Das erste Gesetz der „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Serie lautet, dass sie keine Serie ist. Zu ihren unverrückbaren, über Jahrzehnte erprobten Eigenschaften gehört die Abgeschlossenheit ihrer Episoden. Natürlich können sich die privaten Lebensumstände eines Ermittlers einmal weiterentwickeln, und in ganz seltenen Fällen gibt es in Rückblenden mal Bezüge zu abgeschlossenen Fällen. Aber sonst gelten am Sonntag um 20.15 Uhr zwei Gesetze aus der Welt des Fußballs. Erstens: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Zweitens: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
In Zeiten der episch erzählten, erfolgreichen Serien aus Amerika mag man sich fragen, wie zeitgemäß das eigentlich noch ist. Denn in 90 Minuten lässt sich bestenfalls eine Geschichte erzählen. Ein wirkliches Thema ergibt sich meistens nicht daraus. Das ist schade, denn der Sendeplatz am Sonntagabend wäre bestens für eine fortlaufende Geschichte geeignet. Freilich bräuchte es dafür den Mut zur Komplexität und die Risikobereitschaft, nicht immer transparent und verständlich zu sein. Große Erzählungen sind nun mal so kompliziert wie unsere Gegenwart.
Schon deshalb ist es ein Hoffnungsschimmer, dass das „Polizeiruf 110“-Team nun die gut ausgeflaggten Pisten des deutschen TV-Krimis verlässt und sich auf das unsichere Terrain eines Mehrteilers begibt. Sein Titel („Wendemanöver“) lässt schon den Anlass des Experiments erkennen: Im Jahr 25 nach der deutschen Wiedervereinigung ermitteln erstmals die Mordkommissionen aus Rostock und Magdeburg miteinander. Auf der einen Seite also der bärbeißige Alexander Bukow (Charly Hübner) mitsamt seiner harten Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) – und auf der anderen Seite der rätselhafte, fast ätherische Jochen Drexler (Sylvester Groth) neben der handfesten Doreen Brasch (Claudia Michelsen).
Frau stirbt bei Brandanschlag
Diese Truppe wird nun durch einen, Achtung, komplizierten Fall zusammengebracht. In Magdeburg kommt bei einem Brandanschlag die Frau des Juniorchefs ums Leben, während wenige Stunden später die Leiche eines Wirtschaftsprüfers in einem Hotel in Rostock-Warnemünde entdeckt wird. Es stellt sich nicht nur heraus, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Die Verwicklungen zwischen den beiden Städten reichen tiefer hinab in die deutsche Geschichte – 25 Jahre tief, um genau zu sein, in jene Jahre des Umbruchs, als viele Dinge wirtschaftlich lukrativ, aber nicht immer zwingend legal gehandhabt wurden.
Und dafür nimmt sich Regisseur Eion Moore die Zeit, die er hat. Sie reicht aus, um die Kommissare stärker zu profilieren, als wir das aus anderen Episoden der Serie kennen. Drexlers impulsive Homosexualität etwa, die sich hinter einen Vorhang aus Neurosen und Abwehrgesten verbirgt. Oder die unkontrollierte, fast cholerische Emotionalität seines Kollegen Bukow aus Rostock, der, weil er nicht anders kann, auch mal eine Psychologin zusammenschreit, obwohl er auf deren Milde angewiesen ist.
Dazwischen entfaltet sich die Familiengeschichte eines Unternehmens, in der es sehr bald auch um die existenzielle Frage geht, ob Schuld vererbt wird – und wie wir damit umgehen. Beide Folgen des Zweiteilers sind über weite Teile außerordentlich spannend und profitieren vom schnellen Wechsel zwischen den Städten.
ARD, Sonntag, 27. September, um 20.15 Uhr
Felix Müller


