Es geht ihnen nicht gut, den Dortmundern. Bei Kommissar Faber wissen wir das schon länger. Er ist wütend, zynisch und bitter, seitdem seine Tochter ermordet wurde, und einsam ist er ohnehin. So einsam wie viele in diesem „Tatort“. Kollegin Bönisch verliert das Sorgerecht für die beiden Söhne an ihren Mann und sitzt abends an Hotelbars herum, um sich wahllos von irgendwem abschleppen zu lassen. Daniel Kossik wiederum säuft und raucht wie ein Zechenschlot, schleppt wahllos irgendwen ab oder lungert nachts vor dem Haus seiner Exfreundin Nora Dalay herum, eifersüchtig auf sie und ihren neuen Freund, einen älteren Anwalt, den er höhnisch Sugar Daddy, Mörtel Lugner oder Dieter Bohlen nennt.

Auch der Stadt Dortmund geht es nicht gut. Prostitution, Drogenhandel und andere unschöne Zeitvertreibe machen von sich reden in jenem Stadtteil, den die Dortmunder nur „den Norden“ nennen und von dem die Fernsehkommissare dauernd als „Nordstadt“ sprechen müssen – wohl damit man auch in Kassel oder Stuttgart kapiert, dass sie gerade nicht den Zustand einer Himmelsrichtung beklagen.

Aus der Soziologie kennt man die Theorie des „broken window“, wonach ein einziges zerbrochenes Fenster den Anfang der Verwahrlosung ganzer Stadtteile markieren kann. Im Dortmunder Norden muss dieses Fenster schon vor Ewigkeiten zerbrochen sein. Die Lokalpresse berichtet von Ekelhäusern an der Mallinckrodtstraße, oft kommt es zu Gewaltdelikten. Auf Youtube kann man sich die Razzien ansehen, die für die Polizei dort längst Routine geworden sind. Wer im Norden lebt und Wärme sucht, der findet sie oft nur im Alkohol – oder jeden zweiten Samstag auf der Südtribüne des Westfalenstadions. Dann ist es meistens eine Kombination aus beidem.

Die kleine Emma findet ein Tütchen mit hellblauen Tabletten

Wer kann hier schon glücklich sein? Im „Tatort“ ist es eine Welt, in der selbst Spielplätze zur Todesfalle werden. Emma, sechs Jahre alt, buddelt im Sand. Ihre Mutter ist abgelenkt, sie telefoniert. Sie sieht nicht, wie Emma ein kleines Tütchen mit hellblauen Tabletten findet. Jemand muss es dort versteckt haben oder verloren, vielleicht auf der Flucht vor der Polizei. Emma schluckt eine Tablette und stirbt an einer Überdosis Kokain ohne überhaupt zu wissen, was das ist. „Willkommen in der Nordstadt“, sagt Faber und beugt sich über die kleine Leiche. Blut rinnt ihr aus der Nase. „Was war das hier für dich?“, fragt er. „Ein Zauberwald? Oder ein verwunschenes Schloss?“

Es war, seitdem Gunther Witte 1969 das „Tatort“-Format für das Fernsehen entwickelte, immer ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Episoden in sich abgeschlossen sein müssen. Voraussetzungsloses Erzählen nennt man das. Es hat den Vorteil, auch für sporadische Zuschauer verständliche Geschichten anzubieten – und den Nachteil, dass die Charaktere erzwungenermaßen statisch bleiben. In Zeiten, in denen amerikanische Serienformate narrative Bögen über die Sendedauer von Tagen und Wochen spannen, wirkt das oft einigermaßen staubig. Der „Tatort“ muss sich verändern, wenn er so erfolgreich bleiben will. Und die Episoden mit dem Quartett aus Dortmund, diese hier ist die siebte, brechen am entschlossensten mit dem Prinzip, wonach ein Fall nur 90 Minuten dauert. Mutig ist das deshalb, weil immer Monate zwischen der Ausstrahlung der Folgen liegen und man sie nicht, wie etwa „House of Cards“ oder „Homeland“, am Wochenende gleich staffelweise konsumieren kann.

Alte Bekannte

Wir wissen viel über die Kommissare und treffen alte Bekannte. Etwa den schmierigen Geschäftsmann Tarim Abakay, der natürlich mit Drogengeschäften überhaupt nichts zu tun haben will. Wir haben ihn schon in der Folge „Mein Revier“ gesehen, in der ein Zuhälter regelrecht hingerichtet wurde.

Auf Videoaufnahmen haben die Ermittler ein dealendes Pärchen aus dem Senegal erkannt, die nach einer Razzia über den Spielplatz flüchteten. Faber will Abakay ein Foto von beiden zeigen und besucht ihn in seinem türkischen Stammcafé. Man sieht Faber immer gern dabei zu, wie er in seinem abgewetzten Parka übernächtigt und voller Missmut durch die Straßen zieht. Jörg Hartmann, geboren im an Dortmund angrenzenden Hagen, verleiht dieser Figur auch sprachlich Glaubwürdigkeit – mit den charakteristisch gedehnten Vokalen des Ruhrgebietsdialekts.

Diesmal aber verwandelt er sich in eine Art Dortmunder Schimanski – wie er überhaupt oft eine Spur zu laut und zu markig wirkt in dieser Folge. Dass ihn das tote Kind an seine Tochter erinnert, stellt Hartmann etwas übertrieben deutlich aus. Faber will Leuten „den Arsch aufreißen“, er legt sich mit Bodyguards an und fegt Tabletts mit Tee durch die Gegend. Geschäftsmann Abakay lässt seelenruhig durchblicken, dass der Spielplatz nicht mehr zu seinem Revier zählt. Tags darauf wird die Dealerin tot aufgefunden, erschlagen.

War es der Vater des toten Mädchens? War es dessen Freund Dieter Lahnstein? Oder Abakay und seine Leute? Regisseur Dror Zahavi und Autor Jürgen Werner laden routiniert zum Tätersuchspiel. Doch der Kreis der Verdächtigen ist zu klein, die Motive zu leicht zu durchschauen. Dieser „Tatort“ schwächelt. Aber, das weiß in Dortmund jeder Fußballfan: Solche Phasen gehen auch vorbei.

Tatort, ARD, 20.15 Uhr