Die Nacht des verlorenen Pokalfinales für Borussia Dortmund am 17. Mai verlief für Kevin Großkreutz unangenehm – und noch unangenehmer für alle, die es mitbekamen. Angeblich soll Jürgen Klopp nach der Niederlage einen Trinkbefehl ausgegeben haben. Er endete damit, dass der Nationalspieler Großkreutz, eine nicht bekannte Menge Alkohol im Blut, an die Ziersäule einer Hotellobby pinkelte.

Trotzdem ist er nun im Kader für Brasilien dabei, seine Vorgesetzten haben es offenbar mit einer Verwarnung bewenden lassen. Uli Borowka, ehemaliger Fußball-Nationalspieler, deutscher Meister und Europameister, konnte gestern bei Maischberger auch erklären, warum das so ist: „Wenn man seine Leistung bringt, kann man ruhig einmal die Woche vom Stuhl fallen“, sagte er. Es ging um das beliebte Thema der Volksdroge Alkohol, das erst kürzlich durch Jan Ullrichs schweren Unfall wieder in die Medien gekommen ist.

Ein Kasten Bier, zwei Flaschen Hartes am Tag

Borowka hat seinen Fall schon in einem Buch und bei mehreren Talkshow-Auftritten geschildert, aber die Geschichte bleibt packend. Ein Bundesliga-Profi, ein Nationalspieler, der einen Kasten Bier, eine Flasche Wodka und eine Flasche Whisky am Tag wegsoff, dazu noch ein paar Magenbitter im rührenden Glauben, das sei doch gut für den Magen? Das wirft eine Menge Fragen auf.

Zum Beispiel, wie das körperlich geht, zugleich der „härteste Abwehrspieler der Bundesliga“ (Borowka über sich selbst) und ein so schwer süchtiger Alkoholiker zu sein. Borowka bescheinigte sich eine außergewöhnliche körperliche Konstitution, die es ihm ermöglichte, den Alkohol sehr schnell wieder abzubauen. So habe er sich nachts fast zu Tode saufen und trotzdem am nächsten Tag auf dem Spielfeld stehen können. Manfred Lütz, Psychiater und Suchtexperte, widersprach: Es sei überhaupt nicht selten, dass Alkoholiker körperlich fit für ihren Beruf seien – sie hätten nur eine erhebliche Toleranz gegenüber dem Zellgift Alkohol und seien auch bei Blutkonzentrationen noch handlungsfähig, bei denen andere schon im Tiefschlaf liegen würden.

„Frau, Firma, Führerschein“

Lütz erzählte interessante Dinge aus seiner Praxis als Suchtmediziner. Er nannte den Alkoholismus eine „Erkrankung der Wahlfreiheit“ und definierte das „dreifache F“ als sicheres Zeichen für den Alkoholismus: „Frau, Firma, Führerschein“. Wenn der Süchtige auch nur eines davon verliere und trotzdem weiter trinke, dann liege eine suchtbedingte Störung der Prioritäten vor, dann habe man es mit einem Alkoholiker zu tun. Diese seien oft „sensible und sympathische“ Menschen, denen ihr Leben schlicht über den Kopf wachse.

Die Sendung nahm einen biographisch-anekdotischen Verlauf – und das war gut: Weil sich so herausstellte, wie viele Erscheinungsformen der Sucht es gibt und wie wenig man generalisieren kann. Ist sie etwa erblich? Olivia Jones’ Vater war alkoholkrank. Schon als Kind musste sie ihn zusammen mit der Mutter aus verschiedenen Kneipen abholen, eine traumatische Erfahrung für sie, noch heute. Der Vater betrog dann dilettantisch eine Bank um 1,9 Millionen und wurde in Brasilien verhaftet, sie söhnte sich nie mit ihm aus. Trotzdem hat sie heute professionellen Umgang mit Alkohol, weil sie auf St. Paul mehrere Bars unterhält. Sie stand ebenso wie Kathrin Meier, die eine Familienbrauerei im Allgäu leitet, für das Kulturgut Alkohol, nicht für die Suchtdroge.

Brauchen wir ein Alkoholverbot im Straßenverkehr?

Von dieser berichteten dann wiederum Hannelore und Petra Belschner, Mutter und Tochter, die auch schwer alkoholabhängig wurden, zum Erstaunen der Runde aber erzählten, dass sie die Sucht vom einen auf den anderen Tag überwinden konnten – wie, das erschien etwas esoterisch und wurde nicht ganz klar. Mit dem Anti-Alkoholiker Sebastian Frankenberger schließlich war jener Gesundheitsaktivist geladen, der in Bayern bereits per Volksbegehren ein scharfes Rauchverbot durchsetzte – und nun für eine Promillegrenze von 0,0 streitet. Die Sendung schloss mit einer etwas lahmen Diskussion darüber – am Ende schien die Position in der Mehrheit, wonach der gemäßigte Konsum, etwa ein Glas Bier zur Mahlzeit, erlaubt bleiben sollte. Sicher aber ist: Zur bevorstehenden Fußball-WM wird uns das Thema auf der Fanmeile und an anderen Orten der Stadt erhalten bleiben – auf manchmal beängstigende Weise.