Viele Familien unterscheiden bei der Großmutter nach dem Wohnort: "Oma Dortmund" oder "Oma Lohengrin", weil diese in der Lohengrinstraße lebt. Selbst die Art des Autos kann eine Rolle spiele, da gibt es eine "Oma Golf" oder eine "Oma Polo". Wer sich nicht alt fühlen möchte oder einfach anders heißen möchte, versucht, bei den Enkeln andere Namen einzubürgern, zum Beispiel "Ama" oder "Apa". Manche Mütter wissen zu berichten, dass sie öffentlich von den Kindern mit dem Vornamen gerufen werden, aber zu Hause doch die "Mama" bleiben.
Der Bonner Germanistikprofessor und Buchautor Werner Besch (“Duzen, Siezen, Titulieren“) sieht den Wandel zur zuweilen lockeren Anrede gesellschaftlich und führt ihn in die 60er Jahre zurück, in denen das "Du" sich ausweitete. "Mit den 68er kam auch so etwas wie die Emanzipation und die Ablehnung von Autorität", erklärt Besch. Ein Vater war zum Beispiel nicht mehr der "Vati", sondern "Heiner". Es war eine Modeerscheinung, was laut Besch dann auf die Onkel und Tanten überging. Früher war die Familie zudem noch stärker durch die Funktionsrollen bestimmt. "Die Familie hat eine ungeheure Intimisierung erfahren", hat der Germanist beobachtet. Er selbst ist gerne der "Opa", aber nicht der "Opi". Das "i" gefällt ihm nicht.
"Götti" ist der Patenonkel
Der 79-Jährige gehört zu der Generation, die die Schwiegermutter mit "Mutter" angeredet hat, was heute nicht mehr üblich ist. Und er kennt auch noch den ominösen "Onkel", der in Kriegszeiten ein verschleiernder Begriff für den Liebhaber war, etwa wenn der Ehemann an der Front war. Wie im Englischen bei der "Godmother" sind in deutschen Dialekten mancherorts noch eigene Begriffe für die Paten gebräuchlich: Im Alemannischen heißt die Patentante "Göttle". In der Schweiz ist der Patenonkel der "Götti".
Früher gab es sogar Unterschiede für die Schwester der Mutter (Muhme) und die Schwester des Vaters (Base) sowie für den Bruder der Mutter (Oheim) und den Bruder des Vaters (Vetter): "Onkel" und "Tante" wurden im 18. Jahrhundert aus dem Französischen entlehnt, ist in etymologischen Wörterbüchern zu lesen. In der DDR wurden Kindergärtnerinnen zuweilen mit "Tante" angesprochen.
Der Begriff "Tante" ist bei jungen Frauen verpöhnt
Liebenswerte alte Damen als "Tantchen" zu bezeichnen, dürfte indes ein gesamtdeutsches Phänomen sein. Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache (Wiesbaden) betont, dass die Veränderungen im Deutschen "gedämpft" vonstattengehen – Anredeformen verschwinden natürlich nicht einfach. Der 46 Jahre alte Sprachforscher kultiviert sie und nennt seine "Tante Gisela" dann auch so. "Ich nutze das sehr bewusst und sehr gern", sagt er.
Früher war es üblich, "Tante" auch zu jemandem zu sagen, mit dem man nicht verwandt ist. Geblieben ist der Begrüßungsklassiker "Bist du aber groß geworden", was viele im Wachstum begriffene Nichten und Neffen hören. Von Neros Tante Domitia im Alten Rom bis zur kinderlosen, aber kinderlieben Schriftstellerin Jane Austen: Die Geschichte der Tante ist bereits erforscht, in Rupert Christiansens englischem Buch "The Complete Book of Aunts". Junge Frauen lassen sich seiner Meinung nach nicht mehr "Aunt" (Tante) nennen, weil es sie es mit dem Stigma des mittleren Alters verbinden.
Figuren wie die Tante Polly des Kinderbuchhelden Tom Sawyer wären also heute kaum noch denkbar. Heute wäre sie schlicht Polly. Und Gregor Gysi, Neffe von Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing, handhabt es in der Anrede ähnlich, wie sein Sprecher berichtet. "Er sagt einfach Doris."
DPA





