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„Anne Will“: Amthor wird für Aussagen heftig kritisiert

Bei „Anne Will“ sagt Ärztin Hänel, warum sie weiter gegen den Paragrafen 219a kämpfen will. Alle sind auf ihrer Seite. Bis auf einer.

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Berlin Nach seinem Auftritt bei „Anne Will“ am Sonntag überziehen Nutzer den CDU-Politiker Philipp Amthor mit Häme und Spott. Der 26-Jährige wird wegen seiner Haltung zu Abtreibungen auseinander genommen. Er hatte sich in der Talkshow als Gegner von Abtreibungen positioniert und sich dabei vor allem mit Teresa Bücker, Chefredakteurin von Edition F, gestritten.

Auf Twitter machten viele Kommentare die Runde, in denen Amthors Position kritisch bewertet wurde. Eine Auswahl von Nutzerbeiträgen:

  • „Philipp Amthor ist 26 Jahre alt, Abtreibungsgegner und trägt einen Deutschlandfahnen-Pin an seinem blauen Anzug. Ich frage mich, was ist da schief gelaufen?“
  • „Der Spott über @Philipp_Amthor ist ziemlich arm, finde ich. Es muss doch möglich sein, dass ein Christdemokrat 100.000 Abtreibungen pro Jahr nicht bejubelt.“
  • „Philipp Amthor: „Wir haben als Männer unseren Anteil an der Schwangerschaft“ - Das ist jetzt wirklich in den top 10 der dümmsten Sätze, die je in einer deutschen Talkshow gesagt wurden. #AnneWill“

Philipp Amthor wusste wohl schon, dass es nicht leicht werden würde. Er sitze hier bei „Anne Will“ ja als junger Mann, dazu noch kinderlos, sagte er in der Sendung.

Er erfuhr, wie sich Frauen sonst fühlen: In einer Runde voller Frauen, die über ein Thema diskutieren sollte, das noch immer für hitzige Debatten sorgt: Der Paragraf 219 an, der das Werbeverbot Abtreibungen beinhaltet und die Frage, was im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Schutz von ungeborenem Leben erlaubt sein sollte.

„Anne Will“ - das waren die Gäste:

  • Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin
  • Kristina Hänel, Ärztin
  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), ehemalige Bundesjustizministerin
  • Philipp Amthor (CDU), Bundestagsabgeordneter
  • Teresa Bücker, Chefredakteurin Edition F

In der Tat: Keine einfache Aufgabe, wenn man als Mann nur indirekt betroffen ist – und auch noch konservative Positionen vertritt. Amthor ist nicht irgendwer. Der erst 26-jährige Bundestagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern ist ein guter Rhetoriker. Und: Er gilt als Nachwuchshoffnung des konservativen CDU-Flügels.

Paragraf 219a abschaffen - um was geht es?

  • In Paragraf 219a des Strafgesetzbuch ist geregelt, dass Ärzte nicht über Abtreibungen informieren dürfen
  • Es zählt zu den Straftaten gegen das Leben
  • Vor der jüngsten Reform wurde Paragraf 219a 1993 geändert

Die schwarz-rote Koalition hat sich auf eine Reform des umstrittenen Paragrafen 219a geeinigt: Das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche bleibt bestehen. Ärzte dürfen aber – etwa auf ihrer Internetseite – darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Franziska Giffey muss rechtfertigen, was sie für falsch hält

Im Kern ändert sich also nicht viel. Und Amthor ist zufrieden. „Wir haben einen guten Konsens hinbekommen“, sagte der CDU-Politiker. Die Rechtslage sei vorher schon klar gewesen. Jetzt sei sie noch ein bisschen klarer.

Und: „Wir in der CDU treten ein für Lebensschutz“. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte sich beim Werbeverbot für Abtreibungen noch im März gesprächsbereit gezeigt.

Die SPD, die eine vollständige Abschaffung des Paragrafen gefordert hatte, konnte sich nicht durchsetzen. „Warum lassen Sie die Leute hängen?“, fragte Anne Will spitz.

„Es ist ein magerer Kompromiss“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hatte die unangenehme Aufgabe, zu rechtfertigen, was sie eigentlich für falsch hält. Also flüchtete sie sich in Allgemeinplätze: Man sei halt in einer Koalition, kein Partner könne sich zu 100 Prozent durchsetzen. Bei keinem Thema seien die Meinungen in der Koalition so weit auseinandergegangen. Jetzt habe man aber ein Ergebnis.

Ex-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) spottete: „Es ist ein magerer Kompromiss. Es ändert sich nicht viel“.

Und die Gießener Ärztin Kristina Hänel, die von einem Gericht zu 6000 Euro Strafe verurteilt wurde, weil sie auf ihrer Internetseite auf Schwangerschaftsabbrüche in ihrer Praxis aufmerksam machte, will weiter gegen 219a kämpfen – und notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen. „Wir können den Ärzten nicht den Mund verbieten“, sagte sie.

Hänel berichtete bei Anne Will von ihren Erlebnissen. Von radikalen Abtreibungsgegnern, die vor ihrer Praxis standen. Von Todesdrohungen, die sie erhielt. „Da wurde ganz genau geschildert, wie man mich umbringen kann. Und bedauert, dass es keine Inquisition mehr gibt“.

Teresa Bücker: Frauen wie unmündige Bürger

Was Franziska Giffey als Erfolg verkaufte, ist für die Ärztin Hänel aber nur ein erster Schritt: Mediziner dürfen in Zukunft auf externe Informationen verlinken. Sie sollen aber nicht selber publik machen, welche Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs es gibt und wie in ihrer Praxis damit verfahren wird.

Am „Misstrauen gegenüber Ärzten und Frauen“, wie es die Feministin Teresa Bücker ausdrückte, habe sich also nicht viel geändert. „Wir behandeln Frauen nach wie vor wie unmündige Bürger“, sagte sie.

Bückers Kritik: Schwangerschaftsabbrüche seien noch immer kriminalisiert, der Staat sehe eine Zwangsberatung vor – ganz so, als könnten Frauen nicht selber eine Entscheidung treffen. „Herr Amthor, wenn Sie schwanger wären, würde ich Ihnen zutrauen, diese Entscheidung zu treffen“, sagte sie.

Alle sind sich einig – nur einer widerspricht

Alle in der Runde waren sich einig: 219a ist nicht ideal – und bleibt ein Problem. Nur einer hielt dagegen: Der konservative Philipp Amthor gab den Bedenkenträger. Er verwies auf 100.000 Abtreibungen, die es im letzten Jahr gegeben habe. „Es gibt keine Gebärpflicht in Deutschland, die Zahl ist irrelevant“, schimpfte Teresa Bücker.

Dann sprach Amthor davon, dass es im US-Bundesstaat New York erlaubt sei, bis kurz vor der Geburt eine Abtreibung vorzunehmen. Und wieder war es Teresa Bücker, die dazwischen grätschte: „Es ist nicht so, dass Frauen bis kurz vor Geburt abtreiben würden“, sagte sie.

Philipp Amthor sorgt für Ärger

Kanada, so Bücker, habe Abtreibungen freigegeben – und 90 Prozent fänden bis zur zwölften Schwangerschaftswoche statt. „Es ist ein problematisches Frauenbild: Sie unterstellen, dass Frauen zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft abbrechen würden“, sagte die Frauenrechtlerin.

Einige von Amthors Aussagen trieben vor allem bei Teresa Bücker die Zornesröte ins Gesicht. Trotzdem war es gut, dass der junge Unions-Politiker in der Runde saß. Er belebte die Diskussion. Weil Amthor der einzige war, der eine abweichende Meinung vertrat – als echter Konservativer.

Schade bloß, dass Anne Will nur einen Mann eingeladen hat. So engagiert und sachlich die Debatte auch geführt wurde. Es blieb bei dieser Konstellation der Eindruck, als handele es sich um ein Thema, das nur Frauen etwas angeht – und nicht die ganze Gesellschaft.

Hier können Sie die komplette Sendung „Anne Will“ in der ARD-Mediathek anschauen.