Berliner Spaziergang

Kommissarin Wackernagel twittert nicht beim Fernsehen

Ihr Lächeln ist wie eine Umarmung: Katharina Wackernagel spaziert mit der Morgenpost über das Tempelhofer Feld. Sie steht seit ihrer Jugend vor der Kamera. Nun wird sie zum zweiten Mal erwachsen.

Foto: Jakob Hoff

Der Mann, der an unseren Tisch im Café tritt, will mehr als nur eine Zigarette schnorren. Er will uns zeigen, dass er sein Leben im Griff hat. Eigentlich, sagt er, habe er nämlich aufhören wollen mit dem Rauchen, nur heute funktioniere das nicht.

Katharina Wackernagel trinkt einen Schluck Rhabarberschorle und antwortet: „Morgen ist ja auch noch ein Tag.“ Dann zeigt sie ihr Lächeln, das so breit ist, dass man sich davon umarmt fühlt.

Sie sagt: „Bestimmt ist morgen der perfekte Tag zum Aufhören.“

In der Öffentlichkeit erwachsen geworden

Das Tempelhofer Feld ist ein Ort, um einfach mal in den Tag hinein zu leben. Eine Stunde vor der Szene im Café haben wir uns am Eingang Columbiadamm getroffen. Es ist windig und hell, der Blick frei bis zum Horizont. Seit der Flughafen geschlossen hat, ist Wackernagel noch nicht hier gewesen. Aber sie kennt den Ort von damals. Als Fluggast und natürlich von den Dreharbeiten zu dem Fernseh-Zweiteiler „Die Luftbrücke“ aus dem Jahr 2005. Von ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg bis zum größten Park der Stadt ist es ein langer Weg für eine viel beschäftigte Frau. Spätestens seit ihrer gefeierten Rolle in „Die Boxerin“ ist sie gefragt im Deutschen Film.

Wackernagel, Jahrgang 1978, steht seit ihrer Jugend vor der Kamera. Sie ist gewissermaßen in der Öffentlichkeit erwachsen geworden, als „Tanja“ in der gleichnamigen Vorabendserie der späten 90er-Jahre. Sie spielte ein 17-Jähriges Mädchen, das erste Schritte in Liebe und im Beruf wagt. Bis heute hat Wackernagel viele Fans aus dieser Zeit. Es war eine realitätsnahe Serie, eine, in der Jugendliche nicht in teueren Lofts leben oder ständig brandneue Kleidung tragen. Auch im echten Leben hatte die Schauspielerin mit 17 Jahren die Heimat Kassel verlassen und ist nach Berlin gezogen.

Pfade ins Spießerglück

Damals, als ihr die Rolle der Tanja angeboten wurde, habe sie gedacht: „Eine 17-Jährige spielen, die erwachsen wird? Ich bin doch schon längst erwachsen.“ Darüber muss sie heute lachen. Mit dem Erwachsenwerden ist das so eine Sache. Derzeit arbeitet sie mit ihrem Bruder, dem Regisseur und Autor Jonas Grosch, am Projekt „bestefreunde“ (Kinostart: 26. Februar 2015). Dieser Film dreht sich wieder um das Erwachsenwerden, das zweite allerdings. Das Erwachsenwerden mit Mitte 30. Auch diesmal sind autobiografische Züge nicht zu übersehen. Wackernagel spielt Susi Q., eine Journalistin ihres Alters, die sicherlich auch auf dem Tempelhofer Feld abhängen würde. Sie lebt mit ihrem besten Kumpel in den Tag hinein, führt einen Blog über ihre Weltreise und will vor allem eines nicht: ausgetretene Pfade ins Spießerglück betreten. Bis ihr bester Kumpel plötzlich eine neue Freundin hat, auf Heirat zusteuert und die von Wackernagel gespielte Journalistin ziemlich alleine dasteht.

Wir spazieren an einem Montagnachmittag, Regenwolken haben sich verzogen und Besucher in erwerbsfähigem Alter lassen Drachen steigen. Wackernagel hat mit ihrem Bruder Jonas neun Jahre lang in einer Wohngemeinschaft gelebt. Und auch in ihre neue Wohnung ist der Bruder mit seinem Büro eingezogen. Beste Freunde also, bis einer der Geschwister plötzlich einen neuen Mittelpunkt fürs Leben findet, ganz so wie im Film? „Klar, irgendwann wird das wohl so kommen“, sagt Wackernagel.

Gegen die Bebauung gestimmt

Mitte 30. In dieser Phase kann es um Fragen gehen wie Rauchen oder Nicht-Rauchen. Kinder oder Weltreise. Wohngemeinschaft oder Reihenhaus. Projektarbeit oder Angestelltenjob. Um fertige Pläne oder um diesen schönen Satz:

Morgen ist auch noch ein Tag.

Selbstbestimmung, dafür ist das Tempelhofer Feld seit dem Volksentscheid zum Symbol geworden. Eine kostenlose Freifläche mitten in einer Metropole. Auch Wackernagel hat gegen die Bebauung gestimmt. „In dieser Stadt wird alles zugebaut, irgendwo muss man auch mal Stopp sagen.“ Sie hat erlebt, wie Prenzlauer Berg sich verändert hat, wie dort Mieten gestiegen sind, wie teure Eigentumswohnungen entstanden. Auf Menschen, die noch nicht wissen können – oder noch nicht wollen – wo und wie sie die nächsten Jahrzehnte leben und arbeiten, üben solche Stadtteile dann Druck aus. Heiraten, sagt Wackernagel, könne sie sich nicht vorstellen. Lebenslange Liebe schon. Aber sie ist keine dieser Prominenten, die ihre Beziehungen in der Zeitung besprechen. Zu Fragen dieser Art sagt sie: „Ich genieße meine Freiräume“ und drückt ihre Augen zusammen. Es gibt kaum jemanden, der seine Augen so schön schließen kann wie Wackernagel.

Verkehrte Welt im Kinder-Café

Mehrfach hat sie Mutterrollen gespielt. Darunter eine depressive („Herbstkind“) und, aktuell, eine überbesorgte, die sogar einen Mord decken will, den ihr Sohn ihrer Ansicht nach begangen hat (“Mord am Höllengrund“, ZDF 8.9, 20:15 Uhr). Über Kinder redet Wackernagel gern, auch wenn sie keine hat. Sie erzählt vom Dokumentarfilm „Alphabet“, der zeigt, wie Kinder zu Leistungsmaschinen erzogen werden. Ein Chinese sagt diesen traurigen Satz: „Unsere Kinder gewinnen am Start, aber sie verlieren am Ziel.“ Umgekehrt, sagt Wackernagel, finde sie auch diese Cafés übertrieben, wo der Nachwuchs inmitten von Spielzeugbergen rumturnt und die Eltern indessen suchen müssen, wo sie ihre Kaffeetasse abstellen dürfen. Sie erzählt davon, als sei das eine verkehrte Welt.

Aber was ist ihre normale Welt? Vielleicht das, was Wackernagel über eines ihrer Hobbys erzählt, das Kochen. Es kommen oft Freunde in ihre Wohnung, jeder bringt ein Buch oder einen Zeitungsartikel mit. Es wird vorgelesen und gelacht. Für den Freitag in ein paar Tagen hat sie wieder eingeladen. Das Menü ist noch nicht geplant, sie schaut mal, was es gibt. Zur Eröffnung wohl wieder ihre Tarte, die immer funktioniert. Blätterteig, eine Birne drauf, Gorgonzola und Pinienkerne drüber, in den Ofen und fertig. Sie ist keine dieser Köche, die verschiedene Salzsorten im Regal stehen haben. Himalaya-Salz oder so etwas, darüber muss sie herzlich lachen. Gerade hat sie wieder gelesen, dass Salze sich gar nicht sehr voneinander unterscheiden würden. Salz, sagt sie, ist nämlich vor allem eines: Salz.

Salz ist Salz. Und morgen ist auch noch ein Tag. Man darf das als gut gelaunten Realismus bezeichnen.

Schulzeit im Rückspiegel

Wir haben die Gärten an der Westseite des Feldes erreicht. Hier pflanzen sogenannte Beetgemeinschaften ihre Blumen und Kräuter in Hochbeeten aus Holz. Man kann sich auf Holzbänke setzen. In den Beeten stehen Schuhe, aus denen Blumen wachsen. Das erinnert an den Film „Big Fish“ von Tim Burton. Dort gibt es ein Dorf, in dem die Menschen friedlich zusammenleben. Wer dort bleiben möchte, wirft die Schuhe weg, man braucht sie nicht mehr. Hat Wackernagel mal überlegt, nach ihren Erfolgen eine Auszeit zu nehmen? Sie blickt ja schon auf einige Berufsjahre zurück. Das gehört auch zur Lebensphase mit Mitte 30: plötzlich sind Dinge zehn Jahre her oder länger. Nach der 12. Klasse ist sie ins Profi-Geschäft eingestiegen. Sie entschied sich für die Praxis, gegen Schauspielschule oder Studium. Ihre Klassenkameraden aus Kassel traf sie noch einmal, als die gerade ihre Abi-Reise hinter sich hatten und entsprechend zusammengeschweißt waren. Ihr aber waren viele Freunde fremd geworden. Sie sah ihre Schulzeit bereits im Rückspiegel. So ist das wohl: Wer die Chance bekommt, eine große Schauspielerin zu werden, muss zupacken.

Glanzpunkt des Deutschen Films

Aber eine Auszeit? „Das ist ein schwieriger Schritt, wenn man sich daran gewöhnt hat, in einer Abhängigkeit zu leben“, sagt Wackernagel. Sie braucht ja immer jemanden, der sie besetzt. Sie kennt viele Leute vom Film, und wie sie deren Alltag schildert, haben die kaum Zeit, um eine Beetgemeinschaft auf dem Tempelhofer Feld zu gründen. Sie erzählt von Drehbuchschreibern, die es schwer haben. Vorkasse sei selten geworden, wohl auch, weil es bequemer für die Geldgeber sei. Und das, obwohl Produzenten bei jeder Preisverleihung betonen würden, wie wichtig gute Drehbücher seien. Immer wieder ein Billy-Wilder-Zitat über gute Stoffe in Sonntagsreden. Darüber ärgert sich Wackernagel sichtlich, obschon sie das gute Gefühl haben darf, dass sie mit ihrem Bruder Independent-Filme produziert. Im Tagesgeschäft muss Wackernagel viele Rollen ablehnen, weil Drehbücher „hinten und vorne“ nicht stimmen würden. Rollen abzulehnen ist wichtig für eine Schauspielerin von Wackernagels Rang. Wäre sie da nicht konsequent, sie hätte wohl mit 26 Jahren noch eine Tanja gespielt und nicht „Die Boxerin“, eine Rolle die zu den Glanzpunkten des Deutschen Filmes überhaupt zählt. Eigentlich gibt es weltweit nur einen Schauspieler, der jeden Schrott spielen kann, und trotzdem weiter gebucht wird: Der Amerikaner Nicolas Cage, der neben grandiosen Rollen auch als Engel, Zauberer oder sonstetwas über die Leinwand springt. Aber Nicolas Cage stammt sowieso von einem anderen Schauspieler-Planeten.

Neuer Stralsund-Krimi

Im August dreht Wackernagel zwei neue Teile der erfolgreichen Krimiserie „Stralsund“. Ansonsten wolle sie es mal ruhiger angehen. Kommissarin sein, das ist im deutschen Fernsehen derzeit Königsdisziplin. Gerne schauen die Deutschen am Sonntagabend auf dem Sofa gemeinsam mit ihren Langzeitpartnern Tatort und schreiben nebenbei auf Twitter, was ihnen mal wieder nicht passt am Tatort. Wackernagel verfolgt nicht, was auf Twitter passiert, wenn sie als Kommissarin im Stralsund-Krimi auftritt oder eine Rolle im Tatort hat. Nicht, weil sie Angst vor Nähe zu den Fans habe. Was sie aber am Twittern beim Fernsehen nicht verstehe, sei das: Der Zuschauer könne sich kaum auf den Film einlassen, wenn er immer denke und schreibe: Jetzt probiert dieser Schauspieler das oder jenes.

Respekt vor dem Film. Vielleicht ist das der Einfluss ihrer Familie. Die Wackernagels sind seit der Großelterngeneration erfolgreiche Schauspieler, allerdings im Theater. Und Theatervorstellungen gehören zu den wenigen Situationen, in denen Smartphones und Twittern bis heute nicht erwünscht sind. Die Mutter lebt seit mehr als 30 Jahren mit zwei Männern zusammen, beide waren Väter für Wackernagel. Dagegen lebt Wackernagel eher bürgerlich. Aber gelernt hat sie von ihren drei Eltern, ihr Ding durchzuziehen. Und dass Tabus einen nicht weiterbringen. Ihr Onkel, der Schauspieler Christof Wackernagel, war Mitglied der RAF, nach einer Schießerei mit Polizisten saß er seit ihrer Geburt für elf Jahre im Knast. Sie wird oft zu ihrem Onkel befragt. Aber anders als viele erwarten, ist er nicht Schweigethema der Familie. Die Mutter hielt immer Kontakt zum Onkel, der sich nach seiner Haft von Gewalt distanzierte und nach Mali auswanderte, um ein Buch zu schreiben und dann eine Vollkornbäckerei eröffnete. Bruder Jonas Grosch hat eine sehr sehenswerte Dokumentation darüber gedreht: „Der Weiße mit dem Schwarzbrot.“

RAF-Onkel als Kunstprojekt

Das zeichnet eine offene Familie aus: Sogar ein RAF-Onkel ist kein schmutziges Geheimnis, sondern wird künstlerisch bearbeitet. Inzwischen steht Onkel Christof dafür, dass das Leben immer neue Chance bietet. Früher habe der Onkel der Mutter geschrieben, wie sie bloß Kinder in diese schreckliche Welt setzen könne. Doch kürzlich ist Onkel Christof im Alter von 62 Jahren doch noch Vater geworden. Nun sagt er, vor allem Kinder müssten die Welt verändern.

Wir setzen uns ins Café Engels am Schillerkiez. Eine Gegend, die noch viele Bars und Clubs zum Ausgehen bietet. Wackernagel geht hier gerne aus. Aber sie ist sicher, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch im Schillerkiez ein Café aufmacht, in dem die Kinder in Spielzeugbergen wühlen und die Eltern nicht wissen, wo sie ihren Kaffee abstellen dürfen. Wackernagel zuckt mit den Achseln. Vom Tempelhofer Feld ist sie entzückt und will hier bald wieder spazieren gehen. Sie zündet sich eine Zigarette an. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

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