Talkshow

„Markus Lanz“: Arzt warnt vor überfüllten Intensivstationen

Bei „Lanz“ lobt Karl Lauterbach den Beschluss für einen Teil-Lockdown. Ein Intensivmediziner warnt vor überlasteten Krankenhäusern.

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin. Für Karl Lauterbach war der Tag, an dem die Ministerpräsidentenkonferenz zusammen mit der Bundeskanzlerin den erneuten Lockdown zur „Vermeidung einer akuten nationalen Gesundheitsnotlage“ verkündete, ein großer Erfolg.

„Wie nach dem Lehrbuch“, lobte der Epidemiologe am Mittwoch bei „Markus Lanz“, habe Angela Merkel das „Circlebreak“-Konzept umgesetzt, das britische Wissenschaftler schon für Sars-CoV-1 entwickelt hatten, um noch rechtzeitig eine explosionsartige Pandemie-Dynamik zu unterbrechen.

Auch bei Covid-19 galt es jetzt, eine zweite Welle zu brechen, solange es noch ging: „Wenn wir noch drei, vier Wochen warten würden“, begründete er, „hätten wir täglich 100.000 Neuinfektionen“. Und das wäre mit Sicherheit ein medizinischer, wirtschaftlicher und sozialer Super-GAU.

„Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Karl Lauterbach: Gesundheitspolitiker (SPD)
  • Winfried Kretschmann: Ministerpräsident Baden-Württemberg (Bündnis 90/Die Grünen)
  • Christiane Hoffmann: Journalistin „Der Spiegel“
  • Clemens Fuest: Wirtschaftsexperte, ifo-Institut
  • Prof. Stefan Kluge: Intensivmediziner

Ministerpräsidentenkonferenz: Karl Lauterbach hält ihren Beschluss für den richtigen

Bei derartigen Horrorprognosen wollte niemand der Talk-Gäste gegen den vierwöchigen Lockdown sprechen, schon gar nicht der Moderator. Schließlich hätte der SPD-Gesundheitsexperte bisher mit all seinen Vorhersagen Recht behalten, nahm Markus Lanz seinen Talk-Stammgast vor den auch zunehmenden öffentlichen Anfeindungen in Schutz – spätestens seit er in einem Zeitungsinterview eine Kontrolle von Privatwohnungen durch Polizei oder Ordnungsämter angeregt hatte.

Das sei nicht ganz so gemeint gewesen, rechtfertigte sich Karl Lauterbach: „Bei Ruhestörung klingelt auch die Polizei an der Tür“, erläuterte er. Weshalb dann nicht bei einer unerlaubten Hausparty mit 30, 40 Leuten? Es sollte nicht der einzige differenzierende Erklärbeitrag des Pandemie-Experten an diesem Abend bleiben.

Trotzdem behielt Markus Lanz in dieser Sendung die Zügel fest in der Hand. Sehr engagiert und überraschend aufklärerisch, fragte er die Runde immer wieder nach dem Weshalb, Warum und Wie weiter. So kam es – trotz weniger Widerworte – an diesem Mittwoch zu einer lebhaften Diskussion unter allen fünf Gästen, obwohl die aus ganzen unterschiedlichen Perspektiven die Lockdown-Entscheidung bewerteten.

Corona: Infektionszahlen waren bei „Markus Lanz“ von Interesse

Zahlen spielten in zahlreichen Variationen eine große Rolle. Hintergrund-Details, für die bei der aktuellen Berichterstattung oft keine Zeit blieb, aber auch.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum Beispiel, zugeschaltet per Video aus Baden-Württemberg, hatte vor kurzem noch schlicht verneint, dass sich Deutschland einen weiteren Lockdown leisten könnte. Nun aber hatte er doch den harten Maßnahmen zugestimmt – wie auch andere Bedenken tragende Ministerpräsidenten, speziell Michael Müller (Berlin), Bodo Ramelow (Thüringen) oder Michael Kretschmer (Sachsen). „Was war von gestern auf heute passiert?“, wollte Markus Lanz wissen.

Der Grüne/Bündnis90-Ministerpräsident klang dünn, rau und heiser. Er war erkältet. Und präsentierte als Antwort erst einmal eine beeindruckende Grafik mit den aktuellen Infektionsraten seines Bundeslandes: Die vor einer Woche noch gelb gekennzeichnete Flächen hatten sich inzwischen allesamt und flächendeckend in Rot bis Dunkelrot verwandelt – und zeigten statt der ursprünglichen 35 nun 50, wenn nicht gar 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen. Das ging schnell, exponentiell.

„Wenn wir länger warten, wird es schlimmer“, erklärte er und bedankte sich ausdrücklich bei allen seinen Ministerpräsidenten-Kollegen für den einheitlichen Beschluss. „Wir müssen die Kontakte um 75 Prozent reduzieren“. Und also das „Nützliche und Angenehme“ einschränken, um „das Notwendige“ – Wirtschaft und Bildung – beibehalten zu können. Deshalb die strikten Vorgaben: Man wolle alles, was Richtung Geselligkeit gehe, für ein paar wenige Wochen unterbinden. „Denn das Virus mag das auch.“

Lockdown: Deshalb ist ein vorübergehender Shutdown unumgänglich

„Was ist denn damit gewonnen, wenn ich die gleiche Anzahl Personen Zuhause treffe statt im Restaurant?“, wollte „Spiegel“-Redakteurin Christiane Hoffmann skeptisch wissen, weil sie nicht verstand, warum Restaurants trotz umfangreicher Hygiene-Konzepte ab Montag bis zum Monatsende schließen mussten. Sogar das RKI habe doch bestätigt, dass Restaurants keine Pandemie-Treiber seien.

Karl Lauterbach sprang dem MP argumentativ bei: „In Deutschland gibt es überhaupt keine Daten, wer sich irgendwo ansteckt“, erklärte er. Und: „Aerosole kümmern sich nicht um Plexiglas, sie verteilen sich gleichmäßig im Raum.“ Deshalb sei eine Reduzierung der Kontakte die einzige Chance, die exponentielle Verbreitung des Virus einzudämmen. Das hätten Auswertungen von 131 Shutdowns weltweit gezeigt.

Gegen soviel Expertenwissen kam Christiane Hoffmann nicht an. Ohnehin schien sie ihre Thesen gerne als provokante Schnellschüsse zu formulieren: Zu Beginn der Pandemie hatte sie geschrieben, dass es legitim sei, Menschenleben gegen Wirtschaftsschäden abzuwägen, erinnerte Markus Lanz. Nun ruderte sie zurück: „Wir haben in den letzten Monaten gelernt, ständig abzuwägen“, gab sie lapidar zu, ohne damit irgendetwas zu erklären.

Shutdown: So sollen finanzielle Einbußen in der Gastronomie kompensiert werden

Sogar Wirtschaftsprofis wie Clemens Fuest halten von einem solchen Gegeneinander nichts. Der Chef des ifo Instituts verdeutlichte stattdessen mit konkreten Zahlen, welche Konsequenzen die Schließung der Lokale finanziell hat: Bei einer Wertschöpfung von 52 Milliarden pro Jahr, kostete der Lockdown die Gastronomie-Branche 100 Millionen pro Tag.

Dafür müsse es eine Kompensation geben, forderte er, was Winfried Kretschmann bestätigte: 75 Prozent der November-Einnahmen von 2019 sollen die Wirte erhalten. „Das lassen wir uns zehn Milliarden kosten“, beruhigte Kretschmann.

Obwohl Clemens Fuest keine Prognosen zu den erwarteten Insolvenzen stellen konnte – „Wir haben leider keine Realtime-Zahlen für Deutschland“ – rechnete er mit einer Pleitewelle. „Die Pandemie hinterlässt große Spuren“. Kurzarbeitergeld, wie gerade bis Ende 2021 verlängert, würde da auch nicht helfen, auf Dauer sei es sogar ein schlechtes Instrument: „Es bestraft Jobwechsel“, erklärte er und regte an, stattdessen zum Beispiel arbeitslosen Kellnern vorzuschlagen, nach entsprechender Ausbildung in die Pflegebranche zu wechseln.

Infektionszahlen höher denn je: Intensivstationen füllen sich

Das hätte möglicherweise auch Stefan Kluge befürwortet, wenn er nur gefragt worden wäre. Wurde er aber nicht. Am Donnerstag letzter Woche hatte der Intensivmediziner vom Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf bei „Markus Lanz“ noch ganz entspannt die Lage an seinem Krankenhaus betrachtet. Seit Freitag machte er sich ernsthafte Sorgen: Innerhalb von nur sechs Tagen habe sich die Covid-19-Patientenzahl, die auf Intensivstationen behandelt werden mussten, verdoppelt.

„Das ist, als wenn man im Tal steht und eine Lawine vom Berg kommen sieht“, erklärte er bildhaft, was die neuen Rekord-Neuinfektionen tatsächlich bedeuteten: Zwei Prozent der Erkrankten kämen an Tag zehn ins Krankenhaus, 30 bis 40 Prozent davon auf die Intensivstation – das für lange Zeit, drei Wochen mindestens, bis zu mehreren Monaten.

Besuch in einer deutschen Covid-19-Intensivstation
Besuch in einer deutschen Covid-19-Intensivstation

„Wir unterschätzen immer wieder, wie schnell die Intensivstationen volllaufen“, erläuterte er. Die schiere Wucht der Zahlen sei das Problem – nicht, weil es zu wenige Intensivbetten oder Beatmungsmaschinen gäbe. Aber jetzt schon fehle Personal, um diese Betten zu bepflegen. „Die normalen Patienten werden verdrängt, weil die Pflegekräfte von anderen Stationen für die Covid-Patienten rekrutiert werden müssen“. Schon nächste Woche würde man beginnen, OPs zu verschieben, schätzte er.

Auch seien die Langzeitwirkungen nicht zu unterschätzen, erläuterte er. Inzwischen wisse man, dass Covid-19 auch aufs Hirn schlage, zumindest bei den schweren Verläufen. Eine Studie habe belegt, berichtet da Karl Lauterbach ergänzend, dass das Virus den IQ um 8.5 Punkte reduziere. Das sei sehr viel, umgerechnet entspreche er einer „Alterung des Gehirns um zehn Jahre“. Lesen Sie dazu: Warum viele Corona-Patienten verwirrt und vergesslich werden

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