Menschen bei Maischberger

„Uli Hoeneß soll doch nicht als Person zerstört werden“

Der Haftantritt des Steuerhinterziehers steht bevor. Springen wir öffentlich zu hart mit ihm um? Ging bei dem Prozess gegen ihn alles mit rechten Dingen zu? Darüber stritt die Runde bei Maischberger.

Foto: ARD-Screenshot / ARD

Man muss den Fall Uli Hoeneß inzwischen als eine Art kulturhistorische Erschütterung ansehen. Kaum ein anderes Thema hat – abgesehen vielleicht nur von der Rente mit 63 und der Krise in der Ukraine – die deutschen Talkshows derart zuverlässig genährt wie das strafrechtliche Schicksal dieses einen Mannes. Auch die Runde bei Maischberger bestätigte das alte Bonmot Karl Valentins, wonach eigentlich schon alles gesagt sei, nur eben noch nicht von allen.

Nachdem das Urteil gegen Hoeneß in erstaunlicher Geschwindigkeit gefällt war, bildeten sich zwei Haltungen dazu heraus, die sich am stärksten im Grad ihrer Empathie unterscheiden. Die eine betonte, nun müsse es aber einmal gut sein mit der Häme und dem Unmut. Sie fand gestern ihre stärkste Fürsprecherin in Verena Kerth, der Radiomoderatorin und früheren Lebensgefährtin von Bayern-Torwart Oliver Kahn: „Die Art, wie mit ihm umgesprungen wird, wird der Sache nicht gerecht.“ Als würde sie mildernde Umstände bieten, berief sich Kerth auf die Lebensleistung des ehemaligen Managers und Präsidenten: „Seit 1970 war Uli Hoeneß an jeder Deutschen Meisterschaft des FC Bayern beteiligt.“

„Lasst ihn doch neu beginnen“

Auch Erwin Huber, ehemaliger Finanzminister und Ex-CSU-Parteichef, nannte „die öffentliche Debatte über Hoeneß bedauerlich“: „Uli Hoeneß büßt, aber er soll doch nicht als Person zerstört werden.“ Er kritisierte die Entscheidung der Landsberger Haftanstalt, vor dem Haftantritt des Prominenten noch einen Tag der offenen Tür zu veranstalten. Dagegen hatte sich auch Hoeneß zuletzt öffentlich gewandt. In Summe jedenfalls plädierte Huber dafür, auch diesem Häftling eine Chance auf Resozialisierung einzuräumen. Dem stimmte der Journalist Roland Tichy aus tiefstem Herzen zu: „Er hat hinterzogen, er wird bestraft, er kommt ins Kittchen, also lasst ihn doch jetzt neu beginnen.“ Er mutmaßte, Uli Hoeneß werde nach spätestens drei Monaten in den offenen Vollzug wechseln, anderenfalls werde er, Tichy, „einen Besen“ oder wahlweise „einen Fußball“ fressen. Man wird ihn daran erinnern dürfen.

Auch die andere Haltung fand in der Sendung Gehör: Diejenige, die dem Verurteilten allzu viel Empathie verweigert und in dem Vorgang vor allem die notwendige Bestrafung eines Steuersünders sieht. Die Tageszeitung „taz“ hatte sich viel Kritik eingehandelt, als sie den Satz „Wir heulen nicht mit Dir“ veröffentlicht und damit dieser Haltung Ausdruck verliehen hatte. Ihnes Pohl als die Chefredakteurin vertrat sie gestern noch einmal. Sie sprach von einem „komischen Beigeschmack, dass dieses Urteil so schnell durchgepeitscht wurde“ und artikulierte ihr Unbehagen gegenüber dem öffentlichen Auftritt von Hoeneß, der sich in einer Rede darüber beklagt hatte, erstmals persönlich Hass empfunden zu haben. Unterstützung fand sie in dem nur vorsichtig spöttischen Ingo Appelt und dem ehemaligen Steuerfahnder Dieter Ondracek, der sich ebenfalls über Details des Prozesses wunderte, etwa über die 70.000 Dokumente, die erst kurz vor Beginn geliefert wurden.

Es war wie am Sonnabend im Pokalfinale

Am Rande streifte die Sendung ihr eigentliches Thema: Die Frage nämlich, ob der Fall Hoeneß etwas für die Steuermoral im Land geleistet habe. Die Antwort: Das kann man noch nicht sagen. Zwar hat die Zahl der Selbstanzeigen zugenommen, aber ob das ein dauerhaftes Phänomen ist? Da war es schon handfester, über Hoeneß zu streiten und die Frage, wie gerecht dieses Urteil und wie rechtsstaatskonform dieser Prozess war. Doch ein wenig drängte sich der Vergleich mit der Debatte um die Torlinientechnik auf, die seit Mats Hummels’ nicht anerkanntem Treffer im Pokalfinale erneut Fahrt aufgenommen hat: Solange es keine Revision gibt, muss man mit der Entscheidung leben. Und zu der ist eigentlich schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.