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Warum Fernsehserien so gut geworden sind

Fernsehserien sind besser und beliebter als je zuvor. Wie ist das eigentlich passiert? Ein US-Showrunner gibt Antworten

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Foto: HBO

Berlin.  Serien seien das neue Kino, heißt es. Oder der neue Roman. So oder so: Serien haben in den vergangenen 20 Jahren an Qualität, Tiefe und Relevanz derart zugelegt, dass sie zur Leidenschaft von Millionen Menschen geworden sind.

Die größten Erfolge sind, natürlich, aus Amerika. Ob das Mafia-Epos „Sopranos“, das 60er-Jahre-Porträt „Mad Men“, das Krimidrama „Breaking Bad“, der Fantasy-Megaerfolg „Game of Thrones“: Fans sitzen überall auf der Welt fasziniert davor, Bildschirmgröße egal.

Im Zug, im Bett, auf dem Sofa. Sie lassen sich von komplex und neuartig erzählten Epen stärker einfangen als Zuschauer früher, die die Folgen ihrer Lieblingsserien einmal pro Woche zur leichten Unterhaltung ansahen. Mit den DVDs wurde das „Binge Watching“ – das Schauen ganzer Staffeln am Stück – erfunden, mit dem Streaming wurde es perfektioniert: eine Folge. Ach, noch eine. Und noch eine. Stundenlanges Vertiefen in eine fremde Welt. Ja, das hat was von Lesen.

487 neue Serien in den USA

Und die europäischen Serienmacher, eigene Erfolge hin oder her, schauen weiter auf ihre US-Kollegen. Wie genau machen die das? Im vergangenen Jahr entstanden in Amerika 487 neue Produktionen, für 30 Anbieter anstatt wie früher nur für vier. Pay-TV-Kanäle wie HBO waren in den 1990ern dazugekommen, später Streamingdienste wie Netflix, das 1997 als Online-Videothek startete und seit 2012 eigene Inhalte produziert. Allein die Vielfalt trage zur Qualitätssteigerung bei, sagt Jon Feldman. Der Amerikaner ist seit 30 Jahren im Geschäft. Im Juli war er als Experte beim „European TV Drama Lab“ in Berlin, veranstaltet vom Potsdamer Erich Pommer Institut, und teilte dort sein Wissen mit europäischen Drehbuchautoren.

Feldman ist Showrunner – ein Berufskonzept, auf das man in Europa neidisch ist. Der Showrunner ist der kreative Kopf einer Serie – und ihr Produzent. Er leitet das Autorenteam, er stellt die Regisseure ein, die seiner Vision verpflichtet sind. In Deutschland sind die Bereiche meist getrennt. „Die Autoren hier haben das Gefühl, sie verlieren im Laufe der Produktion die Kontrolle über das, was sie geschaffen haben“, so hat es Feldman bei seinen Begegnungen erlebt.

Veränderte Produktionsbedingungen in den 90ern

Schon länger fordern Drehbuchautoren hier mehr Einfluss und Wertschätzung – wie sie es bei jüngeren Qualitätsserien wie „Dark “ (der ersten deutschen Netflix-Produktion), „Babylon Berlin “ (ARD/Sky) und „Bad Banks “ (ZDF/Arte) auch hatten. Alltag ist das aber noch nicht. Erst im Januar gab es vor der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises einen Aufschrei, weil die Drehbuchautoren „aus Platzgründen“ nicht zur Veranstaltung eingeladen worden waren. Anders in Amerika: „Es gibt bei uns den Ausdruck ,Beim Fernsehen ist der Autor König’“, sagt Feldmann, der zuletzt Showrunner beim Polit-Drama „Designated Survivor“ mit Kiefer Sutherland war (ABC, in Deutschland bei Netflix); seinen ersten Job hatte er Ende der 80er bei der Familienserie „Wunderbare Jahre“.

Aber warum sind die Amerikaner nun so gut? Liegt’s nur am Showrunner-Konzept? Aus deutscher Sicht spielt das eine große Rolle, Feldman aber schreibt es vor allem den veränderten Produktionsbedingungen in den 90ern zu. Da begannen die Pay-TV-Kanäle, eigene Serien zu produzieren.

Und sie wollten dabei mutig sein, um das Bezahlfernsehen vor der drohenden Bedeutungslosigkeit zu retten. Statt 22 Folgen pro Staffel bestellten sie nur sechs, zehn oder 13. „Da bekam der Showrunner plötzlich viel mehr Zeit, sich um jede einzelne Episode zu kümmern“, sagt Feldman.

Einen Zwang zum Happy End gibt es nicht mehr

Außerdem bahnbrechend: Die Kanäle sorgten sich nicht mehr um Massentauglichkeit, sondern wollten persönlichere und nuanciertere Geschichten. „Sie wollen Serien erschaffen, für die die Menschen Abos abschließen.“ Dies zusammen habe zu der Qualitätsexplosion geführt.

So wurde die Art, wie Geschichten erzählt werden, verändert. „Als ich anfing, für das Fernsehen zu arbeiten, musste noch jede Folge einer Serie einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben“, sagt Feldman. Heute könne man eine Geschichte über eine ganze Staffel erzählen. Oder ohne Happy End. Man könne Figuren komplex gestalten, die nach alten Standards einfach nur unsympathisch wären, wie ein Drogendealer. Und Serien seien insgesamt düsterer. „Fernsehen ist reifer geworden“, bilanziert er.

In Deutschland folgt das Fernsehen nur zögerlich

Deutschland schien sich lange gegen diese Reifung zu wehren, länger als die skandinavischen Länder, die mit internationalen Serienerfolgen wie dem Thriller „Die Brücke“ und dem Politdrama „Borgen“ ihren Ruf als Serienheimat längst gefestigt haben. Qualitätsexperimente, die kein Massenpublikum fanden, wurden im klassischen deutschen Fernsehen schnell wieder beendet. Aber man fängt an, die sich verändernden Zeiten mitzudenken.

Das komplex erzählte Finanzdrama „Bad Banks“ etwa stand schon Wochen vor der Fernsehausstrahlung in der Mediathek zur Verfügung. Mehr als eine Million Mal wurden die Folgen allein dort abgerufen.