Es ist eigentlich nur ein Kriegsspiel – eine War-Simulation – an dem der österreichische Militärexperte Franz-Josef Gady teilgenommen hat. Aber in der ZDF-Talkrunde von Markus Lanz erregte sie doch die Gemüter. Gady hatte sich in einem Planspiel der „Welt“-Zeitung in die Rolle von Russland als angreifende Nation versetzt – und gewonnen.

Das Szenario: Nach einem hypothetischen Waffenstillstand im Sommer 2026 hat Russland die Ruhephase zur Auffrischung seiner Streitkräfte genutzt. Mit nur 15.000 Mann griff Gady als fiktiver russischer Oberbefehlshaber an der sogenannten Suwalki-Lücke das Nato-Land Litauen an. Bei der Attacke durch den nur 65 Kilometer langen Korridor, der zwischen der russischen Enklave Kaliningrad und Belarus liegt, besetzt Russland die litauische Stadt Marijampole. Als Vorwand dafür könnte Putin eine humanitäre Krise in Kaliningrad anführen.

Die große Frage war, ob und wie schnell die Nato reagieren würde. Und sie blieb offen. Dafür legte die „Spiegel“-Autorin Marina Kormbaki dar, dass die Solidarität mit den baltischen Staaten in Deutschland offenbar schwierig durchzusetzen ist. Trotz der Zulagen an die Soldaten und der Bereitstellung von Kita-Plätzen für die Familien falle es der Bundeswehr offenbar schwer, die für eine Stationierung in Litauen erforderlichen 4800 Soldaten und 200 zivilen Mitarbeiter zu gewinnen. „Es hapert offenbar an der Motivation.“

Auch interessant

„Markus Lanz“: Ehemaliger US-General skizziert Reaktion auf Angriff

Und die soll für einen Kampfeinsatz da sein? In der Tiefe wurde das in der Studiorunde nicht erörtert. Aber immerhin gab der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Truppen in Deutschland, Ex-General Ben Hodges, Deutschland eine Empfehlung, wie den Russen mit raschem Handeln begegnet werden könnte: Erstens könnten sämtliche russische Positionen in Kaliningrad unter anderem mit Cybermitteln binnen 24 Stunden ausgeschaltet werden.

Zweitens müsse man Moskau telegrafieren, es solle den Angriff sofort einstellen „oder es knallt“ und die russische Militärbasis auf der Halbinsel Kola mit den U-Booten „geht unter“. Hodges sagte, dass solch ein möglicher, theoretischer Angriff der Russen nur ein Ziel hätte: die Nato zu zerstören indem man zeige, „dass wir unsere Köpfe nicht hinhalten“ für andere Nato-Mitglieder.

Das ist natürlich die zentrale Frage der Münchner Sicherheitskonferenz gewesen und sie bleibt immer noch offen. Wie stark ist die Verpflichtung der USA gegenüber den europäischen Nato-Partnern, wie weit geht sie? Konsens war in der Runde, dass Amerika sich derzeit zunächst um die eigenen Interessen und den Heimatschutz sorgt, dass an zweiter Stelle der Indo-Pazifische Raum steht und höchstens an dritter Stelle Europa kommt.

Auch interessant

Friedrich Merz wird für klare Rede auf Münchner Sicherheitskonferenz gelobt

Wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in München die Fahne Europas hochgehalten und die Kluft zum Trump-Amerika deutlich gemacht hat, das sorgte allenthalben für Respekt. Von einer „guten Rede“ sprach Christoph Heusgen, der ehemalige Sicherheitsberater von Kanzlerin Angela Merkel, der im Übrigen im historischen Rückblick „schwere Fehler“ in der Russlandpolitik seit 2014 einräumte.

Ben Hodges sagte, dass die USA eigentlich nur Beziehungen auf Augenhöhe akzeptieren würden und in München habe er einen selbstbewussten Bundeskanzler erlebt, „wie ich ihn lange nicht gehört habe“. Gleichwohl dürfte die Rede von Merz „dem Weißen Haus nicht gefallen haben“. Moderator Lanz fragte daraufhin, „ob wir uns so eine Rede von Merz überhaupt leisten können?“ Die „Spiegel“-Journalistin Kormbaki, die Merz attestierte, „Courage aufzubringen, um Trump die Stirn zu bieten“, hatte da so ihre Zweifel. Zum einen sagte sie, dass sie da einen „anderen Merz mit einer klaren Sprache erlebt“ habe.

Aktuelle News zum Ukraine-Krieg

Merz sei früher so amerikafreundlich gewesen wie niemand sonst, „jetzt hat er mit Trump auf offener Bühne gebrochen“. Zölle, Klimaschutz, WHO das waren dafür die Stichworte und vor allem der Satz: „Die Maga-Bewegung ist nicht die unsere“. Ganz ohne Risiko sei das Verhalten von Merz nicht, meinte Kormbaki. So habe Außenminister Rubio beispielsweise danach zwei Termine mit deutschen Interessen in München abgesagt.

Zum Konfrontationskurs gehört auch die sogenannte Gift-Liste, die im Kanzleramt kursieren soll, mit US-Basen in Deutschland und deutschen Exportprodukten, die für die USA eminent wichtig sind und deren Entzug es treffen könnte. Die Veröffentlichung vor München sei „kein Zufall“, meinte Kormbaki, sondern ein interessantes Signal der Stärke. Vermutlich sei das die Grönland-Drohung von Trump gewesen, die Kanzler Merz zum Umdenken gebracht habe, da sei für ihn eine Rote Linie überschritten gewesen.

Aber wie dem auch sei. Donald Trump verändert die Welt. Auch Deutschland. In den USA werde nur über Deals gesprochen, bedauerte Kormbaki, aber es gebe Anzeichen dafür, „dass man sich in Berlin auf so ein Denken einlässt“. So habe Merz die gemeinsamen Interessen im transatlantischen Verhältnis betont, nicht aber von Werten gesprochen. Ein feiner Unterschied und ein Zeichen dafür, wie sich die Welt gewandelt hat.