Hart aber fair

Als Günter Wallraff zum Paketboten wurde

Immer weniger von unseren Weihnachtsgeschenken werden im Geschäft gekauft. Immer mehr im Internet. Ist das wirklich eine so erfreuliche Entwicklung? Die Runde bei Plasberg zerstritt sich darüber.

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Es ist Weihnachtszeit, die Zeit der vielen Klicks – und die Zeit der vielen Pakete. Der Onlinehandel boomt, denn die Deutschen bestellen immer lieber über das Internet, was dann unter dem Weihnachtsbaum zu finden ist. Und was nicht gefällt, wird auch gern zurückgeschickt. Frank Plasbergs „Hart aber fair“-Redaktion hat in diesen Tagen auch ein Paket verschickt. Allerdings ein leeres. Man hat einen Test gemacht. Eine Lichterkette gekauft, ausgepackt und den Karton leer an Amazon zurückgeschickt. Einen Tag später hat das Unternehmen den Kaufpreis erstattet.

Ein feines Experiment ist da Plasbergs Team gelungen, und auch sonst ging es sehr munter zu bei dem Thema „Süßer die Kunden nie klicken – zuviel Macht für Amazon und Co.?“ Auch im Hause Plasberg sorgt der Onlinehandel anscheinend für Uneinigkeit, wie der Moderator zu Beginn erzählte. Der Sohn braucht Skiklamotten, und die hat Plasbergs Frau bei Amazon bestellt: Skijacke, Skiunterwäsche, Skihose und Handschuhe – vier Teile. Weil sie von unterschiedlichen Händlern beim sogenannten Marketplace von Amazon stammen, kommt nun der Paketdienst viermal. Ganz schön viel zu tun für eine nicht besonders gut bezahlte Branche, die auch noch mit wenig Trinkgeldern versorgt wird.

Und bei Amazon wird gestreikt

Und Amazon? Da wird gestreikt, wegen der Arbeitsbedingungen. Die Gewerkschaft Verdi klagt über ungewöhnlich hohe Krankenstände bei Mitarbeitern. Der Journalist Günter Wallraff, Gast in der Runde, recherchierte undercover bei Paketdiensten und im Versandhandel. Er sagt, dass den Preis „für unsere Bequemlichkeit die Boten und Packer zahlen“. Er selbst hat als Paketbote gearbeitet. Wer nicht spurt, würde unter Druck gesetzt. Dazu würde ein Monopol wie Amazon alles zu verdrängen versuchen. Man versuche, dem Buchhandel den Garaus zu machen.

Ist es denn dann verwerflich, im Internet einzukaufen? Die Journalistin und Buchautorin Amelie Fried kauft gern und oft im Internet ein, weil sie auf dem Land lebt. „Wenn ich irgendwas brauche, was über den täglichen Bedarf hinausgeht, muss ich 50 Kilometer Auto fahren, nach München. Ich verbringe viele Stunden in irgendwelchen Geschäften auf der Suche nach irgendeinem Ersatzteil für meine Küchenmaschine und dann fahre ich wieder 50 Kilometer zurück. Ich glaube, das ist weder ökonomisch, weil ich in der gleichen Zeit einen deutlich höheren Wert produzieren kann, noch ökologisch, wenn in der gleichen Zeit der große Lastwagen mit 200 Päckchen zu mir ins Dorf kommt und die verteilt.“

Georg Furchheim, Präsident des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel, ist natürlich ein Befürworter des Onlinehandels: „Der Kunde hat mehr Macht, mehr Auswahl, besseren Service.“ Auch viele klassische und auch kleine Händler hätten gute Chancen im Internet – „das ist gut für die Gesellschaft“.

„Tritt in den Hintern“

Amelie Fried hat durch den Boom im Onlinehandel einen Wandel im Einzelhandel beobachtet. „Der Einzelhandel hat den Tritt in den Hintern gemerkt, in den letzten Jahren. Da hat sich unheimlich viel getan. Wenn ich heute einkaufen gehe, dann werde ich anders als früher oft unglaublich gut beraten und freundlich behandelt. Es ist regelrecht auffällig, wie sich das verändert hat. Vor zehn oder 15 Jahren bin ich auch sehr häufig in einen Landen gegangen und habe zwei nette junge Damen beim Kaffeeklatsch gestört und fühlte mich ein bisschen überflüssig und lästig, weil ich etwas kaufen wollte.“ Inzwischen finde sie beides angenehm: im Internet und in Einzelhandelsgeschäften einzukaufen.

Trotzdem: Die schöne, neue Kaufwelt wird nicht nur Plasberg noch einige Zeit als Thema begleiten.