Polit-Gastronomie

Coffeeshop verkauft amerikanischen Patriotismus

„Kaffee soll die Menschen fit für die Arbeit machen. Damit sie für Amerika Stahl gießen oder Autos bauen", sagt der Besitzer vom "Conservative Cafe". Das kleine Kaffeehaus in der US-Provinz vermittelt amerikanische Werte wie Disziplin und Ehre – und macht damit sogar Starbucks Konkurrenz.

Eigentlich hat man keine Wahl, außer sich für die konservative Mischung zu entscheiden. Kaffee aus Kenia ist das und zwar recht starker, fast so stark wie „Radical Right“, in den Bohnen aus Sumatra kommen. „Moderate blend“ steht noch zur Auswahl, gebrüht mit Bohnen aus Guatemala und „liberal“, koffeinfreie Plörre aus - und das sagt ja im Grunde alles - Kolumbien.

Politische Erwägungen, das merkt der Gast schnell, spielen bei der Auswahl des Getränks im Conservative Cafe in Crown Point, einer Kleinstadt im Norden des US-Bundesstaats Indiana, eine mindestens genauso große Rolle wie sonstige Geschmacksvorlieben. Am Tresen wird Kaffee aus- und die Welt eingeteilt: in rechts und links, Demokraten und Republikaner. Wehe, einer entscheidet sich für Cafe Latte oder ähnlichen Chichi. Dem ist nicht zu helfen, obwohl auch dieses Getränk, verschämt ganz hinten, auf der Karte steht.

Auftritt Dave Beckham, Eigentümer und Erfinder des Conservative Cafe. 43 Jahre alt ist der Mann, der nicht ohne Selbstbewusstsein von sich behauptet, die liberale Bastion „Coffeehouse“ geschliffen zu haben. Stolz trägt er das Logo seines Cafes auf Poloshirt und Baseball-Kappe, einen roten Stern, mit weißem Flügel auf blauem Grund. „Amerika redet mir hier niemand schlecht“, sagt er, während die Börsenkurse von JP Morgan und Coca Cola über ein Leuchtband laufen, die Logos von „Corporate America“ über der Theke blinken.

Sticker von Ronald Regean und Richard Nixon

Blauweißrot, die Farben der amerikanischen Flagge gehören zur Einrichtung wie die Espressomaschine und finden sich überall - als Girlanden, als Stoffvignetten, auf historischen Gemälden. Viel „Vom-Winde-verweht“-Flair beherrscht den Gastraum, wenn da nicht der Flachbildfernseher wäre, der auf Fox-News eingestellt ist. Ronald Reagan im Oval Office und Sticker, die Richard Nixon trotz seines erzwungenen Rücktritts verehren, blicken von den Wänden. Wie zur Mahnung hängen Fotos vom World Trade Center vor dem 11. September 2001 gleich am Eingang. „Die meisten Amerikaner haben den Terrorangriff doch längst vergessen“, sagt Beckham. Auf dem Klo liegt der Weekly Standard aus, das Kampfblatt der konservativen Intellektuellen.

Mit den geklonten, pastellgetünchten Ersatz-Wohnzimmern von Starbucks und Co. hat Beckhams Cafe nichts gemein. Kaffeekreationen mit seltsam klingenden italienischen Namen sucht man hier genauso vergeblich wie klebrige Kaufhausmusik aus der Konserve oder Studenten, die ihre Laptops mit Beckhams Strom füttern. „Kaffee ist nicht dafür da, Zeit zu vertrödeln“, sagt er markig. Hier im Nordosten Indianas steht sein Cafe für die konservative Werte von Amerikas „heartland“. „Kaffee soll die Menschen fit für die Arbeit machen. Damit sie für Amerika Stahl gießen oder Autos bauen.“

Conservative Café schlägt Starbucks

Spätestens jetzt wird klar, dass Dave Beckham ein Typ ist, dessen Ansichten jeden normalen Mitteleuropäer auf die Palme bringen müssen. Nur, dass er trotzdem ein ganz netter Kerl ist. Er steht für das Amerika, das Deutschland so gern ignorieren würde. Für das Amerika, das Fox News dem Programmkino vorzieht, Budweiser lieber hat als Philipp Roth und nicht zu den Vereinten Nationen sondern auf den eigenen Waffenschrank blickt, wenn es Sicherheit sucht. Doch der fast kindliche Enthusiasmus, den er für sein Projekt entwickelt, steckt an. Vor sechs Monaten hat der ehemalige Kunstlehrer und Bauarbeiter sein Cafe aufgemacht, zwei Millionen Dollar, „die ganze Zukunft meiner Familie“ hineingesteckt.

Es scheint sich gelohnt zu haben, über Zuspruch kann sich Beckham nicht beklagen. Einer der beiden Starbuck-Läden, die in Crown Point mit ihm konkurrierten, hat inzwischen zugemacht. Die Kaffeehauskette aus Seattle behauptet freilich, das sei längst geplant gewesen. Auch Anrufe von Investoren, die Beckhams Konzept in andere Landesteile tragen wollen, hat es schon gegeben.

Politische Fachsimpelei im Café

Auf dem Balkon erholt sich Stan Potter, Fabrikmanager in Chicago, von einem prall gefüllten Frühstücksburrito. Wie jemand, der Kaffee trinkt, um gleich an der Werkbank für Amerikas Zukunft zu malochen, sieht er nicht aus. „Urlaub“, winkt er ab und schiebt die Baseballcap zum Schutz vor der Sonne tiefer ins Gesicht. „Bin zum ersten Mal da und muss sagen – mir gefällts.“ Die Memorabilia der Konservativen schaut er sich an ein Tourist die alten Metallschilder in einem Retrocafe an der Route 66. Netter Schnickschnack, aber hey, es ist doch nur ein Cafe.

Kevin Driscoll, der ein paar Schritte weiter auf seinen Computer einhämmert, dagegen ist schnell fürs Fachsimpeln über den Kaffeehaus-Slogan zu haben. „Mit Präsident Bush ist der 35-Jährige, der Jugendarbeit für die Katholische Kirche organisiert, alles andere als glücklich. Doch bereit, seine Leidenschaft für die rechte Sache aufzugeben, ist er noch lange nicht. „Konservativ sein, das bedeutet an die Stärke des Einzelnen zu glauben“, sagt er und nippt, klar, am „Conservative Blend“. „Natürlich bin ich für soziale Gerechtigkeit. Ich denke aber nicht, dass es Aufgabe der Regierung ist, dafür zu sorgen.“

Konservativ, was ist das heute? Worte wie Disziplin und Vaterland fallen, Ehe und Erziehung, wenn Dave Beckham darüber sinniert. Crown Point, das Städtchen in dessen liebevoll gepflegtem Kern sein Gebäude aus Backstein steht, tendiert traditionell zu den Republikanern, doch die Millionenstadt Chicago, seit Jahrzehnten fest in der Hand der Demokraten und Heimat von Präsidentschaftskandidat Barack Obama, ist nicht weit. Viele Pendler wohnen hier. Beckham glaubt nicht, dass er sie mit seiner Idee verschreckt. Wer kommt, den begrüßt er mit Handschlag, ältere Herren mit der Anrede „Sir“. Militärs, Polizisten und Feuerwehrleute freuen sich über 20 Prozent Rabatt.

Und zum Abschied können sie T-Shirts mitnehmen, die sich zum Verkauf stapeln. Auf einem blickt Uncle Sam streng, „Hippie, halt die Klappe!“, steht darunter. Auf ein anderes ist das Peace-Zeichen gedruckt, und der Spruch: „peace through superior firepower“. Frieden schaffen mit Amerikas Waffen, so könnte man das übersetzen. Spätestens jetzt muss man sich mit Beckham eigentlich so richtig anlegen. Oder noch einen Schluck vom Conservative Blend nehmen. Und Amerika Amerika sein lassen.