klares "Nein". Die Produkte würden demnächst auch nicht ins Sortiment aufgenommen. Auch beim Nobelkaufhaus Galeries Lafayette ist die Wäsche nicht zu finden. Das Versandhaus Otto verkauft immerhin Stützunterwäsche der amerikanischen Firma "The Body Wrap". "Wir führen diese Wäsche zwar", sagt Thomas Voigt, Kommunikationsdirektor der Otto Group, dass hier aber ein Trend aus Amerika nach Europa schwappen würde, beobachten wir zurzeit nicht."