Herbst 1999: „Hamlet“ in der Inszenierung von Peter Zadek läuft an der Schaubühne. Der Bühnenrevolutionär hat seine „Familie“ mitgebracht: Mit Angela Winkler lässt er erstmals eine Frau den Hamlet spielen, Eva Mattes übernimmt die Rolle von Hamlets Mutter, Königin Gertrud. Knut Koch ist Reinhold und Hermann Lause der Geist von Hamlets Vater. Otto Sander spielt Claudius. Und Ulrich Wildgruber, 22 Jahre zuvor Zadeks Hamlet, spielt diesmal Polonius, den zweiten Mann im Staate Dänemark. Das Publikum erlebt also jene Schauspieler-Garde, die einst in provokanten Aufführungen die Abonnenten aus den Parketts vertrieb, mittlerweile aber volle Häuser garantiert. Alle 35 Berliner Vorstellungen im Oktober und November sind ausverkauft.

Am 29. November, gut zwei Wochen nach der letzten Aufführung an der Schaubühne, fährt Wildgruber von Berlin nach Sylt. Hier hat der Künstler seit Jahren ein Feriendomizil. In der Nacht zum 30. November ertrinkt er in der Nordsee. Spaziergänger finden seinen Körper am Strand, von der Flut tief in den Sand gedrückt. Der Nichtschwimmer Wildgruber, der, so die Untersuchung, weder alkoholisiert noch narkotisiert war, ist offenkundig freiwillig ins Wasser gegangen. Zuvor hat er noch seine Rechnungen bezahlt, die Versicherung in Ordnung gebracht und einen letzten Brief geschrieben. Der schwer Herzkranke wollte niemandem zur Last fallen, auch nicht seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Martina Gedeck. Was ihn in den Tod trieb, war wohl die Angst davor, nie mehr auf einer Bühne spielen zu können. Ohne Theater verlor für Wildgruber das Leben seinen Sinn.

„Er spielte wie ein Triebtäter“

Kaum ein Schauspieler in Deutschland hat das Publikum so verwirrt und verletzt. Niemand wurde so oft ausgebuht, aber kaum jemand erntete so viele Jubler wie Wildgruber, der keinen Satz im Gleichmaß deklamierte, dafür eher nuschelte und grunzte. „Eigentlich hat er Theater gespielt wie ein Triebtäter“, umschrieb seine oftmalige Bühnenpartnerin Eva Mattes die Art, wie sich Wildgruber wortwörtlich für die Kunst verzehrte und dabei keine Kompromisse einging. Ein Getriebener und Treibender, der auf der Bühne flehte und zugleich befahl, der mit hochmütigem Ton daherkam, aber dabei immer wie ein großes Kind wirkte, das seine Umwelt bestaunt. Frei nach Ringelnatz: „Überall ist Wunderland. Überall ist Leben.“

Der Schauspieler kam aus einer Stadt, von der Spötter sagen, sie sei eine Erfindung: aus Bielefeld. Hier wurde Wildgruber am 18. November 1937 als Sohn eines Buchbinders geboren. Auch wenn er später behauptete, er sei nur Schauspieler geworden, weil ihm nach dem Abbruch der höheren Schule nichts anderes übrig geblieben war, schien das Feuer weit früher in ihm entfacht, seit der Schulzeit und der Mitwirkung in einer Laiengruppe.

Ausbildung in Wien

Seine Zeit als Eleve am Bielefelder Theater beendete er mitten in der Spielzeit aufgrund einer negativen Kritik, mit der Drohung, aus dem Leben zu scheiden. Die Ausbildung an einer Hamburger Schauspielschule endete mit Rausschmiss, er besuchte mehrere Schauspiellehrer, schlug sich zwischendurch mit diversen Jobs durch.

Ab 1960 schließlich erfuhr er am ehrwürdigen Max-Reinhardt-Seminar in Wien seine Ausbildung zum Schauspieler, ging von dort an die Komödie Basel, nach Heidelberg sowie nach Oberhausen, wo er in der Titelrolle in Peter Handkes „Kaspar“ seinen ersten Erfolg feierte. Er war in Stuttgart engagiert und 1971 auch kurze Zeit an der Berliner Schaubühne von Peter Stein.

Gegen den Rollentypus besetzt

Dann kam Zadek, der ihn 1972 nach Bochum holte. Der Regisseur besetzte den korpulenten Schauspieler – äußerlich alles andere als der jugendliche Liebhaber – meist gegen den gängigen Rollentypus. In den drei Jahren am Bochumer Schauspielhaus spielte, vielmehr verkörperte Ulrich Wildgruber alle großen Shakespeare-Rollen. Für den Schauspieler war es der Durchbruch. Zadeks Regiearbeiten zerschmetterten sämtliche Konventionen. So kraftvoll und dann wieder zart wie die Inszenierungen war auch Wildgrubers Spielweise, die mit hohlem Pathos und falschem Realismus auf der Bühne aufräumte. Trotz seines mächtigen Körpers trat er federleichten, fast tänzelnden Schrittes auf, adäquat zur ebenso seltsamen Sprachmelodie, einer Art Singsang. Loderte aus den Augen das Entsetzen, so leuchtete im nächsten Moment aus ihnen ein sonniges Lächeln auf. Der monströs-komische Versuch, die Welt zu verstehen: In diesem Punkt schien Handke sein Kaspar-Hauser-Stück fast auf diesen Schauspieler zugeschrieben zu haben: „Kaspar ist die verkörperte Verwunderung.“

Bürgerschreck-Theater

Davon zeugt selbst sein unvergessener Hamburger „Othello“ unter Zadek, in Berlin 1977 (wie andere Hamburger Inszenierungen Zadeks) beim Theatertreffen zu sehen und bis heute Inbegriff des Bürgerschreck-Theaters. Wildgruber als mit schwarzer Schuhwichse gefärbter und damit abfärbender Bilderbuch-Mohr erschien wie ein rasendes Kind, dem man sein Spielzeug, die von Eva Mattes gespielte Desdemona, entrissen hatte.

Hamlet, Othello, Tartuffe, Dr. Schöning in „Lulu“ oder Gajew in „Kirschgarten“, sie wirkten bei Wildgruber oft gleich. Doch das Riesenkind offenbarte bei genauem Hinsehen seltsame Nuancen. Das „Walross mit Schmetterlingsflügeln“, wie man ihn einmal nannte, drängte sich nicht vor die Bühnenfiguren, sondern näherte sich ihnen behutsam und voller Zuneigung an, um dann aus fast jeder Silbe des Textes eine neue Facette herauszuholen. „Dichter haben Narrenfreiheit, ich bin Verhaltensforscher“, soll er einmal gesagt haben.

Hamburg und Berlin

Als Protagonist der Befreiung des deutschen Theaters nach 1970 genoss der Schauspieler am Ende höchste Reputation. Neben Hamburg und dem geliebten Deutschen Schauspielhaus, wo er bis 1991 blieb, zählte er Berlin zu seinen Lieblingsstädten. Besonders das Theater am Schiffbauerdamm war ihm früh ein Sehnsuchtsort.

Doch das Berliner Publikum erlebte ihn an der Schaubühne, der Freien Volksbühne und sogar im Theater des Westens, wo er unter Zadek im, allerdings künstlerisch desaströsen, „Blauen Engel“ den Professor Unrat gab.

Große Momente hatte der Darsteller außerdem mit Film- („Eiszeit“, „Die Wilden Fünfziger“) und Fernsehauftritten („Tatort“). Auch privat galt Wildgruber als liebenswerter Verrückter, der sich wiederum rührend um seine Mitmenschen kümmern konnte.

Umso tiefer der Schock nach seinem plötzlichen Tod. Theater ohne Wildgruber, so zeigen es die Berichte von damals, ist Ende 1999 für Künstler, Publikum und Kritiker kaum vorstellbar.