Es hat seit langer Zeit keinen „Tatort“ gegeben, der sich so eng und faktentreu an einem wirklichen Ereignis orientiert hat. Deshalb ist es sinnvoll, an die schrecklichen Dinge zu erinnern, die am 7. Januar 2005 im Keller eines Dessauer Polizeireviers passierten. Sie beschäftigen die deutsche Justiz bis heute.

Der aus Sierra Leone stammende, 36-jährige Oury Jalloh war in Gewahrsam genommen worden, weil er unter Drogeneinfluss Frauen belästigt haben sollte. Er wehrte sich, deshalb fesselte man ihn an Händen und Füßen. In seiner Zelle geriet seine Matratze in Brand. Der nicht entflammbare Überzug war beschädigt worden, das darunter liegende, entzündliche Füllmaterial hatte Feuer gefangen. Oury Jalloh, der seit vier Jahren in Deutschland lebte, verbrannte bei lebendigem Leib, nur durch wenige Mauern und Meter von den diensthabenden Polizisten getrennt.

Der Vorfall erregte über die deutschen Grenzen hinaus Aufsehen. Nach mehreren Instanzen und Urteilen führt die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau erneut ein Ermittlungsverfahren zur Klärung der Gründe für Oury Jallohs Tod. Die Darstellung der Polizei, wonach der Gefangene die Matratze selbst beschädigte und mit seinem eigenen Feuerzeug ansteckte, wirft immer noch Fragen auf – dieselben Fragen, die auch das norddeutsche Ermittlerpaar Falke und Lorenz in dieser Episode beschäftigen: Wie kommt ein Zelleninsasse an ein Feuerzeug? Wie kann er, wenn er an Händen und Füßen gefesselt ist, die gut vernähte und stabile Matratze ausreichend beschädigen? Warum reagierten die Polizeibeamten viel zu spät auf die Warnsignale des Rauchmelders? Was hatte es mit dem mysteriösen Plätschern auf sich, das vorher über die Lautsprecheranlage aus der Zelle zu hören war?

Ressentiments und Ängste in der grauen Kleinstadt

Regisseur Thomas Stuber und Autor Stefan Kolditz haben Oury Jallohs rätselhaften Tod in die Unwirtlichkeit einer niedersächsischen Kleinstadt verlegt, die dieser „Tatort“ in bedrückenden Bildern einfängt. Es ist eine graue Dutzendstadt, die unter einem grauen Himmel kauert und in der graugesichtige Menschen hausen, erfüllt von Ressentiments und Ängsten gegenüber dem Andersartigen, dem Fremden. Dienststellenleiter Werl, grandios gespielt von Werner Wölbern, sieht sich und seine Kollegen als letzten Posten vor einer Invasion aus Gift und Gewalt; nicht nur einmal erinnert er an die Figur des Nathan R. Jessup in Rob Reiners Film „Eine Frage der Ehre“ (1992), der sich im Kampf gegen den Kommunismus allein auf weiter Flur wähnte und deshalb besondere Rechte für sich reklamierte – Rechte nämlich, die er gar nicht besaß.

Dieser Dienststellenleiter nun lädt seine Mannschaft zu sich zum Barbecue ein, das Fleisch brutzelt auf der Terrasse. Der Schwarzafrikaner, wenige Stunden zuvor unter seiner Aufsicht verbrannt, ist nur in Flüstersätzen und Andeutungen ein Thema auf dieser gespenstischen Veranstaltung, auf der sich jeder im Recht und niemand schuldig fühlen möchte.

Katharina Lorenz und Thorsten Falke ermitteln hier in ihrem letzten gemeinsamen Fall – Petra Schmidt-Schaller alias Lorenz wird die Reihe verlassen. Das ist schade, denn diese letzte Folge aus Norddeutschland zeigt die beiden Ermittler von ihrer besten Seite. Ihre bisherigen Fälle zielten immer etwas unpräzise ins große gesellschaftliche Ganze. Diesmal trifft die Geschichte, auch weil sie zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Alltagsangst und Alltagsrassismus

Wir erfahren, dass der verbrannte Asylbewerber Vater eines in Deutschland geborenen Kindes war (auch hier hält sich dieser „Tatort“ an die Wirklichkeit). Wir fragen uns, ob der Gefängnisarzt, dessen Tochter das Kind zur Welt brachte, etwas mit dem Todesfall zu tun hat. Vor allem aber blicken wir in eine Welt, in der sich Alltagsangst, das Gefühl des Verlorenseins und ein herzloser Mangel an Offenheit zu jenem Alltagsrassismus vereinen, den jeder kennt, der die Nachrichten verfolgt. „Wir machen den Dreck weg, den ihr durchlasst“, sagt ein Polizist zum Bundespolizisten. Menschen als Dreck: Die ganze Borniertheit des Fremdenhasses, in einem Satz gebündelt.

Es ist kein Wunder, dass Kommissarin Lorenz da aussteigen will. Ihre Darstellerin wird weiter in einer Welt leben müssen, in der Brandsätze auf Asylbewerberheime geworfen werden. Das macht diesen „Tatort“ so beklemmend.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr