TV-Kritik

Erster Science-Fiction-„Tatort“ – ARD wagt Krimiexperiment

Krimi aus der Zukunft: Der Stuttgarter „Tatort: HAL“ spielt auf Stanley Kubricks Kultfilm „Odyssee“ an – und behandelt große Fragen.

Foto: SWR

Stuttgart.  Die Welt ist aus den Fugen geraten. Davon erzählt im Grunde jeder „Tatort“, ob er sich im familiären Mikrokosmos bewegt oder eine dringende politische Agenda vor sich herträgt.

Die neue Episode aus Stuttgart mit dem Duo Lannert und Bootz, inszeniert von Krimi-Routinier Niki Stein, erzählt eine Geschichte aus naher Zukunft, in der die Computer das Kommando über das menschliche Handeln übernehmen.

Subtrahiert man von Steins Sonntagskrimi die Pflichtszenen mit dem Grummel-Pathologen und der jeden Durchsuchungsbefehl brüsk abschmetternden Staatsanwältin, bleibt das Gerüst eines Science-Fiction-Thrillers mit düsteren Vorzeichen. Ein öffentlich-rechtlicher Cyber-Film.

Wortspiel für Kubrick-Fans

Das macht schon der Titel deutlich. Das Wortspiel „HAL“ spielt für den Handlungsverlauf keine Rolle, aber mag Zuschauer erfreuen, denen Stanley Kubricks Mensch-gegen-Maschine-Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ vertraut ist. Bei Kubrick wendet sich der Raumschiffcomputer gegen die Besatzungsmitglieder und beginnt, diese zu töten. Sein Name: HAL.

In Stuttgart fährt man das Ganze ein paar Nummern kleiner. Die Schauspielschülerin Elena Stemmle wird ermordet aufgefunden, wenig später taucht im Netz ein Video auf, dass ihren mutmaßlichen Tod zeigt.

Futuristischer Albtraum der Arbeitswelt

Die junge Frau hatte Nebenjobs beim Online-Escortservice und einer Softwarefirma, die auf den Abgleich biometrischer Daten spezialisiert ist. So triefend unseriös beide Agenturkonzepte klingen, so rasch stehen auch die Hauptverdächtigen im Fall Elena Stemmle fest.

In der Firma geht es nur um intelligente Software, manipulierte Werte und lebensechte Computeranimationen. Kurz: um den ganzen virtuellen Wahnsinn, der längst keine ferne Utopie mehr ist. Die Konferenzräume wie leergefegt, die Bürogänge in bläuliches Licht getaucht. Ein futuristischer Albtraum der Arbeitswelt.

Film macht Kontrollverlust spürbar

So komplex die eigentliche Geschichte dieses „Tatorts“, so simpel die Figurenzeichnung der Episodenrollen – Autor und Regisseur Stein vermag es dennoch, den Zuschauer in einen kriminalistischen Taumel zu versetzen, ein Gefühl des Kontrollverlustes zu entwerfen.

Wer die großen Gegenwartsfragen verhandelt sehen will, wird hier fündig: Wie viel Realitätssinn verträgt der technische Fortschritt? Wie viel virtuelle Parallelwelt hält unsere Existenz aus, bevor sie zerbricht?

Fazit: „HAL“ ist etwas zu theoretisch und philosophisch geraten. Aber das gleichen die zupackenden Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) wieder aus.

Sonntag (28. August), ARD, 20.15 Uhr