Corona

„Markus Lanz“: Intensivpfleger Ricardo Lange redet Tacheles

Der Intensivpfleger Ricardo Lange ist nach seinem Auftritt mit Jens Spahn ein gefragter Mann. Heute äußert er sich bei „Markus Lanz“.

Von Gudrun Büscher
Wie der Intensivpfleger Ricardo Lange die Corona-Pandemie erlebt

Wie der Intensivpfleger Ricardo Lange die Corona-Pandemie erlebt

Der Intensivpfleger arbeitet auf Berliner Intensivstationen mit Covid-Schwerpunkt. Regelmäßig teilt er seine Erlebnisse und sprach zuletzt in der Pressekonferenz mit Jens Spahn und Lothar Wieler.

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Berlin. 
  • Ricardo Lange ist am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" zu Gast
  • Vergangene Woche sorgte der Intensivpfleger mit seinem Auftritt in der Bundespressekonferenz für Aufmerksamkeit
  • Auch beim ZDF-Talk von Lanz wird er wohl deutliche Worte wählen

Ricardo Lange ist 39 Jahre alt und Pfleger auf einer Covid-Intensivstation in Berlin. Er wirkt mit seinen breiten Schultern und der muskulösen Statur wie einer, den nichts umwirft. Doch in seinem Beruf kommt auch er an seine Belastungsgrenze. Seit er Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vergangene Woche auf einer gemeinsamen Pressekonferenz die Leviten las und mit drastischen Worten über seinen Arbeitsalltag berichtete, ist er sowas wie der Christian Drosten der Intensivpflege. Sein Wort hat Gewicht.

Alle wollen mit ihm sprechen, ihn begleiten, Interviews mit ihm. Auf Twitter wehrte er jetzt alle Anfragen ab. In Anspielung auf die Twitter-Aktion zahlreicher Künstlerinnen und Künstler #allesdichtmachen und die Antwort von Medizinern #allemalneschicht forderte Lange: #allemalnichtsmachen. Und erklärte den Kamerateams, die bei ihm im Krankenhaus filmen wollten: „Eine Intensivstation ist keine Piep-Show“. Aber eine Einladung zum Gespräch nahm er dann doch an: Am heutigen Mittwoch ist Ricardo Lange zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF, 23.15 Uhr).

Bei „Markus Lanz“ spricht er über die Arbeit auf der Corona-Intensivstation

Er freue sich über die Aufmerksamkeit, sagt er zu seinem TV-Auftritt bei Lanz. Einmal in der Woche hat Lange eine Kolumne über seinen Arbeitsalltag im „Tagesspiegel“. Dort erklärte er jetzt auch, dass ihm die kleinen Begegnungen viel wichtiger seien. Am Mittwoch habe er ein verletztes Küken unter einem Busch gefunden und zur Wildtierrettung gebracht – „die Frau an der Tür hat mich erkannt und sich bei mir bedankt für meine Dienste an den Covid-Betten. In ihrer Familie sind einige mit Vorerkrankungen“, schreibt er.

Ricardo ist es bitterernst mit seiner Klage: „Die Intensivstationen sind voll. Da gibt es keinen Interpretationsspielraum“, hatte er am Donnerstag erklärt. Den Personalnotstand in der Pflege gebe es nicht erst durch die Pandemie, er sei seit vielen, vielen Jahren bekannt. Der Intensivkrankenpfleger, der aus Brandenburg kommt und für eine Zeitarbeitsfirma arbeitet, schilderte eindringlich die hohe körperliche Belastung durch die Schutzausrüstung.

Corona: Sterben ohne körperliche Nähe

Aber auch die psychischen Herausforderung sei enorm. Es sei belastend mit anzusehen, wie Menschen auf der Intensivstation sterben müssten: „In normalen Zeiten sterben die Patienten anders“, sagte Lange. Angehörige könnten die Kranken über längere Zeit begleiten. Nun sei nur noch ein letzter Besuch beim bevorstehenden Tod möglich – in kompletter Schutzmontur. Ohne körperliche Nähe.

Pflegekräfte packten die Verstorbenen anschließend zum Infektionsschutz in schwarze Plastiksäcke. „Wir legen sie dort hinein und ziehen den Reißverschluss zu. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage: Das macht was mit einem“, so Lange. Man mache das unzählige Male.

Wichtiger als jeder Boni wären ihm bessere Arbeitsbedingungen. Bisher fehle ein schlüssiges Konzept, um Überlastung zu verhindern und Pflegekräfte zu unterstützen.

Lange will Spahn nicht mehr von der Angel lassen

Und da will er Jens Spahn auch nicht von der Angel lassen. In den kommenden Tagen trifft er sich mit Abgeordneten aller Parteien, „um abzuklopfen, welche Ideen sie für die Pflege haben – was wir als Pflegende, aber auch als Gesellschaft, von ihnen nach der Bundestagswahl im Herbst erwarten können“, schreibt er in seiner jüngsten Kolumne. Ein Satz von Jens Spahn aus der vergangenen Woche habe ihn im Nachhinein geärgert: „Er sagte, er könne nicht in kürzester Zeit aufholen, was in Jahren in der Pflege versäumt wurde. Lustig, denn wer hat in den vergangenen 16 Jahren regiert? Seine CDU!“

Auch die Aussage des Ministers „wir müssten uns auf einen Marathon einstellen“, fuchst ihn. Denn „um im Bild zu bleiben, denen, die rennen, nämlich uns Pflegenden, geht langsam die Puste aus“. Wie schnell die Politik handeln könne, wenn es brenzlig wird, habe sich beim Infektionsschutzgesetz gezeigt. Der Personalmangel sei seit Jahren gefährlich für das Wohl der Patientinnen und Patienten: „Es brennt schon lange“.

Und Ricardo Lange lässt nicht locker. Am Mittwoch twitterte er: Nach der Bundespressekonferenz mit Jens Spahn rede er nun Tacheles mit Markus Lanz. „Ich freu mich drauf.“ (mit dpa)

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