Berliner Spaziergang

Maria Ehrich: Eine Kindheit zwischen Schule und Filmset

Im ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" verkörpert die Schauspielerin die brave Helga. Wir trafen sie im Rudolph-Wilde-Park in Schöneberg.

Maria Ehrich, Schauspielerin in Schöneberg

Maria Ehrich, Schauspielerin in Schöneberg

Foto: Reto Klar

Es sind einige Minuten nach der verabredeten Zeit. Ich denke schon in Richtung Frauen und Unpünktlichkeit. Ein paar Meter weiter auf der Carl-Zuckmayer-Brücke steht allerdings eine Frau, die auch wartet. Könnte sie Maria Ehrich sein? Sie guckt auf ihr Handy. Ich laufe langsam vorbei. In den beiden Filmen, die ich gesehen hatte, wirkte sie größer, hatte die Haare anders. Die Frau dort erscheint mir jünger, eine, die gerade ihr Abitur macht.

Aber vielleicht irre ich mich. Soll ich sie ansprechen? Kann peinlich werden: Älterer Mann fragt junge Frau, ob sie Maria Ehrich sei. Wenn es schiefgeht, klingt es wie eine sehr verquere Anmache. Da eilt sie aber auch schon die Treppe in den Park hinunter. Sie hat anscheinend ihre Verabredung gefunden. Ich stehe weiter rum und versuche, in allen Himmelsrichtungen die Schauspielerin auszumachen, die ich hier erwarte.

Nach einer Minute taucht die Abiturientin wieder auf – mit unserem Fotografen, der unterhalb der Brücke sein Equipment aufgebaut hatte, im Schlepptau. Puh, es ist doch Maria Ehrich.

Da habe ich mich total in Alter und Aussehen getäuscht. Maria Ehrich quittiert es mit einem amüsierten Lächeln. Sie erzählt, dass sie öfter für Rollen geholt wurde, in denen sie ein paar Jahre jünger war. Als 14-Jährige spielte sie eine Elfjährige, als 20-Jährige eine 16-Jährige. Und jetzt das umgekehrte Bild: Der Journalist denkt, der Teenager auf der Brücke kann doch nicht die Frau sein, die er in „Dämmerung über Burma“ als toughe Streiterin an der Seite eines Prinzen gesehen hat (der allerdings erst am 26. März in der ARD zu sehen ist, ich durfte ihn nur vorab gucken). Das spricht für ihre Verwandlungskunst.

Maria Ehrich also, 23 Jahre alt und schon 13 Jahre Berufserfahrung. Ein Phänomen. Aber davon später mehr. Nach den Fotoaufnahmen beginnen wir unseren Spaziergang am Rudolph-Wilde-Park, den sie sich als Treffpunkt ausgesucht hat. Warum eigentlich? „Ich wurde in einem Dörfchen in der Nähe von Erfurt geboren. Da gab es eine Menge Natur, und das vermisst man ab und zu. Irgendwie hat es für ein Landmädel wie mich was Beruhigendes, ein paar Bäume sehen zu können.“ Sie hat eine warme, offene Art, wenn sie erzählt. Eine charmante Begleiterin an diesem sonnigen Tag durch das Berliner Grün.

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Seit zwei Jahren wohnt sie jetzt hier, in der Nähe, am Viktoria-Luise-Platz. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so schnell heimisch fühle. Aber das ging zackzack. Ich brauche sowieso nicht lange, um mich in einer neuen Situation zurechtzufinden.“ Und trotzdem gefällt ihr der Frühling hier am besten. Im Winter erscheinen ihr die Menschen alle ein bisschen grimmig. „Aber jetzt kommen alle aus ihren Löchern, dieses zurückkehrende Leben finde ich toll.“

Dieser Frühling beginnt auch mit einer neuen Etappe in ihrem Berufsleben. In gleich zwei großen Spielfilmen wird sie in den kommenden Wochen zu sehen sein.

Aufstand gegen den Ehemuff in den 50er-Jahren

Der Dreiteiler „Ku’damm 56“ (20., 21. und 23. März) erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Töchter im Berlin der 50er-Jahre. Maria Ehrich verkörpert Helga, die älteste der drei Schwestern. Sie gilt als brav-ste, wohlerzogenste und sie hat auch schon einen Ehemann gefunden. Doch die Heirat entwickelt sich zum Fiasko. Der Mann gibt zu Hause den Macho. Er will abends sein Essen pünktlich auf dem Tisch haben. Auch der Sex verläuft einseitig. Immer mehr wird bei ihr aus Liebe Widerwillen, es riecht nach Rebellion.

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Zur Vorbereitung lieh sich Maria Ehrich einige Bücher in der Bibliothek aus, eines trug den Titel „Wir Frauen in den 50ern“. Verband sie früher diesen Zeitabschnitt mit Rock ’n’ Roll und Party, war sie nun überrascht über den damaligen Umgang zwischen den Geschlechtern: „Wie sehr eine Frau von einem Mann abhängig war. Meine Oma und mein Opa sind mir immer gleichauf vorgekommen, aber das war früher dann wahrscheinlich doch nicht so.“ Die Großmutter war schon emanzipierter, glaubt sie. Sie hat auch gearbeitet. „Aber insgesamt war sie eben alles: Hausfrau, Mutter und arbeitende Frau.“

Viel weiter weg führte sie der zweite Film. Auch er schildert eine Geschichte aus den 50er-Jahren, allerdings eine wahre. Die österreichische Förstertochter Inge Eberhard kann dank eines Stipendiums mit 19 in den USA studieren. Dort verliebt sie sich in einen jungen Mann aus Burma. Sie heiraten in Denver. Als sie in seine Heimat kommen, erfährt sie, dass der schüchterne Bergbaustudent in Wirklichkeit ein Prinz ist.

Doch was sich so märchenhaft anhört, wird zum Überlebenskampf. Ihr Mann Sao Kya Seng ist mit demokratischen Ideen aus Amerika zurückgekehrt, will die Korruption beseitigen und den einfachen Bauern mehr Rechte einräumen. Was den Militärs allerdings nicht passt.

Filme drehen im Alter von 14 Jahren

Bereits 14 Jahre lang wurde versucht, den Film zu drehen. „Stellen Sie sich mal vor“, sagt Maria Ehrich, während wir durch die Parklandschaft laufen, „14 Jahre lang! Was für ein Glück für mich, denn da wäre ich noch nicht alt genug gewesen, diese Rolle zu spielen.“ Die Finanzierung war lange schwierig, aber das Haupthindernis war Burma selbst. Bis 2012 hatte die Militärdiktatur das Land weitgehend von der Außenwelt abgeschirmt. Erst heute, vor allem auch durch das Wirken der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, hat sich der asiatische Staat geöffnet.

Die Dreharbeiten fanden zum großen Teil in Thailand statt, nur eine Woche lang wurden weitgehend harmlose Aufnahmen in Burma selbst gemacht. Das Team wurde mit einer 14 Jahre alten Einladung in das Land mehr oder weniger reingeschleust, erzählt Maria Ehrich. „Das war für alle ein bisschen aufregend. Auf der Disposition standen dann auch nicht die Namen der Rollen Inge und Sao wie sonst üblich, sondern immer nur ,He‘ und ,She‘. Damit es kein Risiko gibt, dass die Geschichte auffliegt.“ Bis vor ein paar Jahren drohte demjenigen noch Haft, der Inge Eberhards Biografie besaß – und so ganz trauten die Filmleute dem Frieden dann doch nicht.

Es ist ihr absoluter Herzensfilm, sagt Maria Ehrich. Die „wahre“ Inge Eberhard ist mittlerweile 84 und lebt in Denver. Beide standen in E-Mail-Kontakt, und am Anfang hatte Maria Ehrich Angst, „dass ich es in den Sand setze – in so einer wichtigen Geschichte jemanden zu spielen, der wirklich gelebt hat“. Heute sagt sie, es sei der Film, der ihr am meisten zurückgegeben hat.

Sie stand ja schon bereits im Alter von zehn Jahren in der Filmkomödie „Mein Bruder ist ein Hund“ vor der Kamera. Vier Jahre später spielte sie an der Seite von Veronica Ferres in dem Melodram „Die Frau vom Checkpoint Charlie“. Dann gibt es noch die unter Jugendlichen beliebte Fantasyreihe „Rubinrot“, „Saphirblau“ und den jetzt im Sommer als letzten Teil rauskommenden „Smaragdgrün“.

Bis wann geht’s? Wann hört’s auf?

Sie spielte Kinder und Teenager vor der Kamera. Dass der Altersunterschied zwischen Rolle und wirklichem Leben auseinanderklaffte, störte sie manchmal schon („Zum Beispiel als ich mit 15 eine Elfjährige spielen sollte.“). Aber sie verstehe auch die Produzenten und Regisseure, die „lieber ein Kind nehmen, das ein bisschen älter ist und wo man vielleicht nicht mehr so viel erklären muss“.

Und trotzdem rumorten in ihr immer Fragen wie: Bis wann geht’s? Wann hört’s auf? Vielleicht ist irgendwann der Niedlichkeitsfaktor weg, dachte sie. Und dann kann sie den Teenager nicht mehr spielen, weil ihr die Zickigkeit keiner mehr abkaufen würde. Auch die Eltern mahnten: „Du, Maria, es kann sein, dass es irgendwann vorbei ist.“ Aber sie hatte Glück, „irgendwie“, sie bekam immer weiter Rollen. Im vergangenen Jahr wurde sie mit der Lilli-Palmer-&-Curd-Jürgens-Gedächtniskamera ausgezeichnet, ein begehrter Preis unter jungen Schauspieltalenten. Und nun hat sie nach Kinder- und Teenagerrollen mit „Dämmerung über Burma“ auch das erwachsene Fach erobert. Ein Sprung, den nicht viele schaffen.

Wir lassen jetzt den Park hinter uns und überqueren die Bundesallee. Wir wollen einen Kaffee trinken, entscheiden uns für eine Konditorei in der Hildegardstraße. Jeder bestellt einen Cappuccino. Wir kommen ins Gespräch über ihr Elternhaus. In dem kleinen Ort Gebesee, aus dem Maria Ehrich stammt, hat der Vater eine Diskothek. Das klingt jetzt weniger nach dörflicher Idylle, zumal die Familie bis zu ihrem zwölften Lebensjahr direkt obendrüber wohnte. „Ich bin mit schallenden Klängen groß geworden. Gerade am Wochenende war es immer laut, aber daran gewöhnt man sich. Manchmal habe ich das Fenster neben meinem Hochbett angekippt und dann den Betrunkenen gelauscht.“

Im Winnie-Puuh-Schlafanzug marschierte sie in die Diskothek

Die Familie, Maria, die beiden jüngeren Geschwister und die Eltern, lebten in einer winzigen Wohnung, in der es nicht mal ein Wohnzimmer gab. Die Eltern sparten gerade für ein Haus. Einmal, erzählt sie, als ihre Geschwister noch nicht auf der Welt waren, sei sie nachts wach geworden. Die Eltern, die unten arbeiteten, hörten sie trotz Babyfon nicht. Da marschierte sie in ihrem Winnie-Puuh-Schlafanzug einfach nach unten und stand irgendwann mitten auf der Tanzfläche der Diskothek. Ein Bild, das sie bis heute nicht vergessen hat.

Trotz des Lärms sei sie ein sehr leises Kind gewesen. Auch ein bisschen verträumt. Sie liebte es, durch den Wald zu gehen, sich ans Ufer der durch den Ort fließenden Gera zu setzen, dem Plätschern des Flusses zu lauschen, nachzudenken, zu schreiben oder zu malen. Ich frage sie, was ihr ihre Eltern fürs Leben mitgegeben haben. „Meine Mutter den Größenwahn und mein Vater die Zurückhaltung. Beide sind total unterschiedlich. Ich überlege mir manchmal etwas und denke, das könnte auf jeden Fall klappen. Zum Beispiel, ein Buch zu schreiben. Dann denke ich aber wieder: Maria, mach mal halblang, das musst du alles noch ein bisschen ausloten.“

Dabei ging sie in ihrer Kindheit und Jugend schon vieles sehr konsequent an. Oft filmte sie von Montag bis Freitag, lernte am Sonnabend für die Schule und schrieb am Sonntag ihre Prüfungen. „Das war hart, aber auch eine ziemlich coole Zeit. Weil ich gemerkt habe, dass ich alles gleichzeitig hinbekommen kann.“ Das Abitur schaffte sie mit einem Schnitt von 2,2. Mit ihren Freunden auf dem Schulhof konnte sie auch albern sein, aber gleichzeitig prägte sie natürlich ihre Arbeit beim Film: „Ich hatte dort immer mit Erwachsenen zu tun. Mit Leuten, die das sehr ernst nahmen, was sie machten. Dadurch wurde mir Disziplin beigebracht.“

Schauspielerei als Ausgleich zur Schule

Und jetzt? Gibt es in ihrem noch jungen Leben etwa auch Pläne ohne den Film? Sie sei ein Mensch, dem, wenn er sich nur auf eine Sache konzentriere, langweilig werde. Schauspielerei sei immer ein guter Ausgleich zur Schule gewesen. Da habe beides gut funktioniert, weil sich das immer die Waage gehalten habe. „Aber ich brauche noch etwas anderes. Und deswegen denke ich oft: Okay, ich mache das jetzt erst mal, verdiene ein bisschen Geld. Ich möchte nicht sagen, dass ich nicht mehr spielen will. Aber ich werde auf jeden Fall noch studieren oder irgendetwas machen, was mir auch guttut und Spaß macht.“

Wir laufen jetzt langsam durch den Park zurück. In einigen Wochen wird ein neuer Abschnitt in Maria Ehrichs Leben beginnen. Sie wird aus der Wohngemeinschaft, in der sie mit ihrer Schauspielerkollegin Emilia Schüle zwei Jahre lang zusammenlebte, ausziehen und nun mit ihrem Freund zusammenziehen.

Das Bemerkenswerte an ihr ist, dass man denken könnte, sie habe schon ein ganzes Leben gelebt und nun noch Platz für ein zweites, neues. Wir verabschieden uns am U-Bahnhof Rathaus Schöneberg. Sie nimmt die Bahn, ich schaue ihr nach. Der Frau, die ich beinahe verpasst hätte.

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