Das deutsche Gesundheitssystem steht bei „Hart aber fair“ auf dem Prüfstand. Ist es zu teuer? Ist es ungerecht? Warum müssen viele Patienten so lange auf einen Termin warten? Was hat die Regierung vor? Wichtige Fragen, die die Sendung beantworten will.
Doch erstmal schaut Eckart von Hirschhausen über den Tellerrand hinaus und lobt, dass es in Deutschland überhaupt so etwas wie eine gesetzliche Krankenversicherung gibt: „Das ist eine riesige Errungenschaft, dass wir kranke Menschen nicht mit Armut bestrafen.“ In den USA ist die Lage oft anders: Dort müssen sich Patienten entscheiden: Wollen sie eine teure Behandlung, die sie finanziell ruiniert – oder ergeben sie sich der Krankheit?
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Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Bundesregierung setzt Fehlanreize
Auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, will das erst mal herausstellen: Man habe in Deutschland „eines der leistungsstärksten Gesundheitssysteme“. Nur findet Gassen, dass die Regierung es mit dem aktuellen Ansatz nicht gerade besser macht, indem sie Fehlanreize setze. So könnten Gutverdiener von der gesetzlichen in die private Krankenkasse wechseln, weil sich das für sie rechnet.
Die Bundesregierung möchte die Krankenkassenbeiträge mit dem Beitragsstabilisierungsgesetz für gesetzlich Versicherte stabil halten. Allerdings sollen Patienten dafür an anderer Stelle zur Kasse gebeten werden. So sollen zum Beispiel die Zuzahlungen für Medikamente steigen.
Ökonomin spricht von „Sechs-Klassen-Medizin“
Die Gesundheitsökonomin Clara Schlagowski ordnet das ein: Dass die Zuzahlungen ansteigen, findet sie nicht problematisch, da diese seit 20 Jahren nicht gestiegen seien und man diese durchaus an die Inflation anpassen könne.
Doch mit einer anderen Wortmeldung lässt sie aufhorchen. Als Klamroth sie fragt, ob es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin gebe, korrigiert sie ihn. „Wir haben eine Sechs-Klassen-Medizin“.
Daraufhin zählt sie die einzelnen Klassen auf. Zuerst kommen Privatversicherte, die am allerschnellsten an Termine und Behandlungen kommen. Dann kommen gesetzlich versicherte Selbstzahler, die sich durch Geld schnellere Termine erkaufen können.
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70.000 Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland
In der dritten Klasse sind laut Schlagowski dann die gesetzlich Versicherten mit Kontakten, weil sie in einem akademischen Umfeld leben, in dem sie oft einen Arzt im Bekanntenkreis haben. Eine Klasse tiefer sind dann „normal gesetzlich Krankenversicherte ohne Kontakte – die müssen schon mal länger auf einen Termin warten“.
In der fünften Klasse sind dann Patienten mit Barrieren, zum Beispiel in „strukturschwachen Regionen“, oder mit „psychischen Problemen“, die aus verschiedenen Gründen erschwerte Bedingungen haben, einen Termin zu bekommen.
„Und die letzte Gruppe wird total außer Acht gelassen“, schließt Schlagowski. Das seien Menschen, die „gar nicht krankenversichert“ seien. „Darum müssen sich dann die Wohlfahrtsverbände kümmern.“ 70.000 Menschen betreffe das in Deutschland.
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Auch wenn die Bezeichnung „Sechs-Klassen-Medizin“ etwas überzogen wirken mag, sorgt Schlagowski mit ihrer differenzierten Darstellung der verschiedenen Gruppen in Deutschland für einen Aha-Moment.
Hendrik Streeck wirkt überfordert
Anders als Hendrick Streeck, der mit den Fragen von Louis Klamroth mehrmals überfordert wirkt. So weicht er Klamroths Frage aus, ob es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin gebe.
Doch Klamroth bleibt dran und fragt ihn etwas später erneut: „Gibt es bei Schwerkranken dieselbe Leistung – für privat und gesetzlich Versicherte?“ – „Das muss unser Anspruch sein“, sagt Streeck. „Das ist aber nicht so?“, hakt Klamroth nach. Streeck kapituliert: „Clara Schlagowski hat ja Punkte angebracht und das gehört zur Ehrlichkeit dazu: Dass unser Gesundheitssystem nicht perfekt ist.“
Streeck nennt verschiedene Maßnahmen, die die Terminvergabe verbessern sollen. Unter anderem plädiert er für ein „Primärarztsystem“, bei dem die Menschen erst zu einem Allgemeinmediziner gehen, der sie dann bei Bedarf erst auf einen Facharzt verweist und die Termine koordiniert. So sollen Fachärzte von unnötigen Terminen entlastet werden.
Gesundheitsministerin Warken „schaut bestimmt zu“
Streeck ist in seinen Erklärungen fahrig und gibt mehrmals zu, auch nicht alle aktuellen Pläne der Bundesregierung selbst zu vertreten. Da kommt die Frage auf: Warum musste sich überhaupt Streeck in dieser Sendung stellen? Warum kam Gesundheitsministerin Nina Warken, immerhin Parteikollegin Streecks, nicht selbst? Schließlich kommt es nicht so oft vor, dass sich eine Talkshow nur der Gesundheitspolitik der Bundesregierung widmet.
Doch Warken wird lediglich gegrüßt. „Sie schaut bestimmt zu“, sagt Klamroth. Ihre Abwesenheit sorgt dafür, dass in der Sendung nicht wirklich klar wird, was die Bundesregierung eigentlich vorhat.
Für die Zuschauer deutlich wichtiger dürfte da Patrice Aminatis Appell an die Prävention gewesen sein. Sie ist an Hautkrebs erkrankt, der nicht mehr geheilt werden kann, und befindet sich in palliativer Behandlung.
Aminati: „Prävention ist der beste Weg, um zu sparen“
Sie weiß, wie viel ihre aufwendige Behandlung gekostet hat, und sagt deshalb: „Prävention ist der beste Weg, um zu sparen. Wir verlagern sonst einen Kostenapparat in die Zukunft.“
Hirschhausen gelingt es auch hier, das große Ganze zu sehen und definiert den Begriff „Prävention“ weit über Screenings und Vorsorgeuntersuchungen hinaus: So seien auch eine gesunde Ernährung oder Sonnencreme bereits im Kindesalter sehr wichtig für die Gesundheit im weiteren Leben.
Hirschhausen visualisiert mit seiner Hand und sagt: „Wenn meine Hand das Gesundheitssystem ist, sprechen wir heute nur über den Nagel meines kleinen Fingers. Klamroth verteidigt seine Sendung gegen diese Kritik und führt an, dass es ja Dokumentationen gebe, die das Thema ganzheitlicher angehen. Aber heute seien eben die Pläne der Regierung das Thema.
Das wäre verständlich – hätte die Sendung das Thema strukturierter aufgegriffen und wäre jemand aus der Regierung, am besten Gesundheitsministerin Warken, anwesend gewesen. So leistet die Sendung weder das eine noch das andere.





