Wenn gleich zu Beginn der tragikomischen Vater-Tochter-Geschichte „Sommer auf Asphalt“ eine topschick gekleidete, dabei überdeutlich als Muslima erkennbare Ärztin nach einem kurzen Beratungsgespräch mit der schwangeren Les (Mala Emde) einen Abtreibungstermin vereinbaren will, dann hält man als Zuschauer für einen Moment die Luft an und ist geneigt, ein Stoßgebet gen Himmel schicken. Bitte, lass die Geschichte nicht, wie es so häufig der Fall ist, unter einer Überlast an zeitgeistiger Korrektheit und gut gemeinten gesellschaftspolitischen Botschaften zerquetscht werden. Die Befürchtungen sind unbegründet.

Dabei ist der absolut kurzweilige Fernsehfilm von Simon Ostermann (Regie) und Brix Vinzent Koethe nach dem Drehbuch nach dem Roman „Pedalpilot Doppel Zwo“ von Wolf Schmid (Mittwoch, 21. Oktober, 20.15, ARD) keineswegs frei von möglichen Ansatzpunkten. Doch die sind nachrangig, gehen in der Hektik der Ereignisse praktisch unter. „Sommer auf Asphalt“ ist einer jener Filme, die voller Melancholie und unbändiger Lebensfreude zugleich sind, in denen eigentlich nichts - keine Idee, kein Handlungsschlenker, kein psychologischer Einwurf – so recht zueinander passen will und in denen trotzdem alles stimmig zusammenfindet.

„Sommer auf Asphalt“: Vater hat einen Hirntumor

Les, eigentlich Valeska, aber so nennt sie außer ihren Eltern niemand, rast leidenschaftlich gern mit dem Fahrrad durch Hamburg. Die 29-jährige arbeitet bei einem als Kooperative organisierten Lieferdienst. Hier gibt es keine Hierarchie, keine Kontrolle – bei den so feierfesten wie freiheitsbewussten schrägen Typen stehen Solidarität und Ehrgefühl an erster Stelle.

Sommer auf Asphalt
Und plötzlich gehört der Vater zur Familie, und alle müssen sich neu finden: Bert (Christoph Maria Herbst) mit Les (Mala Emde) und Tyler (Aaron Hilmer).© ARD/NDR | Frizzi Kurkhaus

Les ist von ihrem deutlich jüngeren Kollegen Tyler (Aaron Hilmer) ungewollt schwanger geworden, neigt aber sonst, ohne von jemandem „gelesen“ zu werden, dem lesbischen Lager zu. Ihre aktuelle Freundin Roya hat ihre Zuneigung allerdings gerade etwas gesplittet. Als Les eines Abends nach Hause kommt, wartet ihr Vater Bert (Christoph Maria Herbst) vor der Tür. Die beiden haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen, ihr Verhältnis ist nicht das beste.

Vertretungsfahrer bei den „Pedal Piloten“

Der aus einer Kleinstadt unangekündigt angereiste Friseur will eigentlich nur mitteilen, dass er an einem unheilbaren Hirntumor leidet und nicht mehr lange zu leben hat. Doch zu diesem Gespräch kommt es erst einmal nicht, weil Les nach einem Verkehrsunfall arbeitsunfähig ist. Er steigt, gegen den Willen der Tochter, bei den „Pedal Piloten“ als Vertretungsfahrer ein, freundet sich mit der leicht chaotischen Radler-Crew sogar an, wird in die „Familie“ aufgenommen. Bis der Tumor sich meldet und Bert zusammenbricht.

Was in immer rasanterer Abfolge auf Les einstürzt, macht der auf Freiheit und Unabhängigkeit bedachten jungen Frau zunehmend zu schaffen. Was ist bloß mit den anderen los? Erzeuger Tyler, mit knapp 20 fast selbst noch ein Kind, freut sich wie ein Schneekönig auf seine Vaterrolle, kann zur Überraschung aller unglaublich gut mit Kindern umgehen. Aaron Hilmer gibt diesem lauten, stets gutgelaunten Typen, hinter dessen flippiger Oberfläche immer wieder eine „reine Seele“ durchscheint, eine ungewöhnliche Tiefe.

Sommer auf Asphalt
Freunden sich nach und nach an: Tyler (Aaron Hilmer, l.) und Bert (Christoph Maria Herbst).© ARD/NDR | Frizzi Kurkhaus

Les‘ bislang wankelmütige Freundin Roya findet wider Erwarten den Gedanken toll, eine Familie zu gründen und „Mutter“ zu werden. Berti will unbedingt die Geburt seines Enkels erleben. Und dann ist da noch, zumindest theoretisch, eine Oma in Gestalt von Bertis Ex-Frau Sonja (Jenny Schilly), die einst die Familie verließ, um unter dem Pseudonym Ruby Lawrence als Autorin schwülstiger Frauenromane zu reüssieren. Les kann sich all dem nicht entziehen und erfüllt schließlich Bertis großen Wunsch: Er möchte seiner Tochter ein letztes Mal die Haare schneiden, und für diesen „final cut“ mietet sie für eine halbe Stunde einen Frisiersalon an.

Zwei im Grunde triviale Fragen und Ratschläge sind es, die in diesem bemerkenswerten Film auf ganz ungewöhnliche Weise verhandelt werden: „Wer weiß, wie viel Zeit wir alle noch miteinander haben“ und „Nutzen Sie jeden gemeinsamen Tag“. Die großartige Mala Emde und Christoph Maria Herbst, den man selten so konzentriert, so zurückgenommen und frei von Manierismen gesehen hat, schaffen dabei neben Situationen voller lakonischem Witz immer wieder auch jene beklemmenden Momente, in denen das Schweigen, das Unausgesprochene alles überbrüllt.

Bewertung: 5/5 Sterne
Mittwoch, ARD 20.15 Uhr