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„Anne Will“: Warum Donald Trumps Eingeständnis wichtig ist

Joe Biden hat die US-Wahl gewonnen, Donald Trump erkennt das nicht an. Wie geht es jetzt weiter? Das diskutierte Anne Will mit Gästen.

Von Ulrike Borowczyk
Biden im Porträt: Auf den Versöhner wartet viel Arbeit

Biden im Porträt- Auf den Versöhner wartet viel Arbeit

US-Wahl-Sieger Joe Biden will die zerrissenen Vereinigten Staaten einen. Doch die von dem Demokraten im Wahlkampf ausgerufene "Schlacht um die Seele der Nation" ist noch lange nicht gewonnen.

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Berlin.  Joe Biden hat die US-Wahl gewonnen. Und doch formulierte Moderatorin Anne Will in ihrem Sonntagstalk ganz vorsichtig: „Seit gestern Abend scheint es festzustehen.“ Grund dafür ist bekanntlich der irrlichternde Noch-Präsident Donald Trump. Der will seine Niederlage partout nicht anerkennen, spricht permanent von massivem Wahlbetrug und will nun die Gerichte bemühen, um im Amt zu bleiben.

Bei „Anne Will“ diskutierten die Gäste darüber, ob Donald Trump tatsächlich Chancen hat, den Wahlausgang noch zu verändern. Es ging aber auch um die spannende Frage: „Machtwechsel im Weißen Haus – können Biden und Harris die USA wieder vereinigen?“

„Anne Will“: Auch Außenminister Maas sieht „Herkulesaufgabe“ für Biden

Der live zugeschaltete Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) glaubte daran: „Joe Biden ist ein so erfahrener Politiker, dass ich ihm das zutraue. Es gibt aber auch viele, die vermuten, dass Donald Trump auf der politischen Bühne bleibt und versucht, die Versöhnung zu verhindern. Trump hat seine Wähler immer durch Polarisierung mobilisiert. So hat er Politik gemacht und Mehrheiten gesammelt. Das wird eine Herkulesaufgabe für Joe Biden“, wusste Heiko Maas. Lesen Sie hier: Wie Joe Biden die USA als Präsident wieder versöhnen will

Anne Will“ – Das waren die Gäste

  • Heiko Maas (SPD), Bundesaußenminister
  • Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
  • Lora Anne Viola, US-Professorin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin
  • Klaus Brinkbäumer, Journalist, Buchautor und ehemaliger US-Korrespondent
  • Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München
  • Peter Rough, US-Politikberater am Hudson Institute Washington D.C. und Mitglied der Republikanischen Partei
  • Al Sharpton, US-Bürgerrechtler und Pastor

Einig waren sich Wills Gäste darüber, dass das gesetzlich festgelegte Prozedere zur Amtsübergabe verhindern würde, dass Donald Trump im Weißen Haus bleibt. US-Professorin Lora Anne Viola gab jedoch zu Bedenken, dass der unterlegene Kandidat zunächst eingestehen müsste, dass er verloren hat, wie es in den USA nach Präsidentschaftswahlen üblich ist. „Das ist wichtig für Trumps Anhänger“, sagte sie.

Nur so könnten Trumps Wähler erkennen, dass Joe Biden das Amt legitim übernimmt. Für den Journalisten Klaus Brinkbäumer war klar: „Die mächtigen republikanischen Politiker müssen den Präsidenten umstimmen und ihm sagen, dass die Wahl ist verloren. Ich glaube, das fällt Donald Trump enorm schwer.“ Lesen Sie hier: Trump will nicht gehen: „Donald, ruf den Möbelwagen“

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Eine verbindliche Aussage darüber, ob es mit Donald Trump überhaupt eine friedliche Amtsübergabe im Weißen Haus geben wird, wollte niemand in der Runde prognostizieren. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) brachte das Problem auf den Punkt: „Es ist schwer zu sagen, wie sich Donald Trump verhält. Das war auch in den letzten vier Jahren nicht kalkulierbar. Wenn man aber die feiernden Menschen auf den Straßen und ihre Freude gesehen hat, kann man sich nicht vorstellen, dass Trump das nicht bemerkt hat.“

Nach US-Wahl bleibt offen, ob Trump Bidens Sieg anerkennt

Die Republikaner selbst hätten die Wahl von Joe Biden anerkannt, bestätigte der aus Washington live zugeschaltete US-Politikberater Peter Rough, der selbst Mitglied der Republikanischen Partei ist. Er beharrte allerdings ebenfalls darauf, „dass jede legitime Stimme ausgezählt wird.“

Das ließ kurz aufhorchen. Bekanntlich hatte auch Präsident Donald Trump schon Monate vor der Wahl davon gesprochen, dass es legale und illegale Wählerstimmen vor allem hinsichtlich der von ihm abgelehnten Briefwahl gebe. Zuletzt hatte er diese Aussage bei einer umstrittenen Pressekonferenz bekräftigt, woraufhin viele Sender sein Statement einfach abgeschaltet hatten, weil Trump damit einmal mehr Lügen verbreitete.

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Kein Wunder also, dass auch Anne Will sofort bei Peter Rough nachhakte, was er denn unter legitimen Stimmen verstünde? Doch der erwartete Skandal blieb aus. Peter Rough erklärte, dass im US-Staat Pennsylvania jene Stimmen von Briefwählern ausgezählt werden könnten, die am Tag nach der Wahl eingetroffen seien. Dass aber keine Stimmen ausgezählt werden dürften, die am Tag nach der Wahl abgegeben worden seien. Anne Will konnte dieser demokratischen Selbstverständlichkeit nur zustimmen.

Die große Frage: Kann Joe Biden das gespaltene Amerika wieder einen?

Beim ansonsten weitestgehend ruhigen Talk fragte Anne Will ihre Gäste immer wieder, wie Joe Biden Brücken zwischen den entfremdeten Lagern bauen könnte. Schließlich hätten auch rund 71 Millionen Menschen Donald Trump gewählt. Joe Biden indes hatte in seiner ersten Ansprache erklärt, er wolle Präsident aller Amerikaner werden.

Lora Anne Viola holte dafür weiter aus: „Die Polarisierung zwischen den politischen Lagern hat bereits in den Siebzigern angefangen. Die Parteien haben sich an die Ränder verlagert. Es fehlt die Mitte. In der Folge gibt es immer weniger liberale Republikaner und konservative Demokraten.“ Lora Anne Viola plädierte daher dafür, die überparteiliche Zusammenarbeit wieder herzustellen.

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Klaus Brinkbäumer war überzeugt, wenn ein Politiker Heilung für die tief gespaltene Nation bringen kann, dann Joe Biden: „Es ist bei der Wahl etwas untergegangen, aber er kann Menschen unterschiedlicher Richtungen erreichen.“

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Hier geht es zur Ausgabe von „Anne Will“ in der ARD-Mediathek.

Auch in der vergangenen Folgen ging es um das Coronavirus. Zuletzt forderte bei „Anne Will“ ein Epidemiologe fordert eine andere Corona-Strategie und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki warnte vor einer Corona-Müdigkeit in Deutschland. Virologe Hendrik Streeck forderte bei „Anne Will“ eine neue Corona Strategie. In den Sendungen zuvor wurden diese Themen diskutiert: Die Gäste diskutierten bei „Anne Will“ über das Flüchtlingslager Moria. Auch der Giftanschlag auf Alexej Nawalny war Thema bei „Anne Will.“