ARD-Krimi

Vermisste Kinder – Faktencheck zum „Tatort“ aus Dresden

Wie viele Kinder werden in Deutschland vermisst? Wie hoch ist die Aufklärungsquote? Ein Faktencheck zum „Tatort: Déjà-vu“ aus Dresden.

Von Jennifer Kalischewski
Ein vermisster Junge wird im „Tatort“ Dresden tot am Elbufer gefunden. Der Täter läuft noch frei herum – und hat schon sein nächstes Opfer im Visier.

Ein vermisster Junge wird im „Tatort“ Dresden tot am Elbufer gefunden. Der Täter läuft noch frei herum – und hat schon sein nächstes Opfer im Visier.

Foto: Daniela Incoronato / MDR/Wiedemann & Berg

Berlin.  Es tut dem Zuschauer des „Tatort“ von Sonntagabend fast körperlich weh, den Schmerz der Eltern mit anzusehen: die Wut von Ricos Stiefvater, als er erfährt, dass sein Ziehsohn sexuell missbraucht wurde, bevor er sterben musste. Die Verzweiflung der Mutter, die sich nicht mehr regen kann, nur noch still jede neue Nachricht erträgt. Das Bedürfnis nach Gewissheit, das an dem Vater von Jakob auch Jahre nach dem Verschwinden seines Sohnes nagt. Das Verlangen der Mutter, endlich abschließen und zur Normalität zurückkehren zu können.

Vielleicht kann jemand, der es nicht selbst erlebt hat, kaum nachempfinden, wie sich Eltern fühlen, die auf der Suche sind nach einem vermissten Kind sind. Der „Tatort: Déjà-vu“ aus Dresden lässt den Zuschauer aber zumindest eine Ahnung davon bekommen, mit welcher Wucht Trauer und Verlust die Opfer treffen.

Auch in der Realität gibt es sie, die – teils nicht aufgeklärten – Fälle von vermissten Kindern. Ein paar Fakten:

• Welchen besonderen Stellenwert haben Vermisstenmeldungen Minderjähriger?

Wird in Deutschland eine erwachsene Person vermisst gemeldet, müssen bestimmte Bedingungen vorliegen, bevor die Polizei tätig wird. Denn Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten sind, haben das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu bestimmen. Nur wenn Gefahr für Leib und Leben besteht, gilt ein Erwachsener als vermisst und die Polizei leitet die Fahndung ein.

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Bei Kindern ist das anders. Wissen Eltern oder die Sorgeberechtigten nicht, wo sich das Kind aufhält, „wird vorsichtshalber von einer Gefahr für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Betroffenen ausgegangen“, heißt es auf der Internetseite des Bundeskriminalamts (BKA).

• Was passiert, wenn ein Kind in Deutschland als vermisst gemeldet wird?

Geht eine Vermisstenanzeige zu einem Kind bei der Polizei ein, werden unmittelbar – teilweise groß angelegte – Suchmaßnahmen eingeleitet, beschreibt das BKA auf seiner Homepage das Vorgehen.

Nachts oder bei schlecht zugänglichen Gebieten können auch Suchhunde, Hubschrauber mit Wärmebildkameras oder andere technische Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Grundsätzlich ist die örtliche Polizeidienststelle zuständig.

Gleichzeitig werden vermisste Kinder zur Fahndung ausgeschrieben. Das heißt, die Daten werden per Computer erfasst und in das sogenannte Informationssystem der Polizei (Inpol) eingepflegt. Alle deutschen Polizeidienststellen haben Zugriff aufs Inpol.

Durch die Eingabe ins Inpol landen die Daten der vermissten Person auch automatisch im Verzeichnis „Vermi/Utot“ (Vermisste/unbekannte Tote). Diese Datei enthält die Daten aller in Deutschland gemeldeten aktuellen Vermisstenfälle, unbekannten Leichen, nicht identifizierten hilflosen Personen sowie alle ausländische Fälle, die dem BKA gemeldet wurden. Auf diese Datei haben sowohl das BKA als auch alle 16 Landeskriminalämter (LKA) Zugriff.

• Wie viele Kinder werden in Deutschland vermisst?

Aktuell sind in Deutschland etwa 1900 Kinder als vermisst gemeldet, teilt das BKA auf Anfrage unserer Redaktion mit. Gezählt wurden dabei alle offenen Vermisstenfälle der Datei „Vermi/Utot“. Das früheste registrierte Vermisstendatum ist dabei der 3. März 1951.

In der Datenbank sei aber viel Bewegung: „Wir haben täglich bis zu 300 neue Einträge oder Löschungen. Dort sind auch Personen gespeichert, die schon zum Teil bis zu 30 Jahre vermisst werden, solange ihr Schicksal nicht geklärt werden kann“, heißt es in der Mitteilung weiter. Regelmäßig veröffentlicht das Bundeskriminalamt zudem auf seiner Internetseite genaue Zahlen zu vermissten Kindern in Deutschland.

Einen Teil der aktuellen Vermisstenfälle veröffentlicht das BKA auch auf seiner Homepage.

• Wie viele Vermisstenfälle bleiben ungeklärt?

Grundsätzlich liegt die Aufklärungsquote der Vermisstenfälle bei Kindern in Deutschland bei weit über 90 Prozent. So wurden etwa von den 8071 im Jahr 2016 vermisst gemeldeten Kindern bis zum 23. Mai 2017 7618 Fälle aufgeklärt. Das entspricht einer Quote von 94 Prozent. Für die im Jahresverlauf 2014 gemeldeten Fälle lag die Aufklärungsquote bis zum Stichtag sogar bei 98 Prozent: 7056 von 7191 Fällen wurden geklärt. Die Aufklärungsquoten bei den in den Jahren 2012 und 2013 als vermisst gemeldeten Kindern liegt bei mittlerweile nahezu 100 Prozent.

Eine BKA-Sprecherin erklärt auf Anfrage unserer Redaktion, dass die Hälfte aller Vermissten-Fahndungen – also sowohl nach Erwachsenen als auch Kindern – sich innerhalb der ersten Woche erledigten, 80 Prozent innerhalb des ersten Monats. „Nur drei Prozent der Personen werden länger als ein Jahr vermisst.“

• Was sind die häufigsten Gründe des Verschwindens?

Bei mehr als der Hälfte der aktuell noch offenen Vermisstenfälle von Kindern handle es sich laut BKA um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder Kinder, die ihren Sorgeberechtigten entzogen wurden.

Unbegleitete Flüchtlinge werden zum Beispiel von Behörden als vermisst gemeldet, wenn die Kinder versuchen, in andere europäische Länder weiterzureisen, um dort lebende Verwandte zu treffen und bei ihnen zu bleiben.

Der Grund für Kindesentziehung seien laut BKA meist Streitigkeiten der Eltern über das Sorgerecht. Die Polizei stuft Fälle von Kindesentziehung zunächst als Vermisstenfälle ein, solange eine Gefahr für die Kinder nicht ausgeschlossen werden kann. In der Regel, so heißt es auf der Internetseite des BKA weiter, bestehe aber keine Gefahr für die Kinder, weil sie sich meist in der Obhut eines Erwachsenen befänden, zu denen sie eine enge Bindung hätten.

Zudem beinhalte die Gesamtzahl der vermissten Kinder auch sogenannte Dauerausreißer, also Kinder, die wiederholt von ihren Eltern oder aus der Einrichtung, in der sie leben, weglaufen.

• Wo finden Eltern Hilfe?

Eltern, deren Kind verschwunden ist, sollten zunächst eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben. Weiterführende Informationen und Hilfe finden sie danach unter der europaweit einheitlichen Hotline 116 000. Sie ist durchgehend erreichbar und aus allen Netzen kostenfrei. Betrieben wird die Hotline in Deutschland von der Initiative Vermisste Kinder.

Die Initiative Vermisste Kinder wurde 1997 ins Leben gerufen. Auf der Internetseite der Organisation finden Eltern von vermissten Kindern Orientierungshilfe für das richtige Verhalten und Handeln im Vermisstenfall sowie Ansprechpartner. Auf einer Google-Karte verzeichnet die Organisation ungeklärte Vermisstenfälle aus Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Zudem hilft die Organisation Eltern auch mit ihrer Facebookseite „Deutschland findet euch“ aktiv bei der Suche nach vermissten Kindern. Regelmäßig veröffentlicht der Verein dort Vermisstenmeldungen, mit der Bitte, die Beiträge zu teilen. Auch Erfolgsmeldungen werden auf der Seite gepostet.

• Welche Vermisstenfälle sorgten in der Vergangenheit für Aufsehen?

Einer der bekanntesten Fälle um vermisste Kinder in Deutschland ist der Fall Peggy. Am 7. Mai 2001 verschwand die damals neunjährige Peggy Knobloch aus dem oberfränkischen Lichtenberg. Erst 15 Jahre später wurde ihre Leiche gefunden.

Der Fall sorgte vor allem für Aufsehen, weil ein geistig behinderter Mann kurz nach Peggys Verschwinden wegen eines Geständnisses, das er später zurückzog, als Mörder verurteilt, später aber wegen Ungereimtheiten und Widersprüchen freigesprochen wurde. Selbst Peggys leiblicher Vater und ihre Großeltern sowie Teile der Bewohner von Lichtenberg glaubten damals an seine Unschuld. Sie gründeten eine Bürgerinitiative, die dazu beitrug, dass das Verfahren wieder aufgenommen wurde.

Eine weitere Ermittlungspanne sorgte nach dem Fund der sterblichen Überreste von Peggy für Aufsehen: Die Ermittler fanden DNA-Spuren des NSU-Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt am Fundort des Skeletts. Später stellte sich heraus, dass die Spurensicherer selbst den Leichenfundort mit Böhnhardts DNA verunreinigt hatten.

Auch Fälle aus dem Ausland sorgten für viel Aufsehen, wie etwa der Fall der im Alter von zehn Jahren entführten Natascha Kampusch aus Österreich. Ihr gelang nach acht Jahren Gefangenschaft in einem Kellerverlies die Flucht von ihrem Entführer Wolfgang Priklopil.

Der Fall um das im Mai 2007 im Portugal-Urlaub verschwunden britische Mädchen Madeleine „Maddie“ McCann ist noch immer nicht geklärt. Maddie war fast vier Jahre alt, als sie verschwand. Sie wäre heute fast 15 Jahre alt. Immer wieder gibt es zwar neue Hinweise in dem Fall, ein Ermittlungserfolg blieb aber bislang aus. Auch der Verdacht, die Eltern selbst hätten Maddie getötet und wollten die Tat vertuschen, ist bislang nicht zweifelsfrei ausgeräumt.