„Aaron schafft’s wirklich jedes Mal, alles kaputt zu machen“, meckert Inga (Anna Schudt). „Ach, Gewitter kann er jetzt auch?“, fragt ihr Mann Bodo (Hans Löw) schnippisch-ironisch zurück, während er ihr hilft, Essen und Geschirr vor dem einsetzenden Starkregen ins Haus zu retten. Das lang geplante Fest zum 20. Jubiläum der Hofgemeinschaft, die mit vier Erwachsenen und drei Kindern ein alternatives Leben auf dem Land probiert, genauer: in der verwunschenen Auenlandschaft des Wendlands, muss kurzerhand abgebrochen werden, wegen einer Gewitterfront. Aber eben auch, weil Aaron von seiner Fahrradtour noch nicht zurück ist.

„Ja, er ist ein schwieriger Junge“, antwortet seine Mutter Sophie (Julia Koschitz) auch auf die Nachfrage der herbeigerufenen Polizei, warum die Eltern erst vier Stunden nach der vereinbarten Zeit angefangen haben, nach ihm zu suchen. „Es kommt öfter vor, dass er sich nicht an Regeln hält.“ Immer noch, obwohl schon mitten in der Nacht, ist Aarons Vater Thies (Mark Waschke) unterwegs, auf der verzweifelten Suche nach ihm.

„Das verschwundene Kind“: Das alternative Lebensmodell war eine Lebenslüge

Alle sind genervt. Der 12-jährige ist seit Stunden weg und auch per Handy nicht erreichbar. Wo steckt der Junge bloß? Wo hat er sich diesmal versteckt? Oder ist ihm etwa etwas passiert? Trotz vieler typischer Zutaten ist „Das verschwundene Kind“, (Montag, 19. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) kein Krimi. Und Leichen gibt es deshalb auch nicht. Dafür sehen wir ein hoch spannendes, starbesetztes Psychodrama, das vielen Zuschauern nicht wieder so schnell aus dem Kopf gehen dürfte.

Das verschwundene Kind
Alternativfamilie mit vier Freunden: Inga Volkmann (Anna Schudt), Sophie Buchholz (Julia Koschitz), Bodo Herzog (Hans Löw) und Thies Buchholz (Mark Waschke). Sie müssen bei der Suche nach dem zwölfjährigen Aaron ihre Idee des gemeinsamen Lebens in einer Hofgemeinschaft in Frage stellen.© ZDF | Andrea Kueppers

Stark verdichtet und sehr sensibel zeigt die freie Verfilmung nach Motiven des Romans „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff, wie ein „Systemsprenger“-Kind eine Wahlfamilie ans Limit bringt. Aaron, der die meiste Zeit des Films gar nicht im Bild ist, macht dennoch ständig Stress, alles dreht sich nur um ihn: Durch sein Verschwinden brechen bei den anderen Familienmitgliedern plötzlich uralte Konflikte wieder auf, und überhaupt wird schnell offenbar, dass das schöne, alternative Lebensmodell der beiden Paaren, die als Wahlfamilie auf ihrem Hof im Einklang mit Natur und Kultur leben wollten, eher eine Lebenslüge war. Längst haben sie sich in ihren Interessen auseinandergelebt. Und auch die anderen beiden Kinder fühlen sich wegen Aarons ständiger Eskapaden schon lange zurückgesetzt, nicht richtig wahrgenommen. Nun sind froh, dass er weg ist, hoffentlich für immer.

Das verschwundene Kind
Angespannt ist die Lage auch zwischen den Freundinnen Inga (Anna Schudt, l.) und Sophie (Julia Koschitz).© ZDF | Andrea Kueppers

Bemerkenswert ist aber, wie das Drama erzählt wird. Drehbuchautorin Silke Zertz und Regisseurin Sabine Bernardi präsentieren kleine, sehr prägnante Ereignisse aus der gemeinsamen Vergangenheit der Protagonisten wie in einem Puzzle. Auch bildlich (Kamera: Moritz Schultheiß) ploppen immer wieder nur kurz und assoziativ Erinnerungen auf, die den abwesenden Jungen und sein Verhältnis zu seiner Umgebung charakterisieren. Da schein auf den ersten Blick alles schön oder aus der Retrospektive nur lustig: „Die Leute sind doch sehr nett“, meint denn auch die Polizistin nach wenigen Treffen mit der Wahlfamilie und wundert sich dann doch: „Wie kommen die nur zu so einem (schrecklichen) Kind?“

Wer ist Aaron? Ein Psycho, ein Störenfried - oder einfach ein feinfühliges Kind?

Ja, seit seiner Geburt, würden die Freunde sagen, benimmt sich Aaron immer wieder wie ein Psycho. Er schreit viel, haut gerne Sachen zusammen. Drei Mal schon musste er die Schule wechseln. Zuletzt hat er einen Klassenkameraden die Treppe hinuntergestoßen, der jetzt auf Krücken läuft. Doch ist der Junge, der so oft allein durch die Auen streift und stundenlang hoch konzentriert Kröten beobachten kann, wirklich nur ein aggressiver Störenfried? Oder ist er nicht eher ein besonders sensibles, feinfühliges Kind, das seine Eltern durch sein Verhalten zwingt, wirklich hinzusehen und wahrzunehmen, was sie lieber ausblenden würden?

Bewertung: 5/5 Sterne
Montag, 19. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF