Musiksender

Viva hat an Silvester um 14 Uhr den Betrieb eingestellt

Viva prägte in den 90ern als deutsche MTV-Konkurrenz die Musikkultur und brachte Talente hervor. Wir blicken mit dem Gründer zurück.

Auch Heike Makatsch moderierte einmal für Viva – hier im Jahr 1995 im Studio in Köln.

Auch Heike Makatsch moderierte einmal für Viva – hier im Jahr 1995 im Studio in Köln.

Foto: dpa Picture-Alliance / Horst Ossinger / picture alliance / Horst Ossinge

Berlin.  „Viva forever“ hieß die letzte Sendung am Silvestermorgen – doch von „für immer“ kann keine Rede sein, höchstens im Herzen. Denn um 14 Uhr wurde am 31. Dezember der Sender Viva abgeschaltet.

Der wichtigste deutsche Musikkanal, der in den 90er-Jahren Moderatoren wie Stefan Raab und Heike Makatsch zu Stars machte und zuletzt von Studios in Friedrichshain aus sendete, ist nach 25 Jahren Fernseh-Geschichte.

Gegründet wurde er am 1. Dezember 1993 von dem Medienmanager Dieter Gorny. Wir sprachen mit dem 65-Jährigen über seine Erinnerungen, über alte und neue Medien.

„Eine spannende Zeit war das“, sagt Gorny und ist sofort wieder Feuer und Flamme, wenn er zurückdenkt an die Anfangszeit von Viva, das im Selbstverständnis als „Jugend- und Musiksender für Pop und Fun“ gestartet war. Was natürlich aufregender klingt als die eigentliche Abkürzung, nämlich Videoverwertungsanstalt.

Eine spannende Zeit sei es gewesen, weil „wir den Kampf gegen den Giganten MTV aufgenommen haben, weil es die goldenen zehn Jahre des Privatrundfunks waren, weil …“.

Viva als Karrieresprungbrett

Gorny gerät jetzt richtig in Fahrt, so kennt man ihn, immer mit bebendem Einsatz bei der Sache. Also, weiter im Text, weiter mit der Erfolgsgeschichte von Viva und wie sein Erfinder sich diese erklärt: „Es war eine neue Art, Fernsehen zu machen, und auch eine neue Art, Moderatoren karrieretauglich zu präsentieren.“

Womit wir bei den Ansagern wären. Gorny: „Die größten Persönlichkeiten waren natürlich Stefan, später einer unserer größten Entertainer, und Heike, die sogar im anspruchsvollen Schauspielfach Fuß fassen konnte.“

Der digitalen Herausforderung nicht gewachsen

Weitere Viva-Gesichter, nicht der Vollständigkeit, sondern der Relevanz als Talentschmiede halber genannt und weil sie für mindestens eine ganze Generation die ersten eigenen Promis wurden, im Schnell­­durchlauf:

Nils Bokelberg, Aleksandra Bechtel, Oliver Pocher, Mola Adebisi, Daniel Hartwig, Gülcan Kamps, Johanna Klum, Milka Fernandes, Matthias Opdenhövel, Janin Reinhardt, Nova Meierhenrich, Palina Rojinski, Jessica Schwarz, Collien Fernandes, Sami Slimani, Minh-Khai Phan-Thi, Klaas Heufer-Umlauf, Sarah Kuttner, Enie van de Meiklokjes, Tobias Schlegl, Markus Kavka, Niels Ruf, Charlotte Roche.

Warum funktioniert das Konzept nicht mehr, wieso drückt der US-Medienkonzern Viacom nach einem Vierteljahrhundert jetzt den Aus-Knopf für Viva? „Diese Geschichte des Trendfernsehens, des szenetypischen Jugendbewegers, ist in den Neunzigern geschrieben worden“, sagt Gorny.

Diese Art von Bewegtbild sei nicht mehr gefragt, auch MTV sende ja nur noch so vor sich hin. „Es wurde einfach keine vernünftige Antwort auf die digitale Herausforderung gefunden.“

Das Internet kann alles

Dass es online keine adäquate Alternative gibt, sei für die einst immens erfolgreichen Kultmarken MTV und Viva schade, aber: „Alles hat seine Zeit!“ Das Killer-Argument für ein Internet, das eben längst nicht mehr nur Begleitprogramm ist, sondern ein eigenständiges Angebot, liegt laut Gorny in dessen Möglichkeiten:

„Das Netz kann alles. In Echtzeit, interaktiv, wie und wo auch immer – es ist geradezu ein mediales Heilsversprechen für moderne Menschen, im Idealfall sogar sein eigener Sender zu sein.“

Youtube etwa habe diese Offerte abgegeben. Oder Spotify. Und Netflix. Die im übrigens allesamt so spagatfähig gewesen sind, neben dem erfolgreichen Etablieren der technischen Plattform auch zur coolen Marke zu avancieren.

„Warum haben Viva oder MTV so was nicht erfunden?“, klagt und fragt Gorny, um die Antwort gleich zu liefern: „Weil sie aus einem anderen, alten Medium stammen, wo es diese besonderen Freiräume eben nicht gegeben hat.“

Heute kann man für wenig Geld viel Musik hören

Gorny trauert den überholten Videoclip-Programmen also nicht nach, doch die Freude aufs Geschaffene schwingt mit, wenn er sagt: „Wir alle können stolz sein, dass wir dabei gewesen sind.“

Der ehemalige Musiklehrer, einstige Medienmann des Jahres und spätere künstlerische Direktor der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 hat immer noch eine Professur für Kultur- und Medienwissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf inne.

In Dortmund ist er Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft. Den Chefposten beim Bundesverband der Musikindustrie hat er im vergangenen Jahr abgegeben. Er ist aber weiterhin Aufsichtsratsvorsitzender der Initiative Musik der Bundesregierung.

Und außerdem ist dieser gewichtige Mann: „Völlig digitalisiert! Ich habe noch nie so viel Musik gehört, noch nie so viele Nischen entdeckt. Überhaupt war doch noch nie eine Zeit so demokratisch wie unsere, in dem man für relativ wenig Geld so selbstbestimmt an so viele Inhalte kommt.“ So leicht kann das Abschiednehmen sein.