Man fühlt sich sehr klein an diesem Ort. Draußen donnern gigantische Flugzeuge bei der Landung auf die Fahrbahnen. Innen hallen die Stimmen in den leeren Hangars nach. Das Publikum ist Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) schon an die entlegensten Orte gefolgt, in Schrebergärten, Bergwerke und die Umkleidekabinen eines Fußballstadion.

Noch nie ging die Reise in eine so fremde Welt. Die junge Ehefrau eines Piloten der Luftwaffe ist ermordet worden. Lindholm bewegt sich bei ihren Ermittlungen am Luftwaffenstützpunkt durch eine Art Geisterwelt, in der Menschen wie Maschinen funktionieren. Oder eben versagen.

Ein Film über Kontrolle und Kontrollverlust

„Spielverderber“ (Regie: Hartmut Schoen) ist ein „Tatort“ über Menschen, die die Balance verlieren. Die nicht mehr wissen, wie sie nach einem Einsatz in die Familie zurückfinden. Es ist ein Film über Kontrolle und Kontrollverlust, der so gut ist, weil er die immanenten Widersprüchlichkeiten des Militärsystems nicht auflöst, sondern als schwer zu durchschauende Grauzone zeigt.

Maria Furtwänglers Charlotte Lindholm purzelt in eine geschlossene Männerwelt, in der sie nur selten den richtigen Ton trifft. Hier werden wenig Worte gemacht – und wenn, dann sind es Sätze von dröhnender Gesetzeswucht („Einen Marschbefehl kann man nicht aufhalten!“). Sie will Verhöre führen, Dienstpläne einsehen – und muss erkennen, dass die Uhren in der Pilotenwelt ganz anders ticken.

Der „Bild“-Chef in der Pathologie

Es sind auch die kleinen Momente, die diesen „Tatort“ immer wieder besonders machen. Die Bundeswehrsoldatin (Jasmin Gerat), die einen Einsatz nach dem nächsten fliegt, um das Fremdgehen ihres Mannes zu verdrängen. Der Ex-Mann (Gerdy Zint) der Toten, der vor Verzweiflung und roher Vitalität brodelt und dann doch vor den Augen der Kommissarin in Tränen ausbricht. Dazu kommen mächtige Landschaftspanoramen, die eher an Westernschauplätze erinnern als an die niedersächsische Provinz.

Ein Augenzwinkern haben sich die Filmemacher nicht verkneifen können: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann spielt eine in der Pathologie aufgebahrte Leiche mit klaffender Bauchwunde, die als Anschauungsmaterial für den medizinischen Nachwuchs dient. Lindholm dreht sich leicht angewidert zur Seite.

Der Militräkosmos als Kulisse für eine Liebesgeschichte

In vielen „Tatorten“ – die Klamaukeinlagen aus Münster und Saarbrücken ausgenommen – rückte zuletzt die gesellschaftspolitische Gegenwart verstärkt in den Vordergrund. Flüchtlingskrise, Drogenproblematik, Bauskandale.

„Spielverderber“ nutzt den Militärkosmos lediglich als Kulisse, um vor diesem Hintergrund eine im Grunde alltägliche Geschichte um Liebe und Eifersucht zu erzählen. Das wirkt sich auch auf den Tonfall des Films aus.

So lief der Tatort-Dreh mit Kai Diekmann

Bevor sich Kai Diekmann auf den Seziertisch legte, bekam er von der Maskenbildnerin eine tiefe Schnittwunde geschminkt.
Bevor sich Kai Diekmann auf den Seziertisch legte, bekam er von der Maskenbildnerin eine tiefe Schnittwunde geschminkt. © Christian Langbehn | Christian Langbehn
Die Brille musste der scheidende „Bild“-Chefredakteur ablegen. Sein Auftritt dauert laut Sender nur wenige Sekunden.
Die Brille musste der scheidende „Bild“-Chefredakteur ablegen. Sein Auftritt dauert laut Sender nur wenige Sekunden. © Christian Langbehn | Christian Langbehn
In der kurzen Zeit wird er von Kommissarin Charlotte  Lindholm in Augenschein genommen. Die wird gespielt von...
In der kurzen Zeit wird er von Kommissarin Charlotte Lindholm in Augenschein genommen. Die wird gespielt von...© Christian Langbehn | Christian Langbehn
...Schauspielerin Maria Furtwängler. Sie ermittelt nach dem Tod der Ex-Frau eines Bundeswehrsoldaten.
...Schauspielerin Maria Furtwängler. Sie ermittelt nach dem Tod der Ex-Frau eines Bundeswehrsoldaten. © Christian Langbehn | Christian Langbehn
Eine Leiche im Hintergrund spielt Kai Diekmann. Keine tragende Rolle zwar...
Eine Leiche im Hintergrund spielt Kai Diekmann. Keine tragende Rolle zwar...© Christian Langbehn | Christian Langbehn
...doch liefert der aufgestemmte Brustkorb spektakuläre Bilder. Die Diekmann auch prompt als „exklusiv“ über Twitter verbreitete.
...doch liefert der aufgestemmte Brustkorb spektakuläre Bilder. Die Diekmann auch prompt als „exklusiv“ über Twitter verbreitete. © Christian Langbehn | Christian Langbehn

Ein leiser Film trotz Fluglärm

Die Parolen und das Strammstehen, die zackigen Befehle und der gebrüllte Dienstgrad – all das, was man in Dutzenden deutschen Militär-Ulknummern und noch mehr US-amerikanischen Kampffilmen zu genüge gesehen hat, findet sich hier nicht.

Es ist, aller lärmenden Flugmaschinen zum Trotz, ein leiser Film, der auf Atmosphäre, Gesten und Gesichter setzt. Ein Film, der bei allem Krimibewusstsein das Pathos nicht scheut. „Spielverderber“ wurde vorgezogen, weil der „Tatort“ mit Til Schweiger zu brutal erschien. Aber er ist mehr als ein Ersatz. Was sich in den letzten fünf Minuten über den Wolken abspielt, gehört zu den beeindruckendsten „Tatort“-Finalen der letzten Zeit.