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Wie Journalisten Einschüchterung via Internet erleben

Um die Pressefreiheit steht es in Deutschland relativ gut. Doch einige Journalisten erleben, dass relativ gut eben nicht perfekt ist.

Der Journalist Hasnain Kazim schreibt in seinem Buch „Post von Karlheinz: Wütende Mails richtiger Deutscher – und was ich ihnen antworte“ über Hassbotschaften, die er bekommen hat.

Der Journalist Hasnain Kazim schreibt in seinem Buch „Post von Karlheinz: Wütende Mails richtiger Deutscher – und was ich ihnen antworte“ über Hassbotschaften, die er bekommen hat.

Foto: Michael Gottschalk/photothek.net / imago/photothek

Hamburg.  In der von Reporter ohne Grenzen erhobenen „Rangliste der Pressefreiheit“ ist Deutschland vergangenes Jahr einen Platz aufgerückt – von Rang 16 auf Rand 15. Man kann also sagen, dass Journalisten im Vergleich zu anderen Staaten hierzulande relativ unbedrängt ihrer Arbeit nachgehen können.

Die Betonung liegt dabei auf dem Wörtchen „relativ“: Wie Reporter ohne Grenzen anlässlich der Veröffentlichung der Rangliste mitteilte, habe man auch in Deutschland „eine hohe Zahl an tätlichen Übergriffen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen gegen Journalisten“ registriert.

Einer, der sich ständig mit Einschüchterungsversuchen und Drohungen konfrontiert sieht, ist der Wien-Korrespondent von Spiegel Online Hasnain Kazim. Weil seine Eltern indisch-pakistanische Einwanderer sind, lädt der Mob regelmäßig seinen Hass via Mail, Facebook oder Twitter bei dem in Oldenburg geborenen Journalisten ab.

SPON-Journalist Hasnain Kazim beantwortet Hass-Kommentare

Kazim geht mit Hassbotschaften wie „Leute wie dich sollte man in Deutschland vergasen!!!!!!!“ erstaunlich gelassen um. Seit zwei Jahren beantwortet er solche Nachrichten. Aus den insgesamt 854 Dialogen, die Kazim so geführt hat, ist das Buch entstanden „Post von Karlheinz: Wütende Mails richtiger Deutscher – und was ich ihnen antworte“.

Kalt lässt ihn das alles aber nicht. „Ich fühle mich alleingelassen mit dieser Form von Hass“, sagte er kürzlich in einem Interview. Insbesondere „von der Justiz, aber auch von meinem Umfeld, das nicht laut genug widerspricht“. Da der Fall Kazim kein Einzelfall ist, plant das Netzwerk Recherche auf seinem Jahrestreffen Ende Juni eine Veranstaltung mit dem Titel: „Hass gegen Journalisten. Wo bleibt unsere Solidarität?“

An ihm wird wohl auch Patrick Gensing teilnehmen. Er leitet das Fact-Checking-Portal „Faktenfinder“ von Tagesschau.de. Weil er kein Hehl daraus machte, Fan der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet zu sein, erlebte auch Gensing einen veritablen Shitstorm. Er sei „Mitglied der linksterroristischen Antifa“ hieß es. Und im Übrigen sei auch die „Tagesschau“ linksextrem.

Nicht nur Journalisten, auch deren Familien werden bedroht

Während Kazim und Gensing fest angestellt sind, sieht sich der freie Journalist Holger Berger noch mit einem ganz anderen Problem konfrontiert. Berger ist nicht sein richtiger Name. Den möchte er hier nicht sehen – aus Rücksicht auf seinen wichtigsten Auftraggeber. Bei dem handelt es sich um einen öffentlich-rechtlichen Sender.

Für ihn hat der Journalist vor einiger Zeit Beiträge produziert, die rechte Verschwörungstheoretiker auf ihn aufmerksam machten. Warum, lässt sich rational nicht erklären. Die Sache hat auch eine rassistische Komponente. Seither wird nicht nur Berger massiv bedroht. Auch seine Frau und sein Kind sind in das Fadenkreuz des Mobs geraten.

Der Journalist versucht, so gut es geht, sich zur Wehr zu setzen. Er hat Anwälte eingeschaltet. Doch es ist gar nicht so einfach, Drohungen und Verleumdungen aus dem Netz zu bekämpfen. Kazims Satz, er fühle sich von der Justiz allein gelassen, würde Berger wohl unterschreiben.

Hinzukommt, dass Rechtsstreitigkeiten eine recht kostspielige Angelegenheit sind. Die finanziellen Mittel des Journalisten sind mittlerweile nahezu erschöpft. Von dem Sender, der sich mit den Beiträgen, des bestens beleumundeten Berger schmückt, kann er keine Unterstützung erwarten. Rechtsschutz wird dem freien Journalisten nicht gewährt. Inzwischen hat sich auch der Rundfunkrat des Senders der Sache angenommen – bisher ohne ein für Berger befriedigendes Ergebnis.

Er selbst mag mit Medienjournalisten über seinen Fall nicht reden. Er fürchtet, der Sender, auf dessen Honorare er zwingend angewiesen ist, könnte ihn fallen lassen. Dann wäre einer öffentlich-rechtlichen Anstalt gelungen, was der Online-Mob allein nicht schaffte: Sie hätte einen verdienten Journalisten mundtot gemacht.

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