TV-Kritik

Hauptmeister Krauses Abschied vom Polizeiruf 110

Im Brandenburger „Polizeiruf 110“ hat Polizeihauptmeister Horst Krause nach 17 Jahren seinen letzten Auftritt. Die letzte Folge „Ikarus“ beweist es noch mal: Diesen Mann wird man vermissen.

Von Felix Müller

Foto: Oliver Feist / rbb/Oliver Feist

Da fährt er nun also in die Dämmerung hinein, Polizeihauptmeister Krause, auf seinem Motorrad mit dem Schäferhundmischling im Beiwagen. Krause trägt wie immer diesen etwas lächerlichen Helm, er sieht aus wie ein Pinguin, der sich nach Brandenburg verirrt hat. Der Abspann läuft, die Straße ist so leer und so flach wie das Land. Krause haut jetzt ab, er schwänzt seine eigene Abschiedsfeier.

Er war noch nie einer, der große Reden über sich hören mochte. Er hat in 26 Fällen ermittelt, seit 1998, an der Seite wechselnder Kolleginnen. Die kamen aus Potsdam angerauscht, wenn wieder was Schlimmes passiert war in den Brandenburger Weiten zwischen der Prignitz und der Lausitz, und sie waren Frauen, die sich auskannten und Chefinnen waren, gespielt von Imogen Kogge, Maria Simon und einmal auch von Sophie Rois. Sie gaben Krause Anordnungen, sie belehrten ihn und stauchten ihn auch zusammen, wenn etwas schiefging oder nicht schnell genug. Manchmal auch einfach nur so.

Der friedliche Riese

Krause ertrug es mit dem verletzten Sanftmut des Riesen, der er ist. Denn Krause ist ein Dünnhäutiger in einem Körper, den er mit Fett aufgepolstert hat gegen die Arroganz seiner Vorgesetzten und sonstige Zumutungen dieser Welt. Und dabei hat es seine eigene Logik, dass der Schauspieler Horst Krause und der Ermittler Horst Krause denselben Namen tragen. Damals, als sie den Namen für den Dorfpolizisten suchten, da wandte sich Drehbuchautor Bernd Böhlich an Krause und fragte: „Wie willst du denn anders heißen, Horst, sag mal? Du siehst aus wie Krause, du bist Krause, was sollen wir dir einen anderen Namen geben?“ Horst Krause beherrscht die große Kunst, vor der Kamera sich selbst zu spielen, wenn auch in feinen Variationen.

Und dass er nun aufhört, das wurde im Sommer letzten Jahres von allerlei Gerüchten begleitet. Krause wollte schon immer mehr Raum für den Brandenburger Polizisten, mehr Präsenz an der Seite von Maria Simon alias Olga Lenski. Doch die Autoren des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) sahen es anders. Sie ließen Olga Lenski als alleinerziehende Mutter in die Provinz ziehen – und spätestens da war dem Schauspieler Krause klar, dass der Hauptmeister Krause die zweite Reihe niemals würde verlassen dürfen. Ein Ermittlerduo wie in den „Tatorten“ von München, Münster oder Köln? Das war ihm nicht vergönnt, und Krause zog sich zurück. Olga Lenski wird in Zukunft bei einer deutsch-polnischen Mordkommission in Frankfurt an der Oder ihre Fälle lösen.

Das ist schade und vielleicht ein Missverständnis, weil sich die Spannung zwischen Lenski und Krause ja gerade aus Dominanz und Schwäche speiste. Man kann das in dieser Folge des „Polizeirufs“ wieder gut beobachten. Sie heißt „Ikarus“, benannt nach der mythischen Figur, der im Übermut mit seinen Flügeln zu hoch in den Himmel stieg und sie sich dort verbrannte. Ob Autor Uwe Wilhelm und Regisseur Peter Kahane damit auch auf Krauses Ambitionen anspielen wollen, wird ihr Geheimnis bleiben.

In Brandenburg fiel ein Sportpilot vom Himmel

Es ist jedenfalls jemand vom Himmel gefallen in Brandenburg, gestürzt aus einem Sportflugzeug. Daniel Reef ist der Name des jungen Mannes, er ist in einem Baum gelandet und hat sich schwere Verletzungen dabei zugezogen. Das Flugzeug mit seiner Copilotin wird erst später gefunden, auch sie ist schwer verletzt. Der Gurt des Piloten, stellt sich heraus, wurde manipuliert. Auch eine Tasche mit 750.000 Euro findet sich in dem Wrack.

Krause sieht den jungen Mann und erkennt ihn, er kennt ja sowieso fast jeden in Brandenburg. Der Vater betreibt eine Solarmodulfabrik in der Uckermark, die dort einmal Hunderte von Arbeitsplätzen bereitstellte, nun aber tief in den Schulden steckt. Er liegt mit seinem Geschäftspartner über Kreuz, der deshalb den Betrieb verkaufen will. Die beiden verbindet auch die Liebe zur Mutter Daniels, die die Dreiecksbeziehung offen als ihr Lebensmodell bezeichnet.

Damit sind die Fährten ausgelegt, auf denen deutsche Sonntagabendermittler üblicherweise ermitteln: Es könnte mit nackten Geschäftsinteressen zu tun haben oder aber mit tiefen Gefühlen, mit den Eifersuchtsproblemen, die in Dreiecksbeziehungen immer gern auftauchen. Das ist einigermaßen behäbig erzählt und vorhersehbar konstruiert. Man würde diesen Polizeiruf vorzeitig abschalten, gäbe es nicht Horst Krause und die Freude, die es macht, wie er Horst Krause spielt.

Ein liebenswertes Gemüt

Der Schauspieler Horst Krause hat das ja schon einmal vorgeführt, in einem wunderbaren Film von Michael Schorr mit dem Titel „Schultze gets the blues“, das war 2004. Er hätte darin ebenso gut Horst Krause heißen können, denn auch diese Figur wärmte das Herz mit ihrer soliden, etwas tapsigen Durchschnittlichkeit, hinter der sich ein sehr liebenswertes Gemüt verbarg.

Doch während es den Musiker Schultze immerhin bis in die Fremde von Louisiana verschlug, hat es Polizeihauptmeister Krause aus Brandenburg in seinem Leben gerade mal bis an die Ostsee geschafft. Krause war auf eine ursympathische Weise provinziell, darin war er groß. Und das macht es so schade, dass er gehen muss.