Wer die Agenda von Markus Lanz an diesem Mittwochabend hört, könnte meinen, es sei ein Wettlauf um Themenfülle: Renten, Sozialpolitik, Steuern, SPD-Sorgen, erneut die Personalie Frauke Brosius-Gersdorf. Und nicht zu vergessen: das neue Buch von Ferdinand von Schirach. Die Lanz-Tugend, in möglichst viele Fronten gleichzeitig hineinzugrätschen, zeigt hier ihre Schattenseite. Doch die Runde rettet sich – durch einen Gast, dessen Wirkung noch lange nachhallt.

Ferdinand von Schirach, Jurist und Autor, prägt den Abend mit Klarheit und analytischer Schärfe. „Wir haben das komplizierteste Steuersystem der Welt – nach Meinung aller“, erklärt er. Der Ruf nach Vereinfachung, alle Ausnahmen abzuschaffen, ist so nachvollziehbar – mindestens für alle, die schon einmal eine Steuererklärung ausgefüllt haben –, und wurde selten so nüchtern vorgetragen: „Wir machen eine Regelung eines jeden Einzelfalls. Und dann regeln wir noch die Ausnahme von dem Einzelfall. Und dann die Ausnahme von der Ausnahme.“

Ferdinand von Schirach: Deutschlandfonds statt Ausnahmen bei der Erbschaftssteuer

Von Schirach fordert einen grundsätzlichen Blick: Steuerpolitik dürfe nicht zum undurchschaubaren Dickicht werden. Er plädiert für einen Deutschlandfonds nach norwegischem Vorbild: Familienunternehmen könnten Anteile einzahlen und im Gegenzug von der Erbschaftssteuer befreit werden. „Das wäre etwas, womit Sie wirklich Renten finanzieren könnten.“ Niemand widerspricht ihm in der Runde. 

Seine Wirkung beschränkt sich nicht auf Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer: Mit seiner ruhigen, gewählten und höflichen Sprache argumentiert er sorgfältig und unaufgeregt. Ja, er vermittelt Sicherheit. Vielleicht auch, weil er nicht zur sonst üblichen Politikersprache greift.

Anke Rehlinger fordert Klarheit – und bringt sie selbst nicht

SPD-Vizevorsitzende Anke Rehlinger mahnt an: „Wir brauchen eine Gerechtigkeitsentscheidung.“ Doch wenn Lanz nach konkreten Maßnahmen fragt, bleibt sie unklar. „Lassen Sie uns gucken, was wir bei der Prävention besser machen können“, sagt sie. Kerstin Münstermann, Leiterin des Parlamentsbüros der „Rheinischen Post“, hält dagegen: „Das klingt toll, aber das sind Themen, die bisher nie umgesetzt wurden.“

Sie rechnet nüchtern vor: „Man kann 30 Milliarden nicht einsparen, ohne im Haushalt 27 irgendwo anzuheben – wenn man nirgends sparen will.“ Ihr Fazit: Steuererhöhungen seien unausweichlich.

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Kritik an der SPD-Strategie

Von Schirach wird noch deutlicher: „Das Problem ist, dass die SPD seit zehn Jahren Politik für eine Klientel macht, die sie nicht wählt.“ Wenn die Partei so weitermache, sei eine Zukunft unter zehn Prozent bei Bundestagswahlen realistisch. Zusammenreißen müsse sie sich mit der Union, so sein Appell.

Rehlinger widerspricht nicht. Auch sprachlich zeigt sich ein Unterschied: Während Schirachs Sätze druckreif wirken, rutscht Rehlinger in SPD-Floskeln. „Wir wollen mehr Netto vom Brutto haben, am Ende des Tages“, sagt sie.

Das scheint auch Markus Lanz zu ermüden: „Wenn man SPD-Vertretern zuhört, dann kann ich von zehn auf null runterzählen, ungefähr bei zwei fällt das Wort Dachdecker. Man hat den Eindruck, die gesamte deutsche Arbeiterschaft besteht aus Dachdeckern“, kokettiert er.

Da schließt sich auch RP-Journalistin Münstermann an: „Bei der SPD hat man immer das Gefühl, wenn man über Reformen oder Einsparungen spricht, sofort ein ‚Bullshit‘ zu bekommen.“ Dieser sehr klare Blick macht ihre Rolle eindeutig – auch wenn ihre Einschätzungen gelegentlich ins Lehrmeisterhafte kippen. 

Debatte um Brosius-Gersdorf erneut auf dem Tisch

Dass Lanz an diesem Abend noch einmal über die Kandidatur der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf für das Bundesverfassungsgericht diskutieren will, erscheint müßig.

Er begründet das mit seinem Talkgast von Schirach. Doch klar ist: Das Thema wurde vor der Sommerpause schon hinlänglich diskutiert. Irgendwann tritt Sättigung ein. Wäre es nicht von Schirach, der in wenigen, klaren Sätzen erklärt, warum Juristen über den Beginn der Menschenwürde streiten – und warum solche Stimmen für die Weiterentwicklung des Rechts unabdingbar sind –, hätte man längst zur Fernbedienung gegriffen.

Dann hätte man auch die sehr erstaunliche Wendung verpasst – hin zum Gaza-Krieg. Lanz fragt, was von Schirach denkt, wenn Völkerrechtler das Vorgehen Israels als Genozid einstuften. Von Schirach antwortet knapp und eindringlich: „Jemandem mit meinem Nachnamen steht in den nächsten fünfhundert Jahren nicht zu, irgendetwas dazu zu sagen.“ Sein Großvater Baldur von Schirach war einer der zentralen NS-Verbrecher. 

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„Der stille Freund“ – Eine Gutenachtgeschichte?

Zum Abschluss liest Lanz fast ein ganzes Kapitel aus Schirachs neuem Band „Der stille Freund“ vor. Dass der Autor mit seinem Auftritt nicht nur als Jurist, sondern auch als Schriftsteller und irgendwie auch – es klingt so floskelhaft, aber ist so passend – als Mensch brilliert, ist kaum zu übersehen. 

In einer Sendung, die droht, im Themenüberfluss zu versanden, trägt er den Abend. Ferdinand von Schirach – ein Mann, den man ausreden lässt und der die Gabe hat, perfekt zitierbar zu sprechen. Seine Fähigkeit, schwierige Zusammenhänge präzise und ruhig auszubreiten, lässt die Stärken, wie die Schwächen der anderen Gäste umso deutlicher hervortreten.