Ich mag Schuhgeschäfte nicht“, sagt er als Erstes. „Sie sehen immer so gleich aus.“ Gut, dass wir hier nicht in einem Schuhgeschäft, sondern in einem Flagship-Store stehen – dem ersten, den Stuart Weitzman in Deutschland eröffnet hat. Regale mit Schuhschachteln gibt es hier nicht. Stattdessen schlängelt sich ein weißes Band die Wand entlang. Dort, wo es kleine Plateaus bildet, stehen sie: Sandaletten, Pumps, Stiefel – Leder gewordene Frauenträume, präsentiert wie Kunstwerke. Der Künstler geht zwischen ihnen umher, erklärt Konstruktion und Material und plaudert locker aus dem Schuhkästchen: Wie er auf die Idee kam, Marilyn Monroes Kristallohrringe, die ihr einst John F. Kennedy schenkte, in ein Paar Schuhe zu verwandeln. Wie er ein anderes mit 464 Diamanten besetzte und „Million-Dollar-Schuhe“ nannte. Wie er... erzählt's und geht noch ein paar Schritte weiter, in seinen schlichten schwarzen, aber mit feinem Lochmuster verzierten Schuhen. „Wollen wir uns setzen?“ fragt Stuart Weitzman. Wollen wir.

Morgenpost Online: Mr Weitzman, ich nehme an, Sie haben noch keinen Abend auf High Heels verbracht.

Stuart Weitzman: Einen Abend nicht, aber ein Stündchen schon...

Morgenpost Online: Auf welcher Veranstaltung war das?

Weitzman: Da waren nicht viele Leute dabei. Ich wollte einfach testen, wie unbequem sie sich wirklich anfühlen – aber sie fühlten sich gar nicht so schlecht an!

Morgenpost Online: Das müssen Sie jetzt ja auch sagen.

Weitzman: Frauen lieben High Heels. Und ich habe gelernt, sie immer bequemer zu machen. Ich arbeite kleine Kissen ein, experimentiere mit flexiblem Latex, gebe den Füßen mehr Raum. Die hohen Schuhe, die Sie heute tragen, sind weitaus bequemer als die, in denen Ihre Mutter herumstöckeln musste. Früher hieß es: je schmaler, desto hübscher. Heute darf sich der Fuß ausbreiten, sich natürlicher geben.


Morgenpost Online: Aber einen ganzen Tag möchte man trotzdem nicht auf Zwölf-Zentimeter-Absätzen herumlaufen.

Weitzman: High Heels sind ja auch nur etwas für besondere Situationen. Wer meint, sie seien alltagstauglich, verletzt sich nur selbst. Aber bis heute ist nun mal nichts anderes erfunden worden, das hübsche Beine großartig und großartige Beine sagenhaft aussehen lässt.

High Heels haben eine gewisse Macht. Kennen Sie den Film „Enthüllung“ mit Demi Moore? Wo sie diesen Typen rücksichtslos fertig macht? Von der ersten Szene bis zum Abspann trägt sie 12,5 Zentimeter hohe Absätze! Warum? Weil sie Stärke demonstrieren. Und so sicher, wie sie auf diesen Schuhen läuft, gebraucht sie ihre Macht. In unserer Gesellschaft nehmen Dinge nach und nach Persönlichkeit an. Und High Heels haben eine besonders starke Persönlichkeit.

Morgenpost Online: Schuhe haben Persönlichkeit?

Weitzman: Hey, das ist wahr! Und umgekehrt können sie die Persönlichkeit einer Frau verändern, sie komplettieren oder korrigieren. Wenn Sie morgens einen Schuh anziehen, entscheiden Sie, wer Sie an diesem Tag sein möchten. Haben Sie „Forrest Gump“ gesehen?

Morgenpost Online: Ja, warum?

Weitzman: Ach, Filme sind meine zweite Leidenschaft, nach Schuhen. Am liebsten mag ich diese Szene: Forrest sitzt auf einer Bank, blickt fasziniert den vorbeilaufenden Füßen eines völlig Fremden hinterher und sinniert dann: „Mama sagte immer, Schuhe können dir über einen Menschen ganz schön viel erzählen – wohin sie gehen, wo sie gewesen sind...“ Forrests Mama hatte recht.

Morgenpost Online: Was verraten Schuhe denn zum Beispiel über einen Menschen?

Weitzman: Nehmen sie Audrey Hepburn. Sie trug immer nur flache Schuhe. Ballerinas. Mokassins.

Morgenpost Online: Was sagt das über sie aus?

Weitzman: Dass sie eine sehr selbstbewusste Person war. Sie brauchte keine Absätze, keine Verzierungen. Sie wusste, dass sie auch ohne all das gut aussah. Wenn eine Frau flache Schuhe trägt, heißt das oft, dass sie sich nicht darum schert, was andere erwarten.

Morgenpost Online: Sind High-Heels-Trägerinnen also schwache Persönlichkeiten?

Weitzman: Auf jeden Fall wollen sie wahrgenommen, gesehen werden. Kann schon sein, dass einige Frauen sich mit Absätzen stärker machen, als sie sind. Aber was ist daran schlimm? Manche Leute brauchen drei Gläser Scotch, um aus sich herauszugehen. Dann doch lieber High Heels.

Morgenpost Online: Aber auch die können zu einer Sucht werden.

Weitzman: Manchmal kommen Männer zu mir und beschweren sich: „Sie sind mein Ruin. Meine Frau hat schon drei Schuhschränke voll und immer noch nicht genug.“ Dann antworte ich: „Sie helfen ihr, sich gut zu fühlen. Außerdem sind sie billiger als der Psychologe.

Morgenpost Online: Schuhe als Therapie-Ersatz?

Weitzman: Ob Pumps oder Gummistiefel – ich möchte Schuhe machen, in denen man sich besser fühlt. Und wenn es nur besser ist als in anderen Schuhen.

Morgenpost Online: Und woher wissen Sie, wie sich Frauen in Ihren Schuhen fühlen?

Weitzman: Ich habe eine Frau und zwei Töchter. Durch diese Qualitätskontrolle muss jeder Schuh durch, sonst wird er nicht produziert. Zweimal im Monat gehe ich außerdem in Schuhgeschäfte und rede mit Kundinnen. Manchmal spreche ich auch einfach Frauen auf der Straße auf ihre Schuhe an.

Morgenpost Online: Berührungsängste haben Sie jedenfalls nicht.

Weitzman: Die wären geschäftsschädigend! Die spannendste Mode kommt nicht mehr vom Laufsteg. Sie kommt von der Straße.

Morgenpost Online: Was inspiriert Sie noch zu Ihren Kreationen?

Weitzman: Alles, womit ich täglich zu tun habe. Dieses Glas hier, diese Uhr... Es gibt ja nichts um uns herum, das nicht designt ist. Mal besser, mal schlechter, aber irgendjemand hat sich immer Gedanken darüber gemacht. Als kleiner Junge fragte ich meinen Vater, der auch Schuhdesigner war: Was kann man an einem kleinen Schuh schon groß verändern? Mein Vater antwortete: Du wirst schon sehen.

Morgenpost Online: Warum haben so viele Frauen so eine Schwäche für Schuhe?

Weitzman: Die werden einer Gehirnwäsche unterzogen. Schon mit fünf hören sie die Geschichte vom Aschenputtel, das nur durch seinen Schuh vom Prinzen „erlöst“ wurde. Und so lernen kleine Mädchen schnell, dass Schuhe etwas Wundervolles sind, andere Welten öffnen und Leben ändern können. Später spinnen die Modemagazine diese Geschichte weiter. Wo man blättert: Models in High Heels. Gehirnwäsche, sag' ich ja.

Morgenpost Online: Von der Sie aber profitieren.

Weitzman: Klar, aber ich hab' damit nicht angefangen. Diese Schuhverrücktheit begann vor meiner Zeit.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich denn wenigstens als Verführer?

Weitzman: Nein. Ich möchte einfach nur, dass Frauen lächeln, wenn Sie meine Schuhe anziehen. Das ist meine einzige Mission.

Morgenpost Online: Finden Sie Schuhe auch erotisch?

Weitzman: Mir fällt dieses Wort zu Schuhen nicht als Erstes ein, aber klar sind sie das auch. Mein Lieblingsschuh aus der aktuellen Kollektion ist ein Peeptoe-Pumps mit rot glänzender Spitze, inspiriert von lackierten Fußnägeln. Der ist schon ziemlich sexy. Marilyn Monroe hätte er sicher super gestanden. Ich bedaure sehr, dass ich nie die Gelegenheit hatte, für sie Schuhe zu entwerfen.

Morgenpost Online: Aber dafür kleiden Sie die Füße vieler quicklebendiger Stars ein.

Weitzman: Für Beyoncé zum Beispiel mache ich sehr gern Schuhe. Sie zieht sich extrem hip an und trägt nur die höchsten Heels, die wir produzieren. Angelina Jolie ist auch großartig. Sie hat einen sehr eleganten Stil, ist aber ziemlich unkompliziert. Vor ein paar Wochen bestellte sie auf einmal elfenbeinfarbene Satinpumps. Ich dachte: Sie heiraten endlich! Und ich bin der Erste, der es erfährt. Aber da hatte ich mich zu früh gefreut. Sie brauchte sie nur für irgendein Event.

Morgenpost Online: Sind Prominente sonst schwierige Kundinnen?

Weitzman: Sie sind anspruchsvoll und wählerisch. Das macht es eher schwieriger als leichter, sie sind es eben gewöhnt, dass ihnen alles Mögliche kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Aber wir sind darauf vorbereitet, wenn sie sich etwa im letzten Moment anders entscheiden. Für mich ist es ja auch wichtig, dass meine Schuhe zum Beispiel bei der Oscar-Verleihung an schönen Frauenfüßen präsentiert und fotografiert werden. Auf die gucken immerhin 500 Millionen Menschen!

Morgenpost Online: Kim Basinger hat einen Oscar in Ihren Schuhen gewonnen, Halle Berry einen Golden Globe. Haben die beiden sich hinterher bei Ihnen für Ihre modische Unterstützung bedankt?

Weitzman: Lustig, dass Sie das fragen: Halle Berry kam nach dem Golden Globe zur Anprobe für die Oscar-Nacht. „Beim letzten Mal haben Sie Ihnen ja schon Glück gebracht“, sagte ich. „Ich behalte das im Kopf“, sagte sie darauf. Genauso abergläubisch wie wir, die Promis!

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich selbst als Star?

Weitzman: Nein. Auch nicht als „Star-Schuster“. Ich bin Techniker, Ingenieur.

Morgenpost Online: Gibt es jemanden, der das perfekte Paar Füße hat?

Weitzman: Ich habe eine Muse. Sie hat wirklich den perfekten Fuß. Sonst kenne ich aber niemanden. Auch keine berühmte Schauspielerin. Ist doch beruhigend, oder? An den Füßen kann jede Frau so aussehen wie Angelina Jolie – wenn sie die richtigen Schuhe trägt.