Maischberger

„Als ich ihm Nacktfotos schickte, wollte er plötzlich Geld“

Ein angeblicher Millionär aus Monaco ist nur ein kleiner Betrüger ohne Skrupel. Ein „Staatsanwalt“ erzählt Märchen aus 1001 Nacht. Bei Sandra Maischberger ging es um Betrüger und Betrogene.

Foto: ARD Screenshot

Wer betrogen wird, ist meist dreifach gestraft. Denn erstens ist er (oder sie) meist wirtschaftlich geschädigt worden. Zweitens hat sie (oder er) sich Illusionen gemacht, ist leichtgläubig gewesen und muss sich nun deshalb selbst Vorwürfe machen: Wie konnte ich nur so dumm sein? Drittens schließlich sind die Mitmenschen oft noch fassungsloser darüber und stellen diese Frage noch irritierter – und sei es nur aus Erleichterung, nicht selbst „der Dumme“ gewesen zu sein.

„Betrüger und Betrogene – Lernen wir nichs dazu?“: Sandra Maischbergers Sendung intonierte diesen Demütigungsmechanismus schon im Titel. Er ist problematisch. Denn er setzt voraus, dass man daraus etwas lernen kann, wenn man betrogen worden ist. Dass man also ein realistischeres Leben in größerer Sicherheit führen kann, wenn man nur etwas Bestimmtes „lernt“. Die Frage ist nur, was das eigentlich sein soll.

Die Sache mit den Walnussschalen

Am Anfang der Sendung wurde eine der bekanntesten Betrügereien überhaupt gezeigt: das Hütchenspiel. Ein professioneller Zauberer wirbelte drei Plastikwalnussschalenhälften durcheinander und fragte Sandra Maischberger, wo sich das Kügelchen denn nun befinde. Maischberger glaubte sich ihrer Sache sicher zu sein und lag natürlich falsch. Dann wurde erklärt, wie der Hütchenspieler die Kugel nach Belieben zwischen den Plastikwalnussschalenhälften austauschen kann, ohne dass jemand etwas merkt. Maischberger daraufhin zu einem neben ihr stehenden Polizeikommissar: „Das ist doch der älteste Trick überhaupt. Warum fallen Menschen immer noch darauf herein? Der Polizeikommissar: „Das ist die Gier.“

Die Gier also. Bei Halina Löffler war es die Gier nach Liebe, die sie in die Fänge eines Betrügers trieb. Die Prokuristin eines Pharmakonzerns und alleinerziehende Mutter verliebte sich auf Facebook in einen Mann, der sich als wohlhabender, in Monaco lebender Privatier und von seiner Frau getrennter Familienvater ausgab. Ohne dass sich die beiden persönlich einmal trafen, entstand ein vertrauensvolles Verhältnis – das im wesentlichen darauf gründete, dass der Mann erzählte, was die Frau hören wollte: Er schwärmte von seinen Kindern (ein liebevoller Vater!), sagte ihr charmante Dinge über ihr Aussehen und ihren Intellekt (ein aufmerksamer Mann!) und schickte ihr Bilder von seinem Auto und seinem Haus (die Kohle stimmt!).

„Er arbeitete mit Liebesentzug“

Irgendwann wollte er Nacktfotos. Da war die vermeintliche Nähe schon so groß, dass er gekränkt tun konnte, als sie zögerte. „Er arbeitete mit Liebesentzug“, sagt Halina Löffler. Also schickte sie ihm ein paar Oben-ohne-Bilder, „harmlos, ich würde es bei anderen Männern wieder tun.“ Es kam, wie es kommen musste: Er erpresste sie damit und verlangte 45.000 Euro. Er drohte ihr. Sie fürchtete um ihr Kind und sich selbst. Sie bezahlte. Nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Das Geld dürfte trotzdem weg sein.

Wonach gierte Harald Hüber, der zweite in der Sendung vorgestellte Fall, ein 78-jähriger Architekt im Ruhestand? Vielleicht danach, ernst genommen zu werden. Ihn legte man so herein: Er bekam einen Anruf. Er habe gewonnen. Über 40.000 Euro. Er müsse nur eine Gebühr überweisen in Höhe von 200 Euro. Hüber sagte, er halte das für unseriös und legte auf. Ein paar Minuten später klingelte das Telefon erneut.

Ein Mann „von der Staatsanwaltschaft“ meldete sich. Er arbeite mit Interpol zusammen und habe das Telefonat eben abgehört. Man sei da einer ganz heißen Sache auf der Spur. Einem internationalen Betrügerring. Man brauche Hübers Mithilfe. Es gebe vielleicht eine Möglichkeit, diesen Burschen das Handwerk zu legen. Er müsse nur eine Überweisung veranlassen. Keine Sorge, das Geld werde nicht wirklich „überwiesen“.

Die Betrüger waren freundlich und eloquent

Man darf nicht glauben, dass alles so schnell ging. Es waren drei Männer, allesamt eloquent und freundlich am Telefon, die um Hübers Vertrauen warben, über Wochen hinweg. Mal war es ein „Staatsanwalt“ aus Hamburg, mal ein Münchener Kollege, mal meldete sich ein „Sachbearbeiter“. Und Hüber fühlte sich ernst genommen. Er fühlte sich gebraucht. Er wollte helfen. Das hat ihn dann sehr viel Geld gekostet.

In der Sendung verblüffte die Performance der Betrüger. Halina Löfflers angeblicher Verehrer ließ seine angebliche Ex-Frau für ihn bürgen; bei Hüber drehte sich das Personalkarrussell noch stärker. Mit Mike Ulrich saß außerdem ein bereits verurteilter Millionenbetrüger im Studio, der sich bei Banken Immobilienkredite erschlichen hatte. Phantasie muss man ihnen schon zugestehen: Einfallsreichtum, wie man das Vertrauen anderer erschleicht und gewinnbringend wieder enttäuscht.

Und was lernen wir daraus?

Blieb am Schluss dieser ganz unterhaltsamen Sendung die Frage nach dem Lerneffekt. Auch wenn der Polizeikommissar jeden Fall ausgiebig kommentierte, ließen sich doch wenige Lektionen aus der Parade der Betrogenen ableiten. Vielleicht diese: Der Mensch ist verführbar und schwach, besonders dann, wenn er etwas braucht – Liebe, Familie, Anerkennung, Erfolg, Geld. Er kann dann ausgenutzt und schwer enttäuscht werden. Soll er deshalb allen und jedem misstrauen? Nein. Denn die Folge wäre, dass er (oder sie) für immer allein bliebe. Es gibt eben nicht nur Schurken da draußen: Vielleicht hätte das auch noch jemand sagen können, gestern bei Sandra Maischberger.