ARD-Krimi

"Polizeiruf 110": Wie gefährlich sind Ultras wirklich?

Im Rostocker „Polizeiruf“ ermittelten die Kommissare unter Ultras. Doch war das alles realistisch? Das sagen Fan-Experten zur Szene.

Stefan Momke (Lasse Myhr) ist Mitglied der „red Rostocks“. Ihr Schlachtruf: „Einer für alle, alle für Rostock“.

Stefan Momke (Lasse Myhr) ist Mitglied der „red Rostocks“. Ihr Schlachtruf: „Einer für alle, alle für Rostock“.

Foto: Christine Schroeder / NDR

Berlin.  Testosteron, gewaltbereite Fußballfans, Männlichkeitsrituale: Der Rostocker "Polizeiruf: "Einer für alle, alle für Rostock" führte die Kommissare Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) in die Ultra-Szene.

Die war im ARD-Krimi geprägt von Gewaltexzessen, Dominanzverhalten und der Suche nach einem authentischen Lebensgefühl. Alkohol, Tattoos und Fangesänge gehörten ebenso dazu wie die Massenschlägerei in der sogenannten dritten Halbzeit.

Doch zeigte der "Polizeiruf" von Regisseur Matthias Tiefenbacher ein realistisches Bild der Ultra-Szene? Wie gewaltbereit sind deutsche Fußballfans? Zwei Fan-Experten geben Einblick in die Szene.

Was sind Ultras?

"Ultras sind die jüngste Ausdifferenzierung von Fankultur. Die Szene gibt es erst seit den 90er Jahren. Inzwischen sind Ultras aber das dominierende Fan-Modell und prägen maßgeblich das Erscheinungsbild von Fankurven", erklärt Politikwissenschaftler Jonas Gabler von der Kompetenzgruppe für Fankulturen.

In Deutschland seien die Ultras sehr gut organisiert. "Sie bringen sich mit großem Engagement in den Verein ein und stehen für die kritische Begleitung des Fußballs und seiner fortschreitenden Kommerzialisierung", so Gabler. Die Mitglieder seien im Schnitt 18 bis 25 Jahre alt.

Sie schließen sich der Ultra-Szene aus unterschiedlichen Gründen an, wie Volker Goll von der Koordinationsstelle Fanprojekte sagt: "Es geht ihnen ums Singen und Fahnenschwenken im Stadion. Das ist ein Gemeinschaftsgefühl und für viele eine sehr zentrale wie regelmäßige Freizeitbeschäftigung. Die Anziehungskraft der Gruppe ist für viele genauso wichtig wie der Fußball."

Was ist der Unterschied zu Hooligans?

"Im Vergleich zu den Hooligans sind Ultras sehr stark Support-orientiert, sie wollen ihre Mannschaft unterstützen. Die Ultras legen daher viel Wert auf ihre Choreografien im Stadion, sie haben einen Vorsänger, der die Stimmung anheizt. Ultras setzen auf ihre Stahlkraft und wollen ihre Fanszene prägen", erzählt Politikwissenschaftler Gabler.

Im Gegensatz dazu sind Hooligans eher cliquenartig in kleineren Gruppen organisiert. "Unter den Hooligans spielt Gewalt eine große Rolle. Man kann nicht dabei sein, ohne sich an den Schlägereien zu beteiligen", so Gabler.

Wie gefährlich sind Ultras?

Wie auch im aktuellen "Polizeiruf" zu sehen war, spielt Gewalt auch unter den Ultras immer mehr eine Rolle. Die Grenzen zwischen Hooligans und Ultras verschwimmen. So gibt es Gabler zufolge auch Ultras, die sich "zu vereinbarten Drittortauseinandersetzungen, wie die Polizei es nennt", treffen. "Generell gilt bei diesen Auseinandersetzungen – für Hooligans und Ultras gleichermaßen – dass es nicht darum geht, den Gegner zu vernichten. Es ist mehr eine rituelle Auseinandersetzung. Es geht um Demütigung des Gegners und nicht um die bleibende Schädigung", meint Gabler.

Volker Goll versucht zu erklären, wie Konflikte entstehen können. "Viele Ultras wollen im Stadion ihre Choreografien machen und hängen auch an der Pyrotechnik, die aber verboten ist. Die Unmengen an Auflagen zermürben Ultras. Auch dadurch entstehen Konflikte."

Die Polizei habe sich zu einem unhinterfragten Feindbild entwickelt, so Goll. "Ultras haben ein festgefertigtes Polizeibild. Beide Seiten differenzieren zu wenig."

War der "Polizeiruf" aus Rostock glaubhaft?

Politikwissenschaftler Jonas Gabler meint: Ja. Es passe, dass der Rostocker "Polizeiruf" das Thema gewählt habe und nicht etwa der "Tatort" aus Saarbrücken. So standen die Rostocker Ultras schon vor fünf bis zehn Jahren für eine Szene, die den radikalen Weg gewählt hat.

"Die Ultras hatten sich die Szene in Polen als Vorbild genommen, wo nicht zwischen Hooligans und Ultras unterschieden wird. Rostock galt daher schon früher als problematisch – insofern hätte man kaum passendere Standorte für dieses Thema wählen können", so Gabler.

Volker Goll, der genauso wie Jonas Gabler den ARD-Krimi vor der Ausstrahlung nicht gesehen hat, sieht das kritischer. Er ist skeptisch, ob die Ultras im "Polizeiruf" nicht überzeichnet dargestellt wurden. "Danach wird es bestimmt wieder viele Debatten über die Ultra-Szene geben", ist sich Goll sicher.

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