ARD-Krimi

„Totenstille“: Dieser Tatort gebärdet sich ungewöhnlich

Im Tatort am Sonntag wird viel mit den Händen gesprochen: Einige der Hauptfiguren sind gehörlos – und das nicht nur in ihren Rollen.

Der gehörlose Schreiner Ben (Benjamin Piwko) bei der Vernehmung mit Gebärdensprachdolmetscherin (Mira-Esther Weischet).

Der gehörlose Schreiner Ben (Benjamin Piwko) bei der Vernehmung mit Gebärdensprachdolmetscherin (Mira-Esther Weischet).

Foto: SR/Manuela Meyer

Saarbrücken.  Der Tatort „Totenstille“ am Sonntag hält einige Lektionen bereit: So kann man lernen, wie man einen Polizisten vermutlich ohne Folgen als “Bullenschwein” beschimpfen kann – in Gebärdensprache nämlich. Und man wird erinnert, dass man auch mit den Augen belauscht werden kann. Während ein Mann im Auto aufgeregt über die gerade zu Tode gekommene Frau ins Handy spricht, liest der gehörlose Schreiner Ben mit, was die Lippen sagen und der Fernsehzuschauer nicht versteht. Ben ist eine der Hauptfiguren, er legt in einer Blitzaktion den Hauptkommissar aufs Kreuz, und er ist in seinem wirklichen Leben als Hamburger Kampfsportlehrer Benjamin Piwko ebenso gehörlos.

„Ich sehe was, was du nicht hörst“ – diese Erfahrung wird der Zuschauer in dem ungewöhnlichen Tatort häufiger machen. Er bekommt eine Ahnung davon, wie es ist, Worte nicht zu begreifen, weil die Sinne sie nicht verarbeiten können: Menschen sprechen, und der Zuschauer kommt sich ausgeschlossen vor, weil sie es mit den Händen tun. Dem Krimi-Fan und dem Saarkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) steht zum Glück Gebärdensprachdolmetscherin Kaiser zur Seite, gespielt von Mira-Esther Weischet, im richtigen Leben Gebärdensprachdolmetscherin aus Berlin.

Lippenleserin beriet Drehbuchautor

Die Handlung wirkt manchmal sehr konstruiert und wenig fesselnd, die Darsteller sind dafür authentisch und spannend. Das liegt auch an der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte dieses „Tatorts“. Drehbuchautor Peter Probst hatte sich über eine Facebookanfrage die als Lippenleserin @EinAugenschmaus im Netz bekannte und mit ihm nicht verwandte Julia Probst ins Boot geholt. Sie schimpft oft öffentlich über das Fernsehen und wie es mit Gehörlosen umgeht und sie darstellt. Nun feilte die gehörlose Frau aus Mittelschwaben mit dem Autor an den Szenen im Krimi mit gehörlosem Opfer, gehörlosen Verdächtigen und gehörlosem Flirt des Kommissars, der in der Folge am Computer Gebärdensprache lernt. Auch das geht wirklich, hier etwa findet sich im Video “Polizei” übersetzt.

Ihre erste Forderung: Hörende sollten keinesfalls die Gehörlosen spielen, „die können es einfach nicht“. Kurz nach dem ersten Kontakt ging sie mit ihm zu einem Gebärdensprach-Theaterfestival, dann noch zum Theaterstück „Die taube Zeitmaschine“. „Danach war allen klar, dass die Rollen auch inklusiv besetzt werden“, also mit selbst Betroffenen.

Auf dem Festival lernte der Drehbuchautor auch ihre Freundin Kassandra Wedel kennen, die im Tatort Kassandra, die Ex von Ben, spielt und Hauptkommissar Stellbrink sehr nahe kommt. Eine Szene, die Julia Probst wichtig war: „Menschen mit Behinderung werden im Film in sexueller Hinsicht oft völlig verzerrt und einseitig dargestellt.“ Der Saar-Tatort könnte Kassandra in einer Nebenrolle auch weiterhin vertragen.

Film zeigt Gehörlose im Zwiespalt

Auch Bens Freundin im Film ist im richtigen Leben gehörlos: Jessika Jaska besucht in Essen die einzige Schule in Deutschland, die in Gebärdensprache auf das Abitur vorbereitet. Im Tatort besticht sie mit ihrer klaren Sprache. Die Begründung im Film, sie sei erst als Kind ertaubt, stimmt aber nicht. Die 19-Jährige trägt ein Cochlear-Implantat, und das hilft ihr auch bei der Aussprache, weil sie sich selber hören kann.

Der Film spiegelt auch das schwierige Verhältnis vieler Gehörloser zu dieser Technik wider, die auch Julia Probst kritisch sieht. Ein trotziger Ben erklärt: „Die ganze Technik ist doch nur dazu da, die Gehörlosen den Hörenden anzupassen.“ Ein Satz, der ähnlich auch von Julia Probst sein könnte. Sie sagt: „Allzu oft wird es als Wunderheilmittel beworben, was es aber nicht ist. Nicht der Gehörlose ist das Problem, sondern die fehlende Barrierefreiheit.“

Der Tatort zeigt die Welt der Gehörlosen zwischen Selbstbewusstsein, Selbstverständlichkeit und Verzweiflung: Bens Hände sagen an anderer Stelle: „Wir sind eh immer die Verarschten. Wenn wir uns nicht wehren, dann können wir uns gleich erschießen.“ Der echte Ben lernte bereits als Kind Judo.

Das Zitat des Films liefert die Gebärden-Dolmetscherin. Sie sieht den Blick des Kommissars auf ihren Babybauch, als sie erzählt hat, dass ihr Mann gehörlos ist. „Sie fragen sich jetzt, ob ich Angst haben könnte, dass mein Baby auch taub sein könnte? Hauptsache, es ist gesund!“

• Sonntag, 24. Januar, ARD 20.15 Uhr