Sendestart

„Bild“-Zeitung hat jetzt einen eigenen Fernsehsender

Die „Bild“-Zeitung hat seit diesem Sonntag einen eigenen TV-Sender – zum Start gab es viel Fußball und Gespräche mit Kanzlerkandidaten.

Der Journalist Claus Strunz ist Programmchef des am Sonntag gestarteten TV-Senders BILD.

Der Journalist Claus Strunz ist Programmchef des am Sonntag gestarteten TV-Senders BILD.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. Monatelang hatte Deutschlands bekannteste Medienmarke getrommelt – am Sonntag war es so weit. "Bild", von Axel Springer 1952 als Kaufzeitung für die breite Masse gegründet, ist jetzt auch ein TV-Sender.

Nach einer Dauerschleife selbstbewusster, bildroter Trailer („Wir zeigen die Wahrheit“) ging es zu einer Zeit los, in der die Nation üblicherweise noch nicht vor dem Fernseher sitzt. Punkt neun Uhr begrüßten Alfred Draxler und Walter Straten zur „Lage der Liga“. Beide zählen zu den erfahrensten Sportjournalisten Deutschlands und waren eine „Bank“ zum Sendestart an einem Fußball-Sonntagmorgen. Sie sprachen mit Hertha-Manager Freddy Bobic, dessen Humor nach der Heimpleite gegen Wolfsburg ziemlich abhandengekommen war.

Professioneller Mix aus Fußball und Privatem

Danach kamen die ganz großen Namen des deutschen Fußballs: Bayern-Präsident Herbert Hainer stand dem „Bayern-Insider“ Christian Falk Rede und Antwort. Das sehr lange Gespräch war interessant, wenn auch die Fragen weniger „knallhart“ ausfielen als die, die am Abend Armin Laschet und Olaf Scholz gestellt werden sollten. Aber was ist schon ein Kanzlerkandidat gegen den Präsidenten des FC Bayern? Immerhin durfte ein Fan die unverschämten Trikotpreise beklagen, die der Ex-Adidas-Chef – wenig überraschend – ganz in Ordnung fand.

Kurzweilig ging es für Fußballfans bei Sport-Chefredakteur Matthias Brügelmann weiter, der Jürgen Klopp im Videocall einvernahm. „Herr Klopp“ – man siezte sich – war gut drauf, schließlich hatte er gerade mit seinem FC Liverpool gegen Burnley gewonnen. Auch dieses Interview hat Spaß gemacht und man verzieh den TV-Neulingen, dass Kloppo durch seine Billigcam am Laptop fast bis zur Unkenntlichkeit weich gezeichnet war. Mehr Medien: WDR-Moderatorin macht Sender Vorwürfe – und wird entlassen

Mit scharfem Blick stellte BILD dennoch fest, dass Klopps Brille fehlt. Der wiederum beichtete, dass er sich wegen seiner fortschreitenden Fehlsicht unters Messer gelegt hat. Das war der Bild-typische, professionelle Mix aus Fußball und Privatem, der sofort von Konkurrenzportalen übernommen wurde.

Bild will den Etablierten die Zuschauer wegnehmen

Im weiteren Programm mit Berichten über den internationalen Fußball und die zweite Liga überraschte die Redaktion mit professioneller Leidenschaft, die harte Übergänge oder Regiefehler verzeihbar machten. Auch die deftige Analyse des Dortmund-Reporters über die Niederlage gegen Freiburg („Jetzt hätte ich fast beschissen gesagt – ich meine natürlich bescheiden …“) passte zum neuen Bild-TV, das den Etablierten Publikum und Werbekunden wegnehmen will.

Das wird nur mit einer ganz neuen Ansprache funktionieren, und darin liegen gleichzeitig die größten Chancen und Gefahren für eine Redaktion wie „Bild“, die jeden Tag auf dem schmalen Grat zwischen Sensation und Geschmacklosigkeit wandelt.

Armin Laschet und Olaf Scholz kommen zur „Kanzler-Nacht“

Nach Dokus über Wetterkatastrophen und Seenotretter stand abends live die „Kanzler-Nacht“ mit Armin Laschet und Olaf Scholz an. Weiterlesen: Bundestagswahl: Was sind die Umfragen überhaupt wert?

Zum „Aufwärmen“ musste sich Laschet eine wenige schmeichelhafte Umfrage (Höchstwert bei Langeweile) anhören, sowie das etwas erratische Urteil einer Jury, bestehend aus einer Barfrau, einem Fleischer, der Ex-Boxerin Regina Halmich und Rainer Calmund. Interviewer Paul Ronzheimer stellte Laschet „knallharte“ Fragen, wie in der Werbung versprochen, aber Laschet wich den „fiesen“ Fragen (Calmund über „Bild“) aus und blieb seinem Antwort-Stil treu. In einer Zwischenbilanz war die Jury bereits milder mit dem Mann, den „Bild“ eigentlich grillen wollte.

Auch Olaf Scholz, den „Bild“ nach Laschet aufbot, ließ die „knallharten“ Fragen an sich abperlen und sich nicht aus der Reserve locken. Nur als es um die Fehleinschätzungen des ehemaligen Hamburger Ersten Bürgermeisters beim Chaos-Gipfel von Hamburg ging, setzte Moderator Kai Weise Wirkungstreffer, da wirkte der siegessichere Olaf Scholz tatsächlich kleinlaut.

Insgesamt war der Erkenntnisgewinn für die Zuschauerinnen und Zuschauer durch die Fragen an beide Politiker überschaubar. Aber es war interessant zu beobachten, wie sie unter Druck auf ein härteres Interview-Format reagierten.

Auch beim wichtigsten Part des ersten Bild-TV-Tages hat „Bild“ den Journalismus nicht neu erfunden, aber spannende Momente geliefert. Jetzt werden die Quoten der nächsten Tage zeigen, ob der neue Sender wie in der Werbung als Rakete startet, oder ob es ein mühseliger Steigflug wird. (jos)