Wer dachte, Stefan Raab kann nicht mehr überraschen, wurde in der Nacht zu Donnerstag eines besseren belehrt: Der Entertainer, der sonst so gerne Witze auf ander’ Leuts Kosten macht, bei seinen Shows wenig Mitleid mit seinen Gegnern hat und nur selten Schwäche zeigt, ließ hemmungslos laufen. Am Ende der allerletzten Folge seiner Sendung „TV Total“ bekam der Moderator feuchte Augen. Das Kinn zitterte, die Stimme brach, Tränen liefen ihm übers Gesicht.
Dabei muss er doch gar nicht traurig sein. Denn für sein TV-Rentner-Dasein hat Raab doch schon Pläne: „Den Hodensack in kaltes Wasser hängen.“ Mit Einspielern wie diesen, urkomischen Auszügen aus deutschen Fernsehsendungen, wurde Raab einst berühmt. Zu Beginn seiner „TV-Total“-Karriere 1999 schien er Detektoren zu haben, missglückte und unfreiwillig komische Szenen in fremden Sendungen aufzuspüren. Das war lustig. Das war gut.
„Wat? Wer bis’ Du denn?“
Das ist vor allem aber auch: lange her. Die Sendung hat in den vergangenen Jahren an Fahrt verloren. Zuschauer blieben weg. Und mit ihnen verschwand auch der Witz von einst. Da wundert es nicht, dass Raab in seiner letzten Sendung „TV Total“ hauptsächlich die alten Zeiten noch einmal hochleben ließ. Einst legendäre, mittlerweile fast vergessene Einspieler wärmte der Entertainer noch einmal auf: diesen Typen aus einer Talkshow, der „Wat? Wer bis’ Du denn?“ fragt. Oder der junge Mann auf der Straße: „Mach isch Foto, tu’ isch Facebook.“ Oder der oben genannte Moderator mit dem aus dem Zusammenhang gerissenen vermutlich gut gemeinten Rat der Testikel-Kühlung.
Mit rotem Rentier-Pulli auf der Couch
Weil viele seiner besten und lustigsten TV-Momente nicht alleine auf Raabs Mist gewachsen sind, durfte einer bei der letzten Sendung nicht fehlen: Elton, der 2001 als Stefans Show-Praktikant in die Sendung eingestiegen war.
Stefan Raab geht – das bleibt in Erinnerung
Doch auch hier wurde leider deutlich: Die Studio-Show von Stefan und Elton, der im roten Rentier-Pulli auf der „TV Total“-Couch saß, war nicht annähernd so lustig wie es die Rückblicke auf einstige Highlights der Sendung waren. Wie „Elton redet Bauch“ zum Beispiel: Elton sitzt mit einer Bauchredner-Puppe an einer Bushaltestelle und quatscht fremde Leute an. Nur dass er nicht selbst spricht, sondern diesen Part Stefan Raab überlässt, der aus sicherer Entfernung die Puppe nach seiner Nase tanzen lässt. Zum Schießen.
Plüsch-Adiletten und String-Tanga
Unvergessen auch der Auftritt von Stefan und Elton im Wellness-Salon. Da musste Elton in seinen rosa Plüsch-Adiletten und dem String-Tanga ganz schön leiden: Die Haarentfernung am Hintern dürfte ziemlich gezwirbelt haben. Über einen solchen Humor lässt sich wahrlich streiten. Doch klar ist auch: Für solche Auftritte liebte das Publikum Quatschmacher Raab.
Umso deutlicher wurde bei der Final-Show: Der TV-Abschied des gelernten Metzgers ist die richtige Entscheidung. Seine (Fernseh-)Geschichte scheint schlicht zu Ende erzählt zu sein. Oder was soll noch kommen? Den Eurovision Song Contest hat er gewonnen. Sein Konzept der Sendung „Schlag den Raab“ (die letzte Ausgabe läuft am kommenden Samstag, 19. Dezember) wurde zum Export-Schlager. Mit Formaten wie die Wok-WM, das Turmspringen oder die Stock Car Crash Challenge hat er Sendungen geschaffen, die es in dieser Form bis dato nicht gegeben hat. Das Publikum dankte mit (anfangs) guten Quoten.
Eine Sendung für das Ego
Die Abschieds-Sendung schien dagegen nicht fürs Publikum gemacht worden zu sein, sondern vor allem für Stefan Raab selbst. Er durfte sich noch einmal austoben und all das tun, was ihm Spaß macht: sich ans Schlagzeug zu setzen, zu singen, Elton den Studioboden putzen zu lassen oder dem einstigen Show-Praktikanten noch einmal dessen Plumpsack-Einlagen beim „TV Total“-Turmspringen in Erinnerung zu rufen. Der bedankte sich bei seinem Chef übrigens mit einem innigen Kuss.
Und wie würde sich Stefan Raab am liebsten verabschieden? Vielleicht mit einem weiteren seiner berühmten Einspieler. Dem von Unternehmer Mario Ohoven, den ein brüsker Interview-Abbruch einst berühmt gemacht hat: „Ich muss weg!“




























