Berliner Spaziergang

Tina Hassel - Ein Politikjunkie übernimmt in Berlin

Tina Hassel, die Chefin des ARD-Hautstadtbüros, im Gespräch über Frauenquote, Flüchtlingsberichterstattung und die Meinung ihrer Kinder.

Tina Hassel an ihrem neuen Arbeitsort, dem Berliner Regierungsviertel

Tina Hassel an ihrem neuen Arbeitsort, dem Berliner Regierungsviertel

Foto: Reto Klar

Tina Hassel war gerade in Washington mit dem Auto unterwegs, downtown Richtung Weißes Haus, als Tom Buhrow sie anrief und ihr sagte, dass sie den Job hat. „Da musste ich erst einmal rechts ranfahren und ganz laut ,Yeah‘ rufen.“

Das ist jetzt genau ein Jahr her. Seit drei Wochen ist Hassel nun die neue Chefin des ARD-Hauptstadtstudios und damit die Nachfolgerin von Ulrich Deppendorf, der diesen Job fast acht Jahre lang gemacht hat. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war das Sommerinterview mit Kanzlerin Angela Merkel.

Das Interview haben sie und ihr Kollege Rainald Becker im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus geführt, einem der Parlamentsneubauten an der Spree, in dem unter anderem Untersuchungsausschüsse stattfinden. Wir stehen gerade davor, unter dem weiten Vordach, das von dünnen Stelzen getragen wird, als Tina Hassel von Buhrows Anruf erzählt. Beim „Yeah“ reißt sie die Hände hoch und lacht. Man kann sich gut vorstellen, wie sie damals dagesessen hat am Straßenrand in ihrem Auto, ein breites Lächeln auf den Lippen und innerlich schon Pläne machte.

Ihr zweites Zuhause

Tina Hassel hat vorgeschlagen, unseren Spaziergang durch das Regierungsviertel zu machen, ihr zweites Zuhause wenn man so will. Von ihrem neuen Büro am Reichstagsufer hat sie all das hier im Blick, die geschichtsträchtigen Gebäude und die modernen Kästen, das Zentrum der Macht. Schon als Leiterin des ARD-Büros in Washington hatte sie hier öfter zu tun. 2013 etwa, als sie Obama bei seinem Berlin-Besuch begleitet hat. „Wir haben den schönsten Platz im Ausland gegen den schönsten Arbeitsplatz im Inland getauscht“, sagt sie.

In Washington habe sie auch ein tolles Büro gehabt. „In einem kleinen charmanten Holzhaus mit knarzigen Dielen.“ Das lag in Georgetown, wo es viele Häuser im Kolonialstil gibt, Kneipen, Cafés, Restaurants. „Ich konnte von da aus zwar nicht aufs Weiße Haus gucken wie hier von meinem Büro aus auf das Kanzleramt, nah dran waren wir aber auch, zehn Minuten zu Fuß etwa.“

Ganz gut für mein erstes Kanzlerinnen-Interview

Das Merkel-Interview – es ist ihr Aufschlag in Berlin. Nicht nur die Zuschauer auch sämtliche Medien in Deutschland haben sie sehr genau dabei beobachtet. Ist sie zufrieden? „Wir sind extrem oft zitiert worden in den Agenturen und Zeitungen, durchaus mehr als üblich“, sagt Hassel.

Aber es gab auch Kritik, es hieß, die beiden Journalisten seien zu starr gewesen, hätten zu wenig nachgehakt. Ärgert sie das? „Nö“, sagt Hassel locker und man will ihr fast glauben. Vielleicht wäre es besser gewesen, sagt sie, weniger Themen anzusprechen und dafür noch ausführlicher. Sie überlegt. „Ich fand es eigentlich gut für mein erstes Kanzlerinnen-Interview“, sagt sie dann selbstbewusst.

Die Kinder als heftigste Kritiker

Mit Kritik kann sie umgehen. Kritik sei ihr lieber als Ja-Sagerei aus Gefälligkeit, sagt Hassel. Ihre heftigsten Kritiker seien ihre drei Kinder – zwei Töchter und ein Sohn im Alter von zwölf, dreizehn und fünfzehn Jahren. „Die schauen sich meine Berichte an und sagen mir hinterher schon mal, dass sie es langweilig fanden oder etwas nicht verstanden haben. Manchmal fragen sie auch, warum ich Dinge nicht gesagt habe, die sie gern gewusst hätten oder sie regen sich darüber auf, wie ich ausgesehen habe.“ Tina Hassel lacht. Mit solchen direkten Äußerungen kann sie etwas anfangen.

Wir sind noch nicht weit gekommen. Wegen des heftigen Windes bleiben wir immer wieder stehen. Tina Hassel trägt ein graues Kleid, dazu einen hellen Blazer und flache Schuhe. So könnte sie sofort vor die Kamera treten.

Frauen warten darauf, entdeckt zu werden

Genervt reagiert sie, wenn es mal darum geht, dass sie die erste Frau ist, die das ARD-Hauptstadtstudio leitet. Zu oft wurde ihr diese Frage in letzter Zeit gestellt. „Dann sage ich jedes Mal, dass ich nicht gefragt wurde, weil ich eine Frau bin, sondern weil die ARD mir das zutraut.“ Sie müsse oft an Hillary Clinton denken, die verdrehe auch die Augen, wenn ihr gesagt werde, dass sie womöglich die erste Präsidentin Amerikas werden könnte. „Sie sagt dann immer, dass sie eine gute Präsidentin sein will.“

Tina Hassel hat lange geglaubt, dass Frauen sich von selbst durchsetzen werden. Inzwischen hält sie eine Quote für sinnvoll. Es dauere sonst zu lange, sagt sie. Frauen seien noch immer zu zaghaft, wenn es darum gehe, ihre Ansprüche anzumelden. „Die warten immer noch darauf, dass sie entdeckt werden.“

Die Kinder wollten nicht zurück

Mit dem Wort Karriere kann sie allerdings nicht viel anfangen. Zu abstrakt. Schon während der Schulzeit habe sie sich ungern von anderen sagen lassen, wie die Dinge zu laufen haben. „Ich bestimme lieber selbst die Regeln mit und treffe gern Entscheidungen“, sagt sie.

Als es hieß, dass die Familie zurück nach Deutschland gehen wird, waren die Kinder zunächst dagegen. Tina Hassel und ihr Mann haben ihnen dann die kleinen Zettel gezeigt, die sie ihnen geschrieben hatten, als es um den Umzug nach Washington ging. „Wir wollen da nicht hin. Ihr seid Rabeneltern“ stand in runder Kinderschrift darauf.

„Davon wollten sie jetzt natürlich nichts mehr wissen“, sagt Hassel. Mama, zerreiß die Zettel, Amerika war unsere beste Zeit bisher, hätten sie zu ihr gesagt. Tina Hassel hofft, dass es wieder so funktioniert. Etwas später wird sie sagen, dass sie tolle Kinder hat, die bisher unkompliziert und neugierig überall mit hingezogen sind. „Ich klopfe auf Holz, dass das noch ein bisschen so bleibt.“

Wohnen in Zehlendorf

Vor vier Wochen war es dann soweit, die Familie ist nach Zehlendorf gezogen. Sie haben dort ein Haus gemietet, das Washingtoner Freunden gehört. Tina Hassel selbst wäre nie in den Südwesten gezogen, sondern auf jeden Fall nach Mitte. Dort hat sie Freunde und ist abends oft unterwegs. Aber die Kinder sollen in Zehlendorf auf eine internationale Schule gehen und nicht durch die halbe Stadt fahren müssen. „Außerdem ist es natürlich schön dort, viel Grün.“

Wir haben auf einer kleinen Fußgängerbrücke die Spree überquert, gehen am Paul-Löbe-Haus vorbei. Vor dem Kanzleramt bleiben wir stehen. Sicherheitsleute sind nicht zu sehen, dafür viele Touristen. Tina Hassel gefällt der Bau des Architekten Axel Schultes. Vor dem Weißen Haus dagegen hätten Touristen sich immer wieder gewundert, wie klein das sei. „Das hat was von einem entzückenden kolonialen Puppenstübchen.“ Merkwürdig, bedenkt man, dass Amerika beansprucht, eine Weltmacht zu sein.

„Ich komme in einer spannenden Zeit zurück“

Ein weiterer Unterschied zwischen Kanzleramt und Weißem Haus seien die Sicherheitsvorkehrungen, sagt Hassel. „Mir haben viele gesagt, dass ich mich wundern werde, wie viele Sicherheitschecks es gibt, wenn ich ins Kanzleramt will. Dabei ist das nichts gegen die im Weißen Haus.“ Zudem müsse man seine Fragen in Washington mindestens einen Tag vorher einreichen. Nicht alle würden zugelassen. In Berlin sei das alles viel lockerer. Wenig Unterschiede gibt es für Tina Hassel indes zwischen Kanzlerin Merkel und Präsident Obama. Die seien ähnliche Politikertypen. „Das sind zwei, die lange alles durchdenken, keine emotionalen Heißsporne, eher nüchtern. Im kleinen Kreis können beide auch sehr humorvoll sein.“

Dass in Europa gerade viel passiert, hilft Tina Hassel beim Wechsel nach Berlin. „Ich komme in einer spannenden Zeit zurück auf die andere Seite des Atlantiks“, sagt sie. Europa stehe am Scheideweg. Sie hoffe, dass die Krisen, die es gerade gibt zu einem enger verbundenen Europa führen und nicht dazu, dass nationalistische Bestrebungen die Oberhand gewinnen. „Das hängt maßgeblich von Berlin und Paris ab“, sagt Hassel.

Die Sache mit den Flüchtlingen

Auch das Flüchtlingsthema beschäftigt sie sehr. „Es ist gesamteuropäisch ein riesiges Problem, für das wir noch keine Lösung haben.“ Sie diskutiere gerade mit den Kollegen darüber, ob sie neben einer vertiefenden Berichterstattung eine deutlichere Haltung einnehmen sollten. Sollten wir tun, meint sie.

Politik, das scheint ihr Lebenselixier zu sein. In Antrittsinterviews hat sich Tina Hassel immer wieder als Politikjunkie bezeichnet. Das fange morgens beim Zeitunglesen an. Während ihr Mann zuerst den Sportteil lese, schaue sie immer zuerst in den Politikteil. Das sei auch im Urlaub so, egal wo auf der Welt sie sich gerade befinden.

Ihre Eltern hätten sie politisiert, sagt Hassel. „Die sind sehr politisch.“ Schon als sie klein war, haben sie zu Hause viel über das Weltgeschehen diskutiert. Genauso macht sie das heute mit ihren Kindern. „Ich finde es unglaublich spannend, wann Entscheidungen getroffen oder auch verschoben werden. Warum man heiße Kartoffeln nicht anfasst.“

Wir sollten herausfinden, was die Menschen interessiert“

Inzwischen ist die Sonne ein wenig hervorgekommen. Es ist heller geworden. Unter den Menschen, die sich das Regierungsviertel anschauen, sind viele Familien. Auf der Spree fahren Schiffe mit Ausflugsgästen vorbei. Einige winken. Tina Hassel liebt diese Atmosphäre. Sie ist gern da, wo viel los ist. „Ich bin ein Großstadtmensch“, sagt sie.

Als Leiterin des Hauptstadtstudios ist Tina Hassel eine der wichtigsten Politikvermittlerinnen der Republik. Was kann sie tun, damit sich die Deutschen nicht von der Politik abwenden und „Lügenpresse“-brüllend durch die Straßen laufen? „Wir sollten herausfinden, was die Menschen interessiert, die mit der Berliner Agenda nichts zu tun haben“, sagt Hassel. Gleichzeitig gehe es darum, authentisch und lebendig zu sein. „Das spüren die Zuschauer.“ Wichtig sei Glaubwürdigkeit. „Lieber etwas später auf Sendung gehen, dafür gründlicher recherchieren.“

In Amerika sei Politik immer Entertainment, sagt Hassel. Es gehe darum, dass einer der Gewinner und einer der Verlierer sein muss. Eine solche Berichterstattung ist für sie keine Lösung. Was man sich dort aber abgucken könne, sei der Umgang mit Social Media.

Social Media stärker nutzen

Sie möchte einen neuen Social Media Auftritt für das Hauptstadtstudio. Ein neues Konzept werde gerade erarbeitet. Facebook und Twitter sollen unter anderem dazu genutzt werden, den Leuten zu zeigen, was hinter den Kulissen passiert, rund um ein Interview etwa. „Wie lange müssen die Journalisten warten, wie arrogant oder nervös ist der Gesprächspartner, wie künstlich oder natürlich die Gesprächssituation.“ Das interessiere viele Zuschauer.

Es gebe noch einen Grund, stärker auf die neuen Medien zu setzen. „Wir können so viel besser mit den Zuschauern kommunizieren“, sagt sie. Die Meinung und die Kritik der Zuschauer über Social Media seien wichtig. Wenn es allerdings nur um Häme gehe, müsse man breite Schultern zeigen.

Die Amerikaner würden das vormachen. Hier war die Aufregung groß, als der deutsche YouTuber Le Floid kürzlich Angela Merkel interviewte, in den USA gibt es das schon länger. Le Floids Interview fand kurz vor ihrem eigenen statt. Tina Hassel hat da mal reingeschaut, „um ein Gefühl für Frau Merkel zu bekommen.“

„Ich bin eigentlich kein Schreibtischtyp“

Sie findet gut, dass die Kanzlerin sich darauf eingelassen hat. Das sei ein Versuch, Leute auf einem anderen Kanal zu erreichen. „Der Plan, dass sich die Politiker bei einem völlig anderen Interviewer in einer vollkommen anderen Umgebung plötzlich von einer ganz anderen Seite zeigen, geht allerdings nicht auf“, sagt sie.

Wir sind inzwischen die Paul-Löbe-Allee entlang bis zum Spreeufer gelaufen. Von dort ist es nicht mehr weit bis zum Hauptstadtstudio. Tina Hassel sieht hoch zu ihrem Büro im vierten Stock. Sie muss los. Es gibt viel zu tun, nicht nur in Mitte, auch in Zehlendorf. Die Handwerker sind gerade da. Die Renovierungsarbeiten sollen beendet sein, bis die Kinder aus dem Feriencamp zurück sind. Für Tina Hassel und ihren Mann gibt es in diesem Sommer keinen Ur­laub. Wenn etwas Zeit ist, werden sie ins Kino gehen oder ins Grüne. „Ich bin eigentlich kein Schreibtischtyp“, sagt Hassel. Sie geht gern joggen. „Mein treuester Partner dabei ist unser Mischlingshund Trooper. Den haben wir aus Amerika mitgebracht.“