ARD-Talkrunde

Was die Tochter von Boris Nemzow bei Günther Jauch erzählte

Wohin treibt Russland? Im Mordfall des bekannten Oppositionellen sind nun mehrere Verdächtige festgenommen worden. Was denkt seine 30-jährige Tochter Zhanna über die Zustände in ihrem Heimatland?

Foto: ARD

Es war ein ungewöhnlicher Gast, den Günther Jauch am späten Sonntagabend im Schöneberger Gasometer begrüßen durfte, und ein ungewöhnlicher Zeitpunkt war es obendrein. Just als die Meldungen kursierten, es habe im Mordfall an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow Festnahmen und auch Geständnisse gegeben, beantwortete dessen Tochter Zhanna die Fragen des Moderators.

„Putins Russland - auf dem Weg zur Diktatur?“ war das Motto der Sendung, und Zhanna Nemzowa, die einen eindrucksvoll gefassten Eindruck hinterließ, hatte dafür wenig Verständnis übrig: Denn nach ihrer Überzeugung hat Russland längst die Eigenschaften einer Diktatur angenommen, mitsamt allen dafür charakteristischen Eigenschaften.

„Die staatlichen Fernsehkanäle“, sagte sie etwa, „terrorisieren unsere Gesellschaft, sie lügen, sie sind eine Massenvernichtungswaffe.“ Mit ihrem Vater, der am 27. Februar im Zentrum Moskaus erschossen worden war, scheint sie die Vorliebe für das direkte, offene Wort zu teilen.

Es blieb ein bisschen enttäuschend und war aber vielleicht auch ihren eigenen Wünschen geschuldet, dass sich Günther Jauch mit ihr nicht viel länger als die anfänglichen zehn Minuten mit ihr beschäftigen wollte.

Regime des Bösen?

Mit Zhanna Nemzowas anfänglichen Statements war das Thema der Runde gesetzt. Nicht so sehr um die letzten Entwicklungen in der Ukraine sollte es gehen und auch nicht um die internationalen Bemühungen zu einer Deeskalation der Lage.

Sondern es ging einmal mehr darum, was es für freiheitsliebende Menschen heute bedeutet, in diesem Land zu leben. In einem Einspielfilm listete die Redaktion zehn Oppositionelle auf, die in den letzten Jahren unter ungeklärten Umständen in Russland zu Tode gekommen sind - darunter auch in Deutschland bekannte Namen wie Anna Politkowkskaja oder Alexander Litwinenko.

Matthias Platzeck, dem Vorsitzenden des deutsch-russischen Forums, wollte diese Zusammenschau nicht recht gefallen. Es werde versucht, sagte der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident, Russland auf diesem Wege als ein „Regime des Bösen“ vorzuführen, wo dieses doch ein genaueres Hinsehen verdient habe.

Die Angst der Oppositionellen vor Wladimir Putin

Platzeck will nicht daran glauben, dass staatliche Kreise hinter Nemzows gewaltsamem Tod stecken könnten: Seiner Logik zufolge wäre dies dann nicht an so einem öffentlichen Ort geschehen. Ein Gedanke, den auch Wladimir Kondratiev teilte, der lange Jahre Deutschlandkorrespondent für das russische Fernsehen war.

Doch Diskutanten wie die ARD-Korrespondentin Ina Ruck machten klar, dass es auch genau umgekehrt sein könnte: dass nur staatlicherseits tolerierte Mörder die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Garri Kasparow, der kurz via Skype zugeschaltet wurde, fiel es dann zu, die simple Tatsache hervorzuheben, der niemand widersprechen wollte: dass die Oppositionellen Angst vor Wladimir Putin haben müssen.

Kasparow, der inzwischen in New York Sicherheit für sein Leben sucht, hat Putin einmal mit einem Krebsgeschwür verglichen - und es sieht nicht so aus, als würde er allzu bald etwas davon zurücknehmen.