Kino

Mark Waschke: „Mir fehlt das körperliche Miteinander“

Die Corona-Krise sei zwar lehrreich, sagt „Tatort“-Kommissar Mark Waschke. Doch auch hart: Dem Schauspieler fehlen die Berührungen.

Mark Waschke bei der Premiere von „Der Geburtstag“ in Halle.

Mark Waschke bei der Premiere von „Der Geburtstag“ in Halle.

Foto: Eventpress Fuhr / picture alliance / Eventpress

Berlin. Die Corona-Pandemie bedeutet für viele Künstler Verdienstausfall, keine Auftritte, verschobene Projekte oder schlicht: ganz viel Pech. Ein bisschen so ist es dem Berliner „Tatort“-Kommissar Mark Waschke auch ergangen. Er musste Dreharbeiten abbrechen und der Kinostart seines neuen Filmes „Der Geburtstag“ wurde verschoben. Jetzt läuft der Schwarz-Weiß-Film ab 25. Juni in einigen wieder geöffneten Kinos an, zudem kann man sich den Film im W-Film Online Kino auf der Seite Vimeo ausleihen.

„Der Geburtstag“ ist eine Weydemann Bros.-Produktion, die schon mit „Systemsprenger“ neues und aufregendes Kino gezeigt haben. Privat findet Waschke die Pandemie-Zeit zumindest lehrreich. Auch wenn ihm der soziale Kontakt gefehlt hat, hat er viel Solidarität gespürt. Ob nun Berliner „Tatort“, Theater in der Schaubühne oder kleine Lesung: Immer gehe es Mark Waschke in seinen Projekten um die Frage: Wie wollen wir leben?

Im Film „Der Geburtstag“ erleben ein Vater, eine Mutter und ein Kind unterschiedliche Krisen. Der Film wurde zwar 2018/2019 gedreht, zu einem Zeitpunkt, an dem niemand hätte ahnen können, dass eine Pandemie schließlich die ganze Welt in eine Krise stürzen würde. Aber „Der Geburtstag“ ist damit eigentlich der Film der Stunde, oder?

Mark Waschke: Das finde ich ja wunderbar, wenn Sie das so sehen. Tatsächlich habe ich ihn zur Vorbereitung auf den Filmstart zum ersten Mal wieder gesehen. Und man hat natürlich die Corona-Pandemie dabei im Hinterkopf. Im Film geht es um die großen Fragen, die alle gerade fühlen: Was ist einem wichtig im Leben, wie geht man miteinander um, wie hält man es miteinander aus?

Jeder musste ja eine Art und Weise finden, mit den vergangenen Wochen fertig zu werden. Wie haben Sie die Corona-Zeit verbracht?

Mark Waschke: Am Anfang war ich noch mitten in den Dreharbeiten von einem neuen Berliner „Tatort“. Mitte März lag dann alles auf Eis, im Mai haben wir wieder angefangen zu drehen. Es gab natürlich große Sicherheitsauflagen. Außerdem hatte ich am 11. März noch eine Premiere an der Schaubühne: Das Stück „Die Affen“, wir konnten es nur ein einziges Mal zeigen, dann wurden auch die Theater geschlossen. Aber wenigstens hatten wir die Premiere. Lesen Sie hier, welche Auswirkungen die Pandemie auf den Berliner „Tatort“ hatte.

Und wie haben Sie die Zeit persönlich empfunden?

Mark Waschke: Da ist so viel zusammen gekommen. Auch wenn die wirtschaftlichen und sozialen Folgen noch nicht abzusehen sind, auch wenn das Virus in anderen Ländern viel schlimmer als bei uns gewütet hat, hatte das Anhalten des Kapitalismus, das Ausbremsen des Einfach-Weiter-So-Konsumierens auch etwas sehr Inspirierendes für mich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als ich während des Lockdowns in einer Shopping Mall war, um mir in einer Drogerie meinen Lieblingsaufstrich zu kaufen, hatten die leeren Hallen auch etwas Positives. Wir haben uns alle besonnen und konnten schauen, was uns im Leben wirklich wichtig ist. Und das ist auch kein Kitsch im Angesicht der gesellschaftlichen Herausforderungen, die uns gegenüber stehen.

Was meinen Sie genau?

Mark Waschke: Auf einmal mussten wir uns auf einander verlassen, ich habe ganz viel Solidarität im Miteinander gespürt. Auch fand ich die Krise lehrreich, wir mussten aushalten, abwarten, ohne zu wissen, was kommt. Das ist die Haltung einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft. Wissenschaftliche Aussagen abwägen und auf unser Leben übertragen.

Im Film stellt der Vater in der Krise fest, dass er nichts mehr braucht als die Beziehung zu seinem Sohn. Wie ist es Ihnen in der Realität ergangen?

Mark Waschke: Die sozialen Beziehungen fehlen mir derzeit am meisten. Auch das körperlich Miteinandersein. Ich musste nicht an besonders vielen Videokonferenzen teilnehmen, aber wenn, dann fiel mir immer auf: Oh, hier fehlt der Flur, in dem man sich vorher kurz getroffen und ausgetauscht hat.

Im Film sind Sie manchmal ein strenger und ungehaltener Vater. Im wahren Leben haben Sie eine Tochter im Teenageralter. Was sind Sie für ein Vater?

Mark Waschke: Mit der Zeit ist mir aufgegangen, dass ich meiner Tochter zwar erzählen kann, wie die Welt läuft, wie man lebt und so weiter. Letztendlich ist das aber völlig egal. Denn sie beobachtet mich genau und zieht ihre eigenen Schlüsse. Vor allem kopiert sie mich. Wenn ich Angst fühle, aber in meiner Angst noch offen bin und die Hand ausstrecke, dann tut sie das auch. Ich glaube an die Intelligenz der Kinder, die machen das schon. Wir müssen Kinder als vollständige Wesen sehen, mit eigenem Willen und Charakter. Bis Kinder sechs, sieben Jahre alt sind, brauchen sie ihre Eltern als Versorger, Pfleger, in allen Belangen. Aber danach sollten wir nur noch Partner sein, nicht strafender Vater oder Helikopter-Vater oder Überliebe-Mutter. Ich versuche, meiner Tochter auf Augenhöhe zu begegnen, ich möchte mit ihr gemeinsam wachsen.

Der Filmstart musste wegen Corona verschoben werden, ist das jetzt Pech oder wie nehmen Sie das?

Mark Waschke: So was ist natürlich blöd. Aber im Juni machen schon wieder in paar Kinos auf. Darüber freue ich mich. Denn ein Film muss im Kino laufen.

Sie sind Tatort-Kommissar, spielen in der Netflix-Serie „Dark“ mit. Sie gehören zur Top-Riege der deutschen Schauspieler. „Der Geburtstag“ ist eher ein Autorenfilm. Haben Sie auf so einen Film gewartet?

Mark Waschke: Ich habe in meiner Karriere immer schon unterschiedliche Sachen gemacht. Kleine Lesungen, Tatort, Theater, Filme mit kleinem Budget. Wenn ich zu etwas Lust habe, mache ich das. Ob Tatort mit zehn Millionen Zuschauern oder Lesung mit 20 Zuhörern, mir geht es bei Projekten immer um die gleiche Frage: Wie wollen wir leben?

Der Film ist in Schwarz-Weiß gedreht. Warum?

Mark Waschke: Ich finde es sieht wunderschön aus. Und der Film hat dadurch etwas Zeitloses, könnte in den 60ern, 70ern oder heute spielen. Das Lichtspiel ist fantastisch. Das Schwarz-Weiß betont das Unterbewusste, es verschwimmen die Grenzen von Realität und Traum, Ängste wie Wunschträume. Dadurch ist der Film klassisch und archaisch.

Youtube Trailer Der Geburtstag

Es geht immer wieder um einen Elefanten, warum, was bedeutet das Tier?

Mark Waschke: Elefanten weinen dicke, salzige Tränen, Elefanten sind Herdentiere, die wahnsinnig gut aufeinander aufpassen. Elefanten haben unglaubliche Kraft und haben kaum natürliche Gegner, aber haben ein ganz weiches Herz. Sie sind eigentlich sehr modern und Pflanzenfresser. Was ich sehr sympathisch finde.

Sind Sie auch Veganer?

Mark Waschke: Ich sage immer: Ich ernähre mich vegan. Denn zu sagen, „ich bin das oder das“, ist mir zu ideologisch. Aus politischen und spirituellen Gründen ernähre ich mich rein pflanzlich, ohne dass ich finde, dass müssten andere auch. Das ist die beste Entscheidung meines Lebens. Meine Tochter hat mich dazu inspiriert, sie hat mir beigebracht, ernst zu nehmen, was eh schon immer in mir schlummerte.