Fernsehen

Warum Joachim Luger nie mehr Hans Beimer sein will

Nach 33 Jahren ist Joachim Luger am Sonntag letztmals in der „Lindenstraße“ zu sehen. Ein Abschied, den er sich selbst gewünscht hat.

Joachim H. Luger: Darum muss "Vater Beimer" in der "Lindenstraße" sterben

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Berlin.  Wann der eigene Todestag kommt, kann niemand sagen. Außer man ist eine Serienfigur. Wie Hans Beimer aus der „Lindenstraße“. Dessen Ableben ist exakt terminiert, Sonntag, 2. September 2018, 18.50 Uhr. Dann beginnt die 1685. Folge der TV-Soap, und Hans Beimer, Leistungsträger der ersten Stunde, wird zu Grabe getragen.

Im Großen Sendesaal des WDR in Köln, wo das Drama vor 1000 geladenen Gästen und zu den Live-Klängen des Funkhausorchesters auf Großleinwand zu besichtigen sein wird, sitzt dann auch Joachim Hermann Luger. Der Schauspieler hat Hans Beimer fast 33 Jahre lang verkörpert, der Figur Gesicht und Profil gegeben. Dass nun Schluss sein soll, macht dem 74-Jährigen aber keine Bange: „Ich habe das ja selbst so gewollt“, sagt er.

Nach drei Jahrezehnten „ist es eigentlich genug“

Doch das Sterben der populären TV-Figur brauchte Zeit. „Des Längeren“ habe er sich mit dem Gedanken herumgeschlagen, Vater Beimer in die ewigen TV-Jagdgründe eingehen zu lassen, sagt Luger. Warum? Nach drei Jahrzehnten in der Rolle habe er festgestellt: „Nun ist es eigentlich genug.“

Eine Rolle, die das private und künstlerische Leben des Bochumers bis in die feinsten Nuancen hinein ausgeformt hat; für viele ist der Mann von der Rolle überhaupt nicht zu trennen. „Für die meisten Menschen bin ich Hans Beimer“, sagt Luger. Ob ihn das nie gestört habe? Er denkt kurz nach: „Nein“, sagt er, „es hat mich nie gestört, denn es war ja meine Entscheidung, die Rolle zu übernehmen.“ Und es sei seine Entscheidung gewesen, sich davon zu trennen: „Ich hatte das den Serien-Machern vorgeschlagen, und sie sind meinem Wunsch gefolgt.“

Per Telegramm: „Wenn Du willst, bist du mein Hans Beimer“

Dass Joachim Luger eines der bekanntesten Fernsehgesichter werden würde, war lange Zeit gar nicht absehbar. Luger ist nämlich von Haus aus Bühnen- und nicht TV-Darsteller. 1966 hatte er seine erste bezahlte Rolle in Stuttgart, 1978/81 einen Gastvertrag am Bochumer Schauspielhaus. „Als Claus Peymann Intendant wurde, musste ich gehen“, erinnert sich Luger, der dann als „Freier“ in Castrop, Essen und bei den Bad Hersfelder Festspielen wirkte.

Und wie ist er schließlich ausgerechnet auf die „Lindenstraße“ aufmerksam geworden? „Nee, nee“, sagt er, „das war umgekehrt. Ich bin auf Empfehlung eines WDR-Mitarbeiters zum Casting eingeladen worden.“ Das Vorsprechen bei „Lindenstraße“-Produzent Hans W. Geißendörfer entpuppte sich als ziemliche Prozedur; angeblich hatten bereits 70 Hans Beimers ihr Glück versucht. Bis Luger kam. Und überzeugte. „Ich stand wieder in Bad Hersfeld auf der Bühne, als Geißendörfers Telegramm kam: ,Wenn Du willst, bist Du mein Hans Beimer‘, stand drin“, erinnert sich Luger.

Mit der Einstellung „Ich lass mich einfach mal überraschen!“ sei er „die Sache“ angegangen. Marie-Luise Marjan als Helga Beimer sei zunächst nicht überzeugt von ihm gewesen. Als ihr Ehemann sei Luger „viel zu jung“, so ihre Befürchtung. „Dabei ist sie nur drei Jahre älter als ich“, kann Luger heute darüber schmunzeln. Der Rest ist Fernseh-Geschichte: Die „Lindenstraße“ wurde ab 1985 höchst erfolgreich und zur Mutter aller deutschen Seifenopern, Luger, Marjan und die weiteren Hauptdarsteller wurden zu öffentlichen Lieblingen.

Wie genau der Serien-Tod aussieht, darf er nicht erzählen

„Die Zuschauer haben die Sendung von Anfang an geliebt“, sagt Luger, „auch wenn die Presse in den ersten Jahren unisono geschrieben hat, wie furchtbar das alles ist.“ Die Kulissen aus Pappmaché, die Texte hölzern, die Regie einfallslos: „Viele Kollegen haben zu mir gesagt: Lass das lieber, du machst mit der Rolle deine Karriere kaputt“, sagt Luger. Er hat es nicht gelassen, sondern zugelassen. So kam es, dass sein Leben, wie Luger sagt, „absolut bestimmt war“ von der „Lindenstraße“.

Mit Anfang 70 habe er schließlich gemerkt, dass da noch mal was anderes kommen müsste. „Ich hatte zunehmend Lust, wieder auf der Bühne zu stehen“, sagt Luger, der bereits seit 1999 seiner Leidenschaft fürs Boulevardtheater immer wieder nachgegeben hatte. Nun also der große Schnitt. Hans Beimer stirbt, und Joachim Luger ist ab Montag, 3. September 2018, wieder ein freier Mann. „Wenn etwas vorbei ist, beginnt immer wieder etwas Neues“, sieht es der Schauspieler pragmatisch.

Und wie stirbt er denn nun, Papa Beimer? Luger lächelt, das dürfe er nicht verraten, es sei ein großes Geheimnis, das erst am Sonntag gelüftet werden soll. Spekulieren darf man aber: Wenn man den Zuschnitt der Rolle zum Maßstab nimmt – letztlich ist Hans Beimer ein zurückgenommener Mensch –, dürfte es kein grausiger Unfall oder eine Schießerei sein, die ihn ins Jenseits befördert. Wohl eher ein stiller Tod.