Gerade noch wollte Jens Spahn, zugeschaltet per Video, erklären, wie sich die vielen Ausnahmesituationen auf sein Leben in den letzten zehn Monaten ausgewirkt hätten – da platzte das „Heute Journal extra“ mit
Angela Merkel
und den heiß erwarteten
Beschlüssen des Corona-Gipfels
in die Sendung: Der Teil-Lockdown bleibt bis 20. Dezember bestehen, erklärte sie, „Geduld, Solidarität und Disziplin werden noch einmal auf eine harte Probe gestellt“.


„Wenn die Kanzlerin spricht, hat das Vorrang“, kommentierte
Markus Lanz
brav die Zwangspause, die seinem Jahresrückblick immerhin eine brandaktuelle Nachricht bescherte. Nur der Bundesgesundheitsminister war danach nicht mehr online.


Das späte Ende des Gipfels würfelte bei „Markus Lanz“ an diesem Mittwoch alles durcheinander, grätschte brachial in eine ohnehin übervolle Sendung mit 16(!) Gästen. Denn kaum vorbei, gaben sich auch Armin Laschet und
Markus Söder
für ultrakurze Statements quasi die Videokamera in die Hand. Hamburgs Erster Bürgermeister, Peter Tschentscher, kam sogar persönlich ins Studio, wenn auch verspätet.

„Markus Lanz“: Das waren die Gäste


  • Markus Söder
    (CSU)
    , bayerischer Ministerpräsident

  • Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD)
    , Mitglied des Deutschen Bundestages und Arzt

  • Prof Dr. Hendrik Streeck
    , Virologe

  • Stephan Pusch
    , Landrat des Corona-Hotspots Heinsberg

  • Dr. Jördis Frommhold
    , Chefärztin an der Rehaklinik in Heiligendamm

  • Susanne Herpold
    , Corona-Intensivpatientin der ersten Stunde

  • Bernhild Braun
    , Leiterin eines Seniorenzentrums in Mainz

  • Tim Mälzer
    , TV-Koch und Restaurantbesitzer

  • Johannes Oerding
    , Sänger

  • Ajla Kurtovic und Saida Hashemi
    , Hinterbliebene des Anschlags von Hanau

Weihnachten während der Pandemie: Das sagen die Experten


Gedrängelt von einer begrenzten Sendezeit, interessierte Markus Lanz beim Defilee der MPs vor allem eine Frage: Wie wird
Weihnachten
dieses Jahr aussehen?


Die Antworten fielen eindeutig aus. „Weihnachten mit Après-Ski und Ski-Tourismus kann ich mir nicht vorstellen“, machte Markus Söder klar und hoffte, dass sich auch Österreich in dieser Frage den anderen europäischen Wintersportgebieten anschließen werde. Während
Armin Laschet
davon ausging, dass sogar die Gastronomie über die Feiertage geschlossen bleiben müsse: „Die Zahlen sind zu hoch, um irgendwas zu öffnen“.
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Trotz dieser Aussichten blieb
Tim Mälzer
diesmal ruhig sitzen. Er hatte sowieso beschlossen, sein Hamburger Lokal „Die gute Botschaft“ erst im März wieder zu öffnen. Es lohne sich wirtschaftlich nicht, für nur zehn Tage den Betrieb aufzunehmen: „Das ist ja nicht nur den Herd kurz anschmeißen“, erläuterte er gewohnt hemdsärmelig, „die Organisation braucht einen Vorlauf von drei Tagen“.


Mit seinem Vermieter habe er vereinbaren können, dass er in den Wintermonaten keine Miete zahlen müsse, sonst hätte er sein Restaurant ganz schließen müssen. „Aber die Gelder müssen jetzt fließen. Den ersten geht die Luft aus“, mahnte er, an seinen Podiumsnachbarn
Peter Tschentscher
gerichtet.


Der versuchte vor allem zu beruhigen: „Der Bund arbeitet daran, die Auszahlungen so bald wie möglich zu machen“, erklärte er. Zehn bis 15 Milliarden werde das kosten. „Damit leisten wir mehr
Wirtschaftshilfe
als alle anderen europäischen Länder zusammen“. Schwierig sei nur, die Beihilfen so zu gestalten, dass auch die Wettbewerbskommission in Brüssel sie genehmigte.

Markus Lanz blickt auf die Ereignisse des Jahres zurück


So live, so aktuell war „Markus Lanz” noch nie. So lang auch nicht. Zweieinhalb Stunden blickte der Moderator mit einer Spezialausgabe auf das außergewöhnliche Jahr 2020 zurück.
Covid-19
und die Folgen – „das war eine Achterbahn für jeden, und für jeden eine andere“, befand er. Sein Jahresrückblick sollte deshalb auch der Versuch sein, zu verstehen, was dieses Corona-Jahr mit uns als Gesellschaft, mit jedem Einzelnen von uns, gemacht habe.


Wären die aktuellen MPK-Beschlüsse nicht dazwischengekommen, wäre das Konzept, die wichtigsten Stationen der
Pandemie
mit kurzen Videos und wechselnden Gesprächsrunden Revue passieren zu lassen, besser aufgegangen.


Zumindest für Zuschauer, die regelmäßig bei „Markus Lanz“ einschalten – im Schnitt der letzten Wochen immer mehr als 1,3 Millionen – war das Wiedersehen mit den beliebtesten Gästen seines Talk-Jahres aber interessant. Ganz zum Schluss gab es sogar noch einen Live-Act – mit
Johannes Oerding
und seinem Song „Blinder Passagier“.

Karl Lauterbach wehrt sich gegen Kritik

Karl Lauterbach (SPD), Bundestagsabgeordneter; Gesundheitsökonom und Epidemiologe.
Karl Lauterbach (SPD), Bundestagsabgeordneter; Gesundheitsökonom und Epidemiologe.© WDR/Oliver Ziebe | WDR/Oliver Ziebe


Wie hatte die Pandemie also zum Beispiel das Leben von
Karl Lauterbach
verändert? Wo er doch, so Markus Lanz, binnen weniger Monaten von einem „großen Aufklärer zur Hassfigur“ der sozialen Medien wurde.


Als „teilweise sehr unangenehm“, erlebte der
SPD-Gesundheitsexperte
und „Lanz“-Dauergast vor allem die „immer aggressiveren“ Angriffe auf seine Person. „Ich mache das ja nicht, um Angst zu machen“, rechtfertigte er seine meist zutreffenden, wenn auch oft düsteren Vorhersagen.


Auch sei er, was viele nicht vermuten wollten, privat ein sehr sozialer Mensch. Er gehe vier- bis fünfmal die Woche ins Restaurant, treffe viele Freunde. „Mir fehlt das jetzt auch“, bedauerte er. „Aber ich bin vorsichtig geworden“, gab der Epidemiologe zu, der fast gar nichts anderes mehr als Studien zu
Corona
lese: „Je mehr ich weiß, desto mehr versuche ich, das Virus nicht zu bekommen.


Von einem „Wechselbad der Gefühle“, sprach auch
Hendrik Streeck
, der zu Beginn der Pandemie mit der „Heinsberg-Studie“ urplötzlich zum Medien-Star wurde. Dann hatte der Virologe öffentlich davor gewarnt, Panik zu verbreiten. Von da an galt er als Gegenspieler von Christian Drosten und anderen Virologen. „Da versucht man, sich differenziert auszudrücken, und qualifiziert sich sofort für einen Shitstorm“, fasste er zusammen.


„Dabei wollen wir alle das gleiche“, beeilte er sich nun richtig zu stellen. „Wir müssen die
Risikogruppen
schützen“. Schließlich habe ein 80-Jähriger ein 3000-fach höheres Risiko an Corona zu sterben wie ein 20-Jähriger.

Corona-Überlebende berichten über Krankheitsverlauf

Zwei, die die Auswirkungen des Virus hautnah erlebt hatten, waren an diesem Abend erneut bei „Markus Lanz“ zu Gast: „Sehr still“ sei es Zuhause geworden, erzählte der 22-jährige Leonard Hess, dessen Vater im März, nach einem Ski-Urlaub in Ischgl plötzlich an Covid-19 gestorben war.


Auch
Susanne Herpold
(55) war gerade aus dem Ski-Urlaub zurückgekehrt, als sie Fieber und Husten bekam. Auch sie kam ins Krankenhaus, wurde 13 Tage im künstlichen Koma beatmet und musste anschließend in einer Reha erst wieder lernen, richtig zu atmen. Noch heute, acht Monate nach ihrer Infektion, würde sie an Gedächtnislücken leiden, berichtete sie.


Für
Jördis Frommhold
von der Rehaklinik in Heiligendamm war dies eine typische, häufige Nachwirkung der Corona-Erkrankung: „Selbst bei leichten Akut-Verläufen sehen wir noch Monate nach der Erkrankung neurologische Einschränkungen“, erklärte sie: Patienten könnten nicht visualisieren. Oder verstehen oder behalten, was sie gerade gelesen hätten.


Schlaflose Nächte hatte auch
Stephan Pusch
, allerdings „wegen tausender Probleme: Woher bekomme ich Schutzmaterial, woher Tests?“ Das war im Februar, noch zu Beginn der Pandemie. „Heute sind wir viel weiter“, berichtete der Landrat von Heinsberg von seinen Erfahrungen als Krisenmanager des ersten Super-Spread-Events in Deutschland.


Für
Bernhild Braun
blieb es „eines der schrecklichsten Erlebnisse“, als im April 31 Bewohner des Mainzer Seniorenzentrums, das sie leitete, an Covid-19 erkrankten und sieben starben: „Zuzusehen, wie (demenzveränderte) Menschen immer weniger werden, weil man ihnen keine Nähe geben kann“. Auch heute noch, fünf Wochen nach Ankündigung, seien an ihr Heim noch keine Schnelltests geliefert worden, wie versprochen.

Terrorangriff: Attentat von Hanau bis heute ein großes Thema


Dass neben Corona auch andere Ereignisse noch das Jahr erschütterten, kam erst gegen Ende der Sendung zur Sprache und wirkte, wenn auch ungewollt, wie ein schwaches Anhängsel. Ob
Ajla Kurtovic
, die im Februar ihren Bruder bei dem rassistischen Attentat von Hanau verloren hatte, wegen dieses Eindrucks kurz vor ihrem Auftritt das Studio verließ? Oder doch wegen der emotionalen Belastung, noch einmal vor laufender Kamera darüber sprechen zu müssen?


An ihrer Seite saß Grünen-Parteichefin
Annalena Baerbock
, die ihren Part quasi übernahm und forderte, dass die Umstände dieses rechten Terrorangriffs vollständig aufgeklärt werden müssten: „Es ist eine Aufgabe von uns allen, das nicht zuzulassen, dass die Gesellschaft in ,die‘ und ,die anderen‘ gespalten wird.“

US-Korrespondenten: Diese Auswirkungen hat Corona auf die Staaten


Als dann noch die US-Korrespondenten des ZDF zugeschaltet wurden, war es jedenfalls zu viel des Corona-Rundumschlags 2020. Dass das Virus Einfluss auf den
US-Wahlkampf
gehabt habe, schien für alle, die regelmäßig Nachrichten verfolgten, keine Frage: „Corona wirkt wie ein Katalysator, auch für soziale Probleme“, erläuterte Elmar Theveßen. Mit 2100 Toten täglich – wie an diesem Tag wieder, seien alle Familien betroffen.


Und
Johannes Hano
, der in New York arbeitet, beklagte die um 40 Prozent erhöhte Konkurswelle in der Stadt: „New York ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ob die Stadt jemals wieder so wird, wie wir sie kannten, muss man sehen.“

„Markus Lanz“ – So liefen die letzten Sendungen